Historische Schwarz-Weiß-Aufnahme von Kindern, die in Krankenbetten auf einem Balkon liegen

Der Arzt Werner Catel war in der NS-Zeit an der Ermordung behinderter Kinder beteiligt. Nach dem Krieg machte er Karriere in Hessen. Noch in den 1950er Jahren führte er im Taunus illegale Medikamententests an Kindern durch - mit tödlichen Folgen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found NS-Arzt Werner Catel: Tödliche Experimente an Kindern in der Nachkriegszeit

Schwarz-Weiß-Portrait eines etwa 40-jährigen Mannes
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Eigentlich waren die schwer kranken Kinder in den Taunus gekommen, um sich zu erholen: Frische Luft, viel Ruhe – das galt in der Nachkriegszeit als einzig wirksame Therapie gegen die weit verbreitete und oft tödliche Lungenkrankheit Tuberkulose. Doch in der idyllisch gelegenen Tuberkuloseheilanstalt Mammolshöhe in Königstein (Hochtaunus) erwartete die Kinder etwas ganz anderes: Die äußerst fragwürdige "Behandlung" von Professor Catel.

Werner Catel (1894 bis 1981) war in der NS-Zeit als NSDAP-Mitglied und Professor für Kinderheilkunde in Leipzig maßgeblich an der systematischen Ermordung behinderter Kinder beteiligt. Als medizinischer Gutachter entschied er darüber, was lebenswertes Leben war und was nicht. Geistig schwer behinderte Kinder  sah er als "untermenschliche" Geschöpfe an - die er mitunter auch selbst tötete, um sie und ihr Umfeld "zu erlösen", wie er es nannte. Nach heutigem Forschungsstand wurden in der von Catel geleiteten Leipziger Kinderklinik wohl deutlich mehr als 100 behinderte Kinder getötet.

Vier Kinder sterben an illegalen Tests

Trotzdem wurde der Kinderarzt 1947 offiziell "entnazifiziert". Ein Ermittlungsverfahren wurde 1949 mit der Begründung eingestellt, ihm habe das subjektive "Bewusstsein für die Rechtswidrigkeit" der Taten gefehlt. Catel machte Karriere in Hessen. Zwischen 1947 und 1954 leitete er die Tuberkuloseheilstätte Mammolshöhe in Königstein, die 1953 vom Landeswohlfahrtsverband (LWV) übernommen wurde.

Nun erforscht der Gießener Medizinhistoriker Volker Roelcke im Auftrag des LWV, was an der Heilstätte Mammolshöhe im Nationalsozialismus und in der unmittelbaren Nachkriegszeit geschah, und wie der ehemalige NS-Arzt dort arbeitete.

"Er hat dort ein neues Tuberkulosepräparat getestet, das später auch tatsächlich unter dem Namen Conteben auf den Markt kam", erklärt Roelcke. Dieses Medikament habe bei Erwachsenen funktioniert, doch es sei bekannt gewesen, dass es bei Kindern zu heftigen Nebenwirkungen oder sogar zum Tod führen könne. "Catel hat das gewusst – und das Präparat trotzdem weiter bei Kindern erprobt", so Roelcke – und zwar ohne Zustimmung der Kinder und ihrer Eltern. Mindestens vier Kinder seien daran gestorben.

Arzt spricht noch in den 60ern von "Monstren"

Kritik aus Mitarbeiterkreisen habe Catel wirksam unterdrücken können – sodass es nie zu Konsequenzen kam. Catel verließ die Anstalt 1954 nur, um weiter die Karriereleiter hinaufzuklettern: Er wechselte als Professor an die Uni Kiel – auch die Marburger Fakultät hatte damals Interesse an ihm gezeigt, erklärt Roelcke.

Bei seiner Ansicht zu "unwertem Leben" und seiner Forderung zur Euthanasie sei Catel bis zuletzt geblieben. Noch 1964 sprach er in einem Spiegel-Interview von "Monstren" in Bezug auf Kinder mit schweren Hirnschädigungen und Missbildungen. "Ob er Tötungen auch in Einzelfällen weiter praktiziert hat, bleibt im Unklaren", so Roelcke.

Die Medikamententests auf der Mammolshöhe offenbaren nach Ansicht des Gießener Historikers viel über das Menschenbild des NS-Arztes – aber auch über das damals allgemein vorherrschende Bild von Ärzten und Patienten. Als "Götter in Weiß" hätten Ärzte paternalistisch von oben herab entschieden, oft über die Köpfe der Patienten hinweg. Es habe damals auch noch die weit verbreitete Haltung gegeben, dass das Wohl des Einzelnen der Forschung untergeordnet werden müsse.

"Minimale Hoffnung, Zeitzeugen zu finden"

Der Gießener Medizinhistoriker und sein Team sollen nun genau aufklären, was auf der Mammolshöhe damals passierte, wie die Biografien der dort tätigen Ärzte nach dem Krieg weiter verliefen und welche Patienten von den Tests betroffen waren. Auch die Frage, wann der Landeswohlfahrtsverband und die Ärztekammer von den Vorfällen wussten und wie darauf reagiert wurde, soll Inhalt der Forschung sein. Erste Ergebnisse sollen Mitte nächsten Jahres vorliegen.

Der Landeswohlfahrtsverband Hessen, der die Einrichtung 1953 übernahm, hat die Forschung selbst in Auftrag gegeben. Der erste Beigeordnete des LWV, Andreas Jürgens, sagt: Man habe großes Interesse an der Aufarbeitung der "schockierenden" Vorfälle. Er selbst wisse erst seit 2018 durch Medienberichte etwas davon.

Schwarz-Weiß-Aufnahme eines mehrgeschossigen Hauses inmitten der Natur

Der LWV hat keinen Kontakt zu Hinterbliebenen oder Zeitzeugen: "Die meisten werden ja gar nicht wissen, dass an ihnen Medikamente getestet worden sind. Es hat ja keiner die Mitteilung bekommen, wir wollen jetzt mal ein Medikament an dir testen - es wurde einfach gemacht." Die Hoffnung, dass sich noch Betroffene melden, sei inzwischen "nur noch minimal".

Gedenken in Hadamar – Ausstellung soll vergrößert werden

Die Aufarbeitung wird jedoch nicht leicht, erklärt Jürgens. Die Klinikgebäude auf der Mammolshöhe wurden schon vor Jahren komplett abgerissen, viele Patienten- und Personalakten seien inzwischen vernichtet worden. Momentan liege nur die "dünne" Personalakte von Werner Catel vor. "Trotzdem bin ich immer wieder erstaunt darüber, was die Historiker dann doch noch alles herausfinden können."

Derzeit arbeitet der LWV an einem komplett neuen baulichen und inhaltlichen Konzept für seine zentrale Gedenkstätte in Hadamar (Limburg-Weilburg): Dort sollen die Erkenntnisse dann auch mit einfließen.