Blick in Eisdiele

Die Coronakrise trifft auch Hessens Eisdielen-Betreiber hart. Der Verband italienischer Eishersteller beklagt das vollständige Verkaufsverbot als überzogen. Selbst Bayern sei nicht so streng.

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Für Giorgio Cendron sind es schlimme Zeiten. Der Italiener leidet mit seinen Landsleuten in der Heimat. Das Coronavirus hat in Italien schon mehr als 15.000 Menschen das Leben gekostet. Aber auch als Hauptgeschäftsführer der Vereinigung italienischer Speiseeishersteller in Deutschland (Unieis) , die ihren Sitz in Seligenstadt (Offenbach) hat, muss er derzeit heftige Rückschläge einstecken.

1.000 handwerkliche Hersteller, hinter denen 2.200 Eiscafés stehen, vertritt Uniteis nach eigenen Angaben."Es geht für viele Betriebe ums Überleben. Was gerade passiert, ist eine große Katastrophe", sagt Cendron auch für die betroffenen Mitglieder seines Verbandes, der im vorigen Jahr sein 50-jähriges Bestehen feierte.

Doch von Jubelstimmung ist nichts mehr übrig. Besonders die hessischen Eiscafebesitzer sind schwer gebeutelt, nachdem sie auf Anordnung der Landesregierung ihre Betriebe schließen mussten. Für Cendron ein Unding. "Es gibt keinen Grund, Eisdielen als Schwerpunkt für die Coronavirus-Verbreitung zu betrachten", kritisiert er im Gespräch mit hessenschau.de den Erlass aus Wiesbaden.

Überhaupt wundert er sich über den Flickenteppich beim Thema Eis. Während in den Bundesländern Bayern oder Rheinland-Pfalz der Eisverkauf to go oder die Auslieferung unter strengen Bedingungen weiterhin erlaubt sind, heißt es in Hessen seit wenigen Tagen: nichts geht mehr.

Klose: "Menschen sind sich bei Aholung sehr nahe gekommen"

Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) verteidigte die Entscheidung zuletzt im hr-Interview: "Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Abholung leider auch dazu geführt hat, dass sich Menschen sehr nahe gekommen sind." Schließlich gehe es darum, die persönlichen Kontakte zu minimieren. Cendron kann die Sorge verstehen, teilt sich aber nicht uneingeschränkt. "Natürlich ist es wichtig, den Mindestabstand einzuhalten. Dafür hätte man aber auch die Eisdielenbesitzer in die Pflicht nehmen können, dass sie Personal abstellen, um den Abstand zu kontrollieren." 

So aber habe man den Eisverkäufern jetzt die letzte Einnahmequelle genommen, indem nicht mal mehr ausgeliefert werden darf. "Das ist erst recht unverständlich. Die Hygienebestimmungen werden eingehalten, das Eis wird verpackt geliefert", hadert Cendron. Warum Bäckereien beispielsweise Kaffee zum Mitnehmen verkaufen dürfen, erklärte Klose so: "Der Unterschied zwischen Eisdielen und Bäckereien besteht darin, dass Bäckereien schwerpunktmäßig Waren verkaufen, die der Grundversorgung der Bevölkerung dienen." Also neben Brot auch Kaffee.

Bald Warteschlangen vor der Tiefkühltruhe?

Aber ist Eis, nur weil es nicht als Grund-, sondern als Genussnahrungsmittel deklariert wird, gerade in diesen schweren Zeiten weniger wichtig als Pizza oder Döner? Jetzt, wo die Sonne die Temperaturen auf über 20 Grad treibt, wäre ein frisches Eis im Hörnchen vielleicht Balsam auf die Seele angesichts der vielen Beschränkungen und Verbote.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Klose im hr3-Interview zu Eisdielen-Verbot

Kai Klose
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Cendron glaubt aber nicht an ein rasches Ende des politisch gewollten Eisdielen-Shutdowns in Hessen. "Wir haben mit dem Lebensmittelverband gesprochen, auch mit Bundesernährungsministerin Julia Klöckner", berichtet er. Denn auch in anderen Bundesländern sind Eissalons geschlossen.

Für die Freunde von frischem Spaghetti-Eis und Co. in Hessen bleibt somit vorerst der Gang zur Tiefkühltruhe in Supermärkten oder an Tankstellen, wo sich hoffentlich keine Warteschlangen bilden. Die Eisdielenbesitzer müssen wie andere darauf setzen, dass die Coronakrise nicht noch viel länger andauert. "Für viele Familien geht es um die Existenz", sagt Cendron.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 7.4.2020, 16.45 Uhr