Digitaler Unterricht in der Marienschule in Fulda: Lehrer und Schülerinnen bei der Handynutzung

Die Marienschule in Fulda ist vorbildlich bei der Digitalisierung - und unter den hessischen Schulen eine Ausnahme. Das Land will die Schulen mit rund 500 Millionen Euro für IT-Technik fit für zeitgemäßen Unterricht machen. Doch das größere Problem liegt woanders.

Der Geschichtsunterricht beginnt, es geht um das Jahr 1920. Die Schülerinnen der zehnten Klasse in der Marienschule in Fulda haben ihre Handys gezückt. Das ist nicht verboten, sondern erwünscht. Lehrer Tobias Haas hat ein Online-Quiz in der App der Lernplattform Moodle vorbereitet.

Haas sagt: "Bitte loggt euch bei Moodle ein. Die erste Frage würde ich gern gemeinsam mit euch machen, bevor ihr das in Einzelarbeit weiter macht. Frage eins: War Wolfgang Kapp a) ein Sozialdemokrat, b) ein nationalistischer oder c) ein linksradikaler Politiker?" Eine Schülerin meldet sich und nennt als richtige Antwort "nationalistischer Politiker". Haas sagt: "Bei den nächsten Fragen klickt ihr euch bitte einzeln jede für sich durch, und dann besprechen wir es gemeinsam."

Die Marienschule ist in Sachen Digitalisierung dort, wo viele andere Schulen noch hin wollen. Die Mädchenschule ist ein staatlich anerkanntes Gymnasium und eine Fachschule für Sozialpädagogik in freier Trägerschaft. 2017 wurde sie als eine von zwölf Schulen in Deutschland für ihr Medienkonzept ausgezeichnet und darf sich seither für drei Jahre mit dem Titel "MINT-freundliche Schule digital Plus" schmücken. Hinter MINT steckt eine Initiative von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen gegen den Nachwuchsmangel bei technischen und naturwissenschaftlichen Berufen. Die Abkürzung steht für die Fachgebiete Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.

Unterricht mit WLAN, Smart-TV & Co.

Der Unterschied zu anderen Schulen zeigt sich zum Beispiel an den Klassenzimmern, die mit WLAN mit einer Übertragungsrate von bis zu 250 MBit ausgestattet sind. Oder den großen, internetfähigen Smart-TVs an der Wand. Darauf lässt sich die Bildschirmanzeige von Smartphones, Laptops oder Tablets wiedergeben, mit Hilfe einer speziellen Kamera auch die Ansicht einer in ein Heft geschriebenen Hausaufgabe.

Der Unterschied zeigt sich auch einfach an dem Unterricht von Geschichts- und Englischlehrer Haas. Digitaler Hilfen im Unterricht bedient sich der 29-Jährige dann, wenn sie einen Vorteil gegenüber herkömmlichen Methoden versprechen. Mit der App Moodle kann er zum Beispiel gleich sehen, wie seine Schülerinnen abschneiden, und bei Lernlücken den Stoff noch einmal vertiefen. Im Englischunterricht greift er auch auf die Videoplattform Youtube zu. "So können wir die Grenzen des Klassenraums überwinden und die authentische, englische Sprache ins Klassenzimmer holen", sagt er.

Per App selbst die Schallgeschwindigkeit messen

Bei einem klassischen Literatur-Thema setzt Haas schon mal Instagram ein. Wie hätte das Instagram-Profil des Charakters in der heutigen Zeit ausgesehen, wie hätte die Person ihre Gefühle dort ausgedrückt, welche Bilder gepostet? Auch im Physikunterricht nutzt die Schule neue Möglichkeiten. Mit der richtigen App können die Schülerinnen selbst die Schallgeschwindigkeit messen - ein Experiment, das bis dahin nur für Lehrer möglich war.

Die 16-jährige Schülerin Sophia findet das toll. Sie schwärmt: "Der Unterricht ist so auf jeden Fall interessanter geworden. Es ist abwechslungsreicher, macht einfach mehr Spaß und es motiviert auch."

Eigenes Medienkonzept und bis zu 50.000 Euro jährlich

Möglich ist das alles, weil die Schule seit zehn Jahren mit einem eigenen Medienkonzept arbeitet und als private Schule mit einem Stiftungsetat jährlich 30.000 bis 50.000 Euro in IT und Anschaffungen wie Server und Monitore investieren kann.

Lehrer Peter Bach, zugleich Medienbeauftragter der Marienschule, diskutiert mit Schülerinnen über eine Physik-Aufgabe. Im Hintergrund sind mit Handys aufgenommene Messwerte zu sehen, die eine Dokumenten-Kamera überträgt.

Die Schule setzt bei den mobilen Endgeräten bevorzugt auf Smartphones, die die Schülerinnen sowieso besitzen und selbst instand halten. "Wir wollen, dass die Geräte, die im Alltag der Schülerinnen eine große Rolle spielen, auch in der Schule benutzt werden", sagt der Medienbeauftragte der Marienschule, Peter Bach. Die Schülerinnen sollen lernen, was für ein Gerät sie mit dem Handy in der Hand haben: "Dass es tatsächlich ein sehr leistungsfähiger Minicomputer ist, der nicht nur dazu da ist, um Soziale Medien zu bedienen."

"Die Digitalisierung wird unser Leben umkrempeln"

Hinter all dem steht eine Erkenntnis: "Digitalisierung ist unheimlich wichtig", betont Bach: "Sie wird unser Leben enorm umkrempeln, so wie auch Künstliche Intelligenz - und dem muss man sich auch in der Schule stellen."

Weil kein einheitliches Medienkonzept für alle Schulen in Deutschland existiert, gibt es aber auch an der Fuldaer Marienschule Grenzen. In der Vorbereitung auf Prüfungen werden die digitalen Hilfsmittel zum Beispiel nicht eingesetzt, da die Schule sich dort nach den allgemeinen Anforderungen von Realschulabschluss und Abitur richten muss. "Wir können nicht in der Vorbereitung Hilfsmittel erlauben, die im Abitur dann auf einmal verboten sind", sagt Bach.

Schulen wünschen sich WLAN und Tablets

Aber wie ist es aktuell tatsächlich um die digitale Ausstattung der Schulen in Hessen bestellt? Offizielle Zahlen existieren nicht. In einer bundesweiten ARD-Umfrage wurden deutschlandweit rund 30.000 Schulen angeschrieben, darunter 1.900 hessische - von der Grundschule über Haupt- und Realschulen, Gymnasien, Abendgymnasien, Berufs-, Förder- und Kollegschulen.

337 hessische Schulleiter, rund 18 Prozent der Befragten im Bundesland, beteiligten sich an der anonymen Umfrage. Sie sollten im Hinblick auf die Digitalisierung die technische Ausstattung ihrer Schule bewerten - mit Eins als der besten und Sechs als der schlechtesten Note.

Das Ergebnis: Besonders schlecht scheint es in Hessen um die Ausstattung mit Tablets zu stehen - sie wurde mit 4,6 bewertet. Die WLAN-Versorgung lässt demnach ebenfalls zu wünschen übrig. Sie erhielt eine 3,9, ebenso wie die Ausstattung mit Smart- und Whiteboards. Besser schnitt mit der Note 2,8 die klassische Computer-Ausstattung ab. Betreut wird die Technik laut Umfrage zu 45 Prozent von den Lehrern selbst, bei 43 Prozent sind externe Dienstleister für die Wartung verantwortlich und in 5 Prozent die Hausmeister. Die Ausbildung der Lehrer für den digitalisierten Lehrbetrieb wurde mit 3,7 bewertet, also knapp über ausreichend. Bei allen Bewertungen liegt Hessen nah am Bundesdurchschnitt.

Betreuung der Technik überfordert Lehrer

Als größte Wünsche für die Digitalisierung der Schulen wurden eine bessere WLAN-Versorgung und ein schnelleres Internet genannt. Auch die Wünsche nach einem einheitlichen, deutschlandweiten Medienkonzept für die einzelnen Schulformen und nach verpflichtenden Minimalstandards wurden mehrfach laut. "Es kann nicht sein, dass jede Schule für ihr eigenes Medienkonzept verantwortlich ist und davon der Digitalisierungsstandard einer Schule abhängig ist. Es muss unbedingt eine Vergleichbarkeit gewährleistet sein", schrieb ein Schulleiter.

Zur häufig gewünschten externen Betreuung der technischen Geräte beziehungsweise dem Ruf nach Extra-Stellen für Informatiker schrieb ein Schulleiter: "Es ist nicht möglich, sich mit einer Stunde pro Woche um 120 Geräte zu kümmern."

Landesschulsprecher sieht Digitalisierung vernachlässigt

Unzumutbar findet die derzeitige Situation der Landesschulsprecher Tom Sohl: "Die Digitalisierung an hessischen Schulen ist komplett unzufriedenstellend. In vielen Schulen gibt es noch die klassischen Computerräume: Die Computer sind standortgebunden und arbeiten noch mit sehr alten Betriebssystemen. Das ist nicht mehr zumutbar für die heutige Zeit."

Landesschulsprecher Hessen Tom Sohl

Zwar will das Land mit dem Programm "Digitale Schule Hessen" die IT-Infrastruktur an den Schulen modernisieren und mit eigenen Mitteln und Geld aus dem Digitalpakt zwischen Bund und Ländern über einen Zeitraum von fünf Jahren rund 500 Millionen Euro an die Schulen verteilen. Doch für den 18-jährigen Sohl ist das Ergebnis des Digitalpakts aufgrund der zeitlichen Begrenzung nur bedingt ein Grund zur Freude: "Ich freue mich zwar, dass es den Digitalpakt gibt. Aber wir brauchen vor allem in Hessen Dauerlösungen und kontinuierliche Digitalisierung."

"Schule ist ein unglaublich festgefahrenes Konstrukt"

Weiterhin kritisiert Sohl, dass Schulen weiterhin unterschiedliche Standards anstatt eines einheitliches Medien- und Digitalisierungskonzepts hätten. Eine kurzfristige Finanzierung würde zwar helfen, aktuelle Technik zu kaufen. "Aber es bringt nichts, wenn sie diese die nächsten 20 Jahre nicht erneuern", findet der Landesschulsprecher.

Zudem hätten Lehrer im Zusammenhang mit der Digitalisierung auch Hemmschwellen und bräuchten entsprechende Lernangebote schon während ihrer Studienzeit, um pädagogisch gut damit arbeiten zu können. Sohls Fazit: "Schule ist ein unglaublich festgefahrenes Konstrukt. Wenn einmal etwas läuft, ändert die Politik eher ungern etwas daran."

Sendung: hr3, 13.11.2019, 05.50 Uhr

Ihre Kommentare Ihre Meinung: Wie digital sollte Schulunterricht heute sein?

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17 Kommentare

  • Wie digital sollte Schulunterricht heute sein?

    So digital wie nötig, aber nicht mehr. Manchmal geht es darum, den
    Umgang mit einem Medium zu erlernen, aber meistens geht es ja eher
    um die Inhalte.

    Der Lehrer sollte ein geeignetes Medium verwenden bzw. den Schülern
    zur Verfügung stellen. Das mag manchmal digital sein, braucht es
    aber meist nicht. Wenn Geld die Möglichkeiten von Lehrern und
    Schülern erweitert, ist das gut. Letztlich sollte aber Geld so
    verteilt werden, dass der größte Nutzen dabei heraus kommt. Großen
    Nutzen sehe ich darin, Lehrer mit Affinität zu Digitalem
    angemessen, also konkurrenzfähig zu bezahlen.

    Aber *was* sollen die Schüler lernen? Da hapert es meiner
    Wahrnehmung nach am meisten. Es gibt nicht mal einen Lehrplan.
    Gib einem durchschnittlichen Schüler
    die Ausrüstung, aber keine Anleitung für ein Physikexperiment und
    er wird vermutlich kaum was lernen, denn er braucht
    Anleitung. Ersetze "Physik" durch "Digitalisierung", den Rest selber denken.

  • "Haas sagt: "Bitte loggt euch bei Moodle ein. Die erste Frage würde ich gern gemeinsam mit euch machen, bevor ihr das in Einzelarbeit weiter macht. Frage eins: War Wolfgang Kapp a) ein Sozialdemokrat, b) ein nationalsozialistischer oder c) ein linksradikaler Politiker?" Eine Schülerin meldet sich und nennt als richtige Antwort "nationalsozialistischer Politiker". Haas sagt: "Bei den nächsten Fragen klickt ihr euch bitte einzeln jede für sich durch, und dann besprechen wir es gemeinsam."

    Und:
    "Die Marienschule ist in Sachen Digitalisierung dort, wo viele andere Schulen noch hin wollen."

    Echt?
    Nein. Ich hoffe doch sehr, dass keine Schule je dahin will. Das ist ja furchtbar! Warum sollten SuS in die Schule gehen, um isoliert Fragen zu beantworten? Das sollten sie wo und wann und mit wem immer tun - aber bitte nicht in der Schule!

  • Ich schließe mich einem Standart der Medienentwickelungskonzept an. Es ist vom HKM zu viel verlangt, dass jede Schule sich in Literatur einlesen muss, um erstmal mit einem Konzept zu beginnen. Zwar sichern sie Hilfe zu, aber Voraussetzung ist ein grobes Konzept.

    Als aktuelles Problem sehe ich den IT-Support an Schulen. In den Schulen nützt uns die beste Technik nicht, wenn kaputte Medien zu lange brauchen um repariert zu werden.

    MfG
    Malte Weber

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