Klimafolgenforschungsanlage FACE in Linden-Leihgestern bei Gießen aus der Vogelperspektive

In Linden bei Gießen befindet sich eine weltweit wohl einzigartige Forschungsanlage. Ein Freiland-Experiment wagt den Blick in die Zukunft und will heute schon aufzeigen, welche Folgen der Klimawandel in 30 Jahren für Hessen haben wird.

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"Die Anlage ist für uns eine Zeitmaschine", erklärt der Präsident des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG), Thomas Schmidt, bei der Vorstellung des Projekts am Dienstag in Linden-Leihgestern (Kreis Gießen). Man könne heute schon sehen, was man jetzt tun müsse für die Zukunft, denn der Klimawandel werde unterschätzt.

"Die Corona-Pandemie wird uns irgendwann mal als geschichtliches Ereignis in Erinnerung bleiben - der Klimawandel aber bleibt. Und er wird deutlich mehr Einfluss auf unser Leben nehmen." Das Ziel des Forschungsprojekts der Universität Gießen sei deshalb ganz konkret zu zeigen, wie sich der Klimawandel in Hessen auswirke. Dem stimmt auch Uni-Präsident Joybrato Mukherjee zu: "Die Frage, was der Klimawandel bei uns in Hessen für Folgen haben wird, ist genauso wichtig, wie die Erforschung der Folgen für die Antarktis."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Klimafolgenforschungsprojekt FACE in Linden-Leihgestern

Eine Pflanze wäschst aus der rissigen Erde eines Feldes.
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Weltweit wohl einzigartiges Projekt zur Klimafolgenforschung

Die Umweltbeobachtungs- und Klimafolgenforschungsstation (UKL) der Gießener Justus-Liebig-Universität will Antworten auf genau diese Fragen finden: Was bedeutet mehr Kohlendioxid in der Luft? Wie reagiert der Boden auf Trockenheit und was bedeuten höhere Temperaturen für das Klima und damit für uns alle?

Seit 1998 gibt es das Projekt. Die Universität Gießen und das HLNUG haben jetzt ihre Zusammenarbeit verlängert und sie auf eine langfristige finanzielle Basis gestellt. Bis 2030 stellt das Land Hessen jährlich 100.000 Euro zur Verfügung, insgesamt eine Million Euro. "Es gibt weltweit kein vergleichbares Experiment. Kein anderes zeichnet auch so langfristig die Emission von Treibhausgasen nach", sagt Christoph Müller, Chef des Instituts für Pflanzenökologie an der Uni Gießen, das die Anlage betreibt.

Der wissenschaftliche Leiter, Gerald Moser, steht in einer der FACE-Ringanlagen

Das Freiland-Experiment trägt den Namen Free Air Carbon Dioxide Enrichment, kurz FACE. Es handelt sich um mehrere ringförmig aufgebaute Versuchsanlagen durch die der Wind weht, jeweils mit einem Durchmesser von etwa 4,3 Metern, in deren Innenraum Grünland-Pflanzen wachsen - Gras und Futterpflanzen. In einer dieser Ringanlagen herrschen die natürlichen Bedingungen - Stand 2020. In einer weiteren werden die Pflanzen einer 20 Prozent erhöhten Kohlendioxid-Belastung ausgesetzt.

Neu und ebenfalls einzigartig ist, dass seit zwei Jahren die Pflanzen auch künstlich erzeugten höheren Temperaturen ausgesetzt werden, das sind hier ziemlich genau zwei Grad mehr. Die durchströmende Luft wird von Heizmatten erwärmt. In einem vierten Ring gibt es eine Kombination aus beiden Effekten. "Wir versuchen hier nachzubauen, wie es 2050 aussieht. Realistischer geht’s eigentlich nicht", sagt Müller. Was man heute messe, werde man in 30 Jahren haben.

Verdoppelung der Treibhausgas-Emissionen erwartet

Deshalb sind wohl auch die Ergebnisse für die Forscher ziemlich eindeutig. Die Pflanzen hätten enorm auf Kohlendioxid reagiert und auf die steigende Temperaturen. So habe sich bestätigt, dass die Pflanzen unter einer erhöhten CO2-Konzentration besser wachsen, um etwa 15 Prozent, erklärt der wissenschaftliche Leiter der Anlage, Gerald Moser.

Wenn man aber genauer hinschaue, stelle man fest, dass die Qualität der Grünland-Pflanzen sich verschlechtere, zum Beispiel enthielten sie weniger Eiweiß. Der Wissenschaftler folgert daraus: "Die Kühe müssten deutlich mehr Gras fressen, um die gleiche Menge Milch zu produzieren". Doch das bleibt wohl nicht die einzige Folge. Die mittelhessischen Forscher rechnen fast mit einer Verdoppelung der Treibhausgase. "Wenn die Kühe mehr fressen, produzieren sie auch mehr klimaschädliches Metan", sagt Moser.

"Klimagase müssten dringend reduziert werden"

Aber auch der Boden werde sich verändern. Bisher galt Grünland als klimaneutral. Doch wenn mehr CO2 auf den Boden einwirke, produzierten die Mikroorganismen im Boden neben Methan auch mehr vom besonders klimaschädliche Lachgas (N2O). "Da waren wir total überrascht", erklärt Institutsleiter Müller. "Wir haben fast eine Verdoppelung von Lachgas festgestellt". Ein bedeutendes Ergebnis: Lachgas sei immerhin 300-mal, Methan 35-mal so klimawirksam wie Kohlendioxid.

"Dagegen müsste eigentlich so schnell wie möglich etwas unternommen werden", sagt Forscher Gerald Moser. Die Treibhausgase müssten dringend reduziert werden. Denn selbst, wenn die Menschen gar kein Treibhausgas mehr ausstoßen würden, könnten die Ökosysteme im Boden weiter für eine Zunahme schädlicher Klimagase in der Atmosphäre führen. "Wenn die sogenannten Kipp-Punkte erreicht werden, die man nicht mehr kontrollieren kann, dann wird der Klimawandel deutlich beschleunigt werden".

Sendung: hr-iNFO, 09.06.2020, 15.57 Uhr