Neue Altstadt Frankfurt

Rund 200 Millionen Euro ließ sich Frankfurt seine Neue Altstadt kosten. Vor einem Jahr eröffnet, hat sich das Quartier zum erhofften Touristenmagneten entwickelt. Das eine oder andere läuft aber noch nicht richtig.

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Schon über den Namen lässt sich streiten: Neue Altstadt. Klingt widersprüchlich, bezeichnet andererseits zutreffend das neubebaute Karree zwischen Braubachstraße, Römerberg, Schirn und Domstraße in der Frankfurter Innenstadt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ein Jahr Neue Frankfurter Altstadt

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Dort stand bis zu verheerenden Bombenangriffen im März 1944 eine typisch deutsche Altstadt mit Fachwerkhäuschen und engen Gassen. Knapp 30 Jahre später schlug der Brutalismus in Form des Technischen Rathauses, eines Ungetüms aus Waschbeton, durch - und vielen Bürgern zunehmend aufs Gemüt.

In bewährter Frankfurter Tradition riss man das Gebäude keine 40 Jahre nach Fertigstellung ab und errichtete an seiner Statt 35 drei- bis vierstöckige meist spitzgiebelige Häuser, 15 davon als Rekonstruktionen einst ortsprägender Bauwerke wie die Goldene Waage, Haus am Rebstock und Klein-Nürnberg. Die restlichen 20 orientieren sich in ihrer Formensprache an der Vergangenheit und lassen Platz für Stadtgeschichte: den wiederhergestellten Krönungsweg zwischen Dom und Römer, den wiederhergestellten Hühnermarkt, ein paar verwinkelte Altstadtgassen, wie es sie in der Stadt sonst kaum gibt.

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Vor einem Jahr wurde die Neue Frankfurter Altstadt mit einem wochenendlangen Bürgerfest eröffnet. Was funktioniert dort, und was passt nicht?

TOP: eine Neue Altstadt

Das Technische Rathaus mag ein Kind seiner Zeit gewesen sein und wichtige städtische Ämter in Laufnähe zum Römer, dem Sitz der Stadtspitze und der Stadtverordneten, gebündelt haben. Aber seien wir ehrlich: Der hässliche Klotz erdrückte seine Umgebung. Die Stadt entschloss sich zu einer Reparatur des Straßenbildes an einer zentralen Stelle und ließ sich das mit rund 200 Millionen Euro richtig viel kosten. Für ein paar Häuser mit schmucken und fast übertrieben ausgestalteten Fassaden, für eine überbordende Liebe zum Detail, für den krönenden Abschluss der Brauchbachstraßensanierung. Für echtes Fußgängerflair: 7.000 Menschen vertreten sich hier im Schnitt täglich die Füße, darunter viele Touristen. Gut auch fürs Geschäft.

FLOP: die Neue Altstadt

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Das Technische Rathaus mag ein hässlicher Klotz gewesen sein, aber wenigstens war es ein Kind seiner Zeit. Die Altstadt war zeitgemäß im Mittelalter und der frühen Neuzeit - warum sollte man im 21. Jahrhundert noch so bauen? Außer man möchte gewisse Handwerkskünste vor dem Aussterben bewahren. Manche Architekten und andere Kritiker warnten vor den Rekonstruktionen und der historisierenden Bauweise, das sehe schon bei den vorgehängten Fassaden der Ostzeile am Römerberg peinlich aus. Nichts anderes als eine Puppenstube und ein Disneyland sei die neue Altstadt, und auch wenn die Touristen strömten: Verhindern sie in ihrer Masse nicht von vornherein Gemütlichkeit und Kontemplation? Bummeln dort auch Frankfurter?

TOP: Museen in besserem Licht

Dass Frankfurt als ein Hort des kritischen Geists und eines selbstbewussten Bürgertums gilt, liegt auch an Friedrich Stoltze. Als Herausgeber der Zeitschrift Frankfurter Latern gab er der antipreußischen Haltung in der Stadt eine Stimme, begründete eine bis heute anhaltende satirische Tradition und hinterließ Mundart-Freunden einen reichen Fundus. Gefunden haben das Stoltze-Museum bislang nur Eingeweihte (in einem Türmchen in einem Hinterhof in der Töngesgasse). Seit vorigem Jahr kommt Stoltze prominent in der Neuen Altstadt zu seinem Recht. Keine 200 Meter von dort kam er vor gut 200 Jahren zur Welt (am Rebstock).

Viertklässler der Frankfurter Kirchnerschule im Foyer des Struwwelpeter-Museums

Die Geschichten vom Struwwelpeter und den anderen eigensinnigen Kindern jagen Lesern weltweit Schauer über den Rücken. Womöglich landete der Frankfurter Nervenarzt Heinrich Hoffmann damit einen größeren Bestseller als Goethe mit seinem "Faust". Bisher lernte man in einer nicht weiter auffälligen Wohnstraße nahe dem alten Unigelände im Struwwelpeter-Museum dazu Näheres. Oder eher nicht. Mit dem Umzug ins Touristendelta erfahren auch dieser Frankfurter Großbürger und sein Werk mehr Aufmerksamkeit.

FLOP: Licht aus im Dessousladen

Für Bettina Paul, Betreiberin des Dessousladens Marie Antoinette, lohnte sich das Abenteuer Neue Altstadt nicht. Nur ein halbes Jahr nach der Eröffnung gab sie ihr Geschäft dort wieder auf. Weil die städtische Entwicklungsgesellschaft im neuen Frankfurter Schmuckkästchen keine Buden mit billigem Tand oder Filialen von großen Ketten haben wollte, verpachtete sie die Ladenflächen an Einzelhändler mit hoher Bindung zu ihrer Ware. Angesichts der erwarteten Touristenschwemme in der Neuen Altstadt sind Schmuckverkäufer (davon gibt es drei), eine Boutique mit Steiff-Plüschtieren, die Höchster Porzellan-Manufaktur und ein Laden mit getöpferten Miniatur-Römern vermutlich am richtigen Ort - und die Dessousfachhandlung eher off topic.

TOP: Archäologischer Garten

Früher musste man die Eckdaten der Stadtgeschichte parat haben, um den merkwürdigen Steinparcours zwischen Technischem Rathaus und Schirn zu deuten. Seit der Archäologische Garten überdacht ist und unter dem Namen Kaiserpfalz Franconofurd ein pädagogisches Begleitkonzpet mit Text und Bild erhielt, verstehen auch weniger Belesene oder Durch-die-Zeit-Gereiste, dass sie hier vor den Überresten von Frankfurts Ursprung stehen: Mauern einer römischen Niederlassung und eines frühmittelalterlichen Königshofs.

FLOP: Stadthaus

Über dem Freiluftmuseum der Kaiserpfalz spannt sich das Stadthaus, das einerseits Betriebstechnik für das gesamte Areal birgt, andererseits einen großen Veranstaltungssaal und Seminarräume. Für welche Veranstaltungen? Das fragt seit gut drei Jahren immer mal jemand (mitunter auch der Landesrechnungshof) - Antworten sind nur spärlich überliefert. Das Stadthaus war das erste fertiggestellte Haus in der Neuen Altstadt und bis heute das ungenutzteste. 24 Veranstaltungen gab es im Jahr 2017, um die 30 im Jahr 2018, im laufenden Jahr soll die Zahl schon über 60 liegen. Die Miete für das Haus kostet 3.500 Euro am Tag. Für Vereine lag sie mit 1.500 Euro deutlich darunter, aber immer noch zu hoch. Hier wollte die Stadt nachbessern. W-LAN scheint auch ein Problem zu sein.

Frankfurter Altstadt

TOP: Gaststätten

Ein Café in der Goldenen Waage, dem spektakulärsten Haus am Platz. Eine Weinbar am Krönungsweg. Ein Wirtshaus am Hühnermarkt, dem zentralen Platz. Ob das alles auch gastronomisch überzeugt, ist Geschmackssache. Aber man sitzt schön. Mitten in Frankfurt und abseits des Römerbergs, an dem man sich auch sattsehen kann, sitzt man schön und ohne Verkehr vor der Nase. Bleibt zu hoffen, dass die Feuerwehr die Außengastronomie weiterhin zulässt und nicht sämtliche Plätze und Gässchen in der Neuen Altstadt als Rettungs- und Abstellplätze im Notfall für sich reklamiert.

FLOP: Stille Örtchen

Nicht mehr ganz so gemütlich sitzt es sich im Café, wenn ganze Busladungen an einem vorbei zur Toilette drängen. Eine auffindbare WC-Anlage mit einem gewissen Fassungsvermögen haben sie im ausgeklügelten Neue-Altstadt-Konzept irgendwie vergessen, weswegen die Stadt auf die Anlage am nahen Paulsplatz verweist, aber wo ist die denn noch mal? Und durch die ganzen Touristen zum Paulsplatz, und finden wir uns dann wieder? Keine Ahnung, warum das wieder so lang dauert, aber hier muss eine schnelle Lösung her. Manche lassen es schon an den Altstadt-Mauern aus - eine Sauerei.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 27.09.2019, 16.45 Uhr