Anna mit FFP2 Maske

Als Asexuelle stößt Anna auf viel Unverständnis und Vorurteile. Dabei träumt sie von einer Beziehung wie die allermeisten. Nun sucht sie in Kassel nach Gleichgesinnten.

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zum hr-fernsehen.de Video Wenn körperliche Nähe unangenehm ist – Leben mit Asexualität

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Liebe und Sex gehört für die meisten Menschen zusammen. Sex ohne Liebe kann Geschäft oder Hobby sein, aber Liebe ohne intime Berührungen? Das verstehen die wenigstens, sagt Anna aus Kassel.

Anna (Name von der Red. geändert) ist asexuell. Wenn sie das für sich definieren soll, sagt sie, kuscheln und küssen sei für sie in Ordnung. "Aber wenn es um die intimen Dinge zwischen zwei Menschen geht, würde ich abblocken." Ein Zungenkuss wäre ihr schon zu viel: "Wenn mir jemand mit der Zunge im Mund rumwühlt, finde ich das ekelhaft."

Die 31-Jährige zieht eine Grenze, sobald es um Körperlichkeiten geht: "Ich möchte meinen Körper für mich, und da geht auch keiner dran." Versucht habe sie es, danach sei ihr endgültig klar gewesen: Sie möchte ein Leben ohne Sex.

Anna: "Ich finde Sex unangenehm"

Anna unterteilt asexuelle Menschen in zwei Gruppen. Da gibt es jene, die Gleichgültigkeit empfinden, denen Sex egal ist, aber wenn der Partner es will, womöglich trotzdem mitmachen. Anna zählt sich zu der zweiten Gruppe: Das seien diejenigen mit einer "Abneigung gegenüber sexueller Interaktion", sagt sie: "Ich finde Sex unangenehm."

Kaum jemand könne das verstehen. Stattdessen gebe es Vorurteile. Man frage sie, ob sie schlechte Erfahrungen gemacht habe, man suche nach einem Fehler. Aber sie sei völlig in Ordnung so, sagt Anna.

Den Kompromiss wollte noch keiner eingehen

Nur eines fehlt ihr: Anna ist auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit, einem Partner. Aber wenn sie verliebt war, dann scheiterte es in dem Moment, wenn Anna offenbarte, dass sie eine Beziehung ohne Sex will. Ein Kompromiss, den keiner eingehen wollte.

Anna sagt, eine Beziehung bedeute für sie vollstes Vertrauen, tiefgreifende Gespräche, Verständnis - das seien für sie die großen Zeichen von Intimität. "Ich habe das Gefühl, dass eine Beziehung ohne Sex auf der mentalen Ebene intensiver ist." Wenn sie Männer toll findet, frage sie sich, wie ein Leben mit ihm aussähe. Charakter, Aussehen, die Lebenseinstellung, das alles spiele eine Rolle. Aber eben nicht die Frage, wie der Typ wohl im Bett ist.

Suche nach Gleichgesinnten auf Facebook

Deswegen sucht Anna andere, die denken und fühlen wie sie selbst. Sie hat eine Facebook-Gruppe für asexuelle Singles im Raum Kassel gegründet. Einige Gleichgesinnte sind schon dabei. Anna hofft, dass daraus nach Corona auch im echten Leben Stammtische, gemeinsame Unternehmungen oder auch Beziehungen entstehen.

In anderen Städten gibt es ähnliche Gruppen, die sich austauschen. "Das wichtigste ist, dass wir Gleichgesinnte finden, um nicht immer wieder einen Dämpfer zu bekommen und Abfuhren", sagt Anna. Und einen Raum, um über Vorurteile zu sprechen.

Anna: "Wir wollen nur eine Sache nicht"

"Wir wollen nur eine bestimmte Sache nicht", sagt Anna. Warum das auf so viel Unverständnis stößt, kann sie nicht verstehen. Es sei, wie wenn jemand keinen Rosenkohl esse, weil er den eben nicht mag. Asexuelle Menschen nähmen niemandem etwas weg. Aber in der Gesellschaft fehle es an Akzeptanz.

Als sie von dem Begriff Asexualität gehört habe, sei das eine Erleichterung gewesen, erzählt sie: "Es ist sehr beruhigend, sich mit einem Wort identifizieren zu können, weil man sonst immer denkt, es stimme was nicht." Dass es ein Wort gebe, habe ihr gezeigt, dass sie nicht alleine mit dem Gefühl sei.

Anna: Es ist in Ordnung, keinen Sex zu wollen

Es ist nicht bekannt, wie viele Menschen tatsächlich kein sexuelles Verlangen haben und sich als asexuell verstehen. Eines der größten Netzwerke von und für asexuelle Menschen ist das Internetforum "Aven". In einem ausführlichen Glossar beantworten die Macher Fragen wie: "Bedeutet asexuell sein, dass ich immer einsam sein werde?" Auch für Freunde und Angehörigen gibt es eine Rubrik mit Antworten.

Annas Familie und enge Freunde wissen von ihrer sexuellen Identität. Alle sollen aber nicht davon erfahren, deswegen will Anna in diesem Bericht auch ihren echten Namen nicht lesen. Schon Jugendliche ständen schon unter Sex-Stress. "Ich würde der Gesellschaft ans Herz legen, da nicht so einen Druck auszuüben", sagt Anna.

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 17.12.2020, 18 Uhr