Für viele ist die Corona-Zeit eine psychische Belastung. Die Universitäten Kassel und Frankfurt haben dafür Krisentelefone ins Leben gerufen. Der Gesprächsbedarf ist groß.

Videobeitrag

Video

zum Video Krisentelefon gegen Angst in Zeiten von Corona

hs
Ende des Videobeitrags

Seit einer Woche klingelt bei Psychologie-Studenten der Uni Kassel regelmäßig das Telefon. Wegen der Corona-Krise hat Professorin Heidi Möller kurzerhand ein Sorgentelefon ins Leben gerufen, 13 Master-Studierende telefonieren ehrenamtlich.

Hier kann jeder anrufen, dem die Corona-Krise über den Kopf wächst, der einsam zuhause sitzt und Hilfe braucht. Jeden Werktag sitzen die Studenten am Telefon, über die Osterfeiertage wird das Angebot extra aufgestockt.

Keine Struktur, keine Kontakte

Viele der Anrufer seien durch die Kontaktsperren und dem Aufruf, in den eigenen vier Wänden zu bleiben in eine Krise geraten, sagt die 26-jährige Psychologiestudentin Marie. Andere hätten auch vorher schon psychische Probleme gehabt, die nun schlimmer werden, weil Strukturen wegfallen oder die Psychotherapien, erzählt Marie. Einige Therapeuten würden aktuell nicht auf das Telefon oder Onlinemöglichkeiten ausweichen. Gruppentherapien entfallen wegen der Kontaktsperre.

Den meisten Anrufern fehle vor allem die alltägliche Struktur: der Sport fällt aus, gewohnte Aktivitäten können nicht mehr stattfinden und an Kontakten zu Freunden oder der Familie fehlt es auch. Wichtig sei dann darüber zu sprechen, welche Struktur trotzdem noch aufrecht erhalten werden könne, erklärt Marie.

Verunsicherung durch die Nachrichtenlage

Viele seien auch einfach überfordert und verunsichert durch die Fülle an Informationen und Anordnungen in der Corona-Zeit. Das führe etwa zu der Sorge, dass sie das Haus nicht mehr verlassen könnten.

"Wir sprechen dann darüber, wie viele Nachrichten sinnvoll sind oder dass man sich zum Beispiel auf eine Nachrichtenquelle konzentriert und sich der nur zu einem konkreten Zeitpunkt widmet", sagt die Studentin. In schweren Fällen vermitteln die Studierenden weitere Beratungsmöglichkeiten und Anlaufstellen. Am Virus zu erkranken mache kaum jemandem Sorgen, sondern eher die dadurch ausgelöste Existenzangst.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hilfe-Telefon: Wenn die Corona-Krise zur psychischen Krise führt

Telefon-Seelsorge
Ende des Audiobeitrags

Angst vor Ansteckung, Sorge um andere

Auch die Psychologen des Zentrums für Psychotherapie der Frankfurter Goethe-Universität mussten wegen Corona umdenken. Seit einer Woche gibt es sieben Tage in der Woche Hilfe am Telefon, 30 Therapeuten wechseln sich im Schichtbetrieb ab.

Die Universität erhebt Daten: Täglich meldeten sich zehn bis zwölf Anrufer, 80 Prozent von ihnen seien Frauen. Jeder 10. berichte von Panikattacken oder Suizidgedanken. Rund 40 Prozent der Anrufer gäben zudem an, Angst zu haben, sich mit Corona zu infizieren oder sich Sorgen um Angehörige zu machen.

20 Prozent mehr Anrufe bei kirchlicher Seelsorge

Eine der Therapeutinnen, die Anrufe entgegennimmt ist Laura von Soosten. Am Telefon versuche sie vor allem, die Anrufer zu entlasten. Sie erinnert sich an eine ältere Dame, die sich Sorgen um ihren Sohn machte, der in einem von Corona stark betroffenen Gebiet lebt. Sie habe viel geweint am Telefon, "mit ihr habe ich dann auch ein längeres Gespräch geführt. Und sie war am Ende wirklich sehr entlastet, das war ein echt schöner Verlauf."

Dass der Bedarf nach einem offenen Ohr aktuell zunimmt, zeigt die große Nachfrage bei der Telefon-Seelsorge der Evangelischen Kirche: Bundesweit gebe es eine Zunahme um 20 Prozent, teilte die Kirche mit, 40 Prozent der eingehenden Anrufe befassten sich in der einen oder anderen Form mit den Folgen des Coronavirus.

Weitere Informationen

Corona-Krisentelefone

Corona Krisentelefon des Zentrums für Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt:
069-798 4 66 66
Für Erwachsene: Mo-Fr von 15-21 Uhr, Sa und So 16-20 Uhr
Für Kinder, Jugendliche, Eltern: Mo-Fr 9-15 Uhr, Sa 16-20 Uhr

Krisentelefon der Uni Kassel:
0561-8 04 38 14
Mo-Fr von 10 -18 Uhr, zusätzlich auch an den Osterfeiertagen

Evangelische Telefon-Seelsorge der Diakonie Frankfurt und Offenbach:
0800 1110111
24 Stunden am Tag

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 07.04.2020, 19.30 Uhr