Die Familie Fritz sitzt in ihrem Wohnzimmer auf der Couch.
Die Familie Fritz hat gute Erfahrungen in dem Intensivpflegehaus in Wölfersheim gemacht. Bild © Anne-Katrin Hochstrat

Eltern eines schwerkranken, pflegebedürftigen Kindes haben im Alltag kaum eine Pause. Das Haus AtemZeit in Wölfersheim unterstützt sie - und schließt nebenbei eine Pflegelücke.

Audiobeitrag
Haus Atemzeit

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Zeit zum Durchatmen für Eltern pflegebedürftiger Kinder

Ende des Audiobeitrags

Thino sitzt ruhig auf dem Schoß seiner Mutter, in einer Ecke des hellen Wohnzimmers. Der Junge, der im April zwei Jahre alt wird, bekommt gerade sein Essen über die Magensonde. Langsam und mit Gefühl drückt Mutter Anja Fritz die Flüssignahrung durch einen Schlauch im Magen. Sie hat Routine darin, gelernt hat sie es im Haus AtemZeit in Wölfersheim (Wetterau).

Bevor Thino mit seinen Eltern in das Haus am Ortsrand von Wölfersheim zog, verbrachte er vier Monate lang in der Uniklinik Gießen. Sein Start ins Leben war schwer: Es wurden neurologische Probleme und ein Loch im Herz diagnostiziert. Kaum auf der Welt musste er beatmet und rund um die Uhr betreut werden. Thino wurde mehrfach operiert.

Zwischenschritt zwischen Krankenhaus und Zuhause

Das ist hart für die Eltern. Gerade wenn ein pflegeintensives Kind frisch aus dem Krankenhaus kommt, fühlen sich Eltern am Anfang mit der Rundumpflege überfordert, weiß auch Anett Wiese, Geschäftsführerin des Intensivpflegedienstes Pflege Nest. Vor rund zwei Jahren gründete sie das Haus AtemZeit. Die intensivmedizinische Einrichtung ist als Zwischenschritt gedacht: Kinder, die aus dem Krankenhaus kommen, wohnen erst einmal dort, bevor sie wieder nach Hause ziehen.

Von außen wirkt das Intensivpflegehaus in Wölfersheim-Wohnbach wie ein normales Neubauhaus. Es ist direkt neben einem Kindergarten gebaut und hat jede Menge bodentiefe Fenster. Innen begrüßen einen viele bunten Farben. Regenbogen, Bäume und Piraten an den Wänden und jede Menge Spielzeug zeigen: Dort leben Kinder.

Die Zimmer im Intensivpflegehaus in Wölfersheim.
Die Zimmer im Intensivpflegehaus in Wölfersheim. Bild © Anne-Katrin Hochstrat

Einmaliges Konzept in Hessen

Bis zu sechs Kinder im Alter von acht Wochen bis 18 Jahre haben Platz in dem Haus - vom Baby, das beatmet werden muss bis zum Jugendlichen, der nach einem Unfall plötzlich pflegebedürftig wird. Das Konzept ist, zumindest in Hessen, einmalig. Denn die Eltern, die ebenfalls dort wohnen, können rund um die Uhr bei ihren Kindern sein. Und das in einer Umgebung, die so normal wie möglich wirkt - trotz 24-Stunden-Betreuung durch einen Pflegedienst, Pflegebetten und medizinischen Geräten.

Die Eltern können mit ihrem Kind maximal sechs Monate in der Einrichtung bleiben. Alle medizinisch notwendigen Kosten übernimmt die Krankenkasse. Die Betten für die Eltern oder Spielzeug für die Kinder müssen allerdings über Spenden finanziert werden, die der Verein AtemZeit sammelt.

Hilfe für überforderte Eltern

"Stellen Sie sich vor, Ihr Kind muss operiert werden. In der Regel kriegen Sie im Krankenhaus eine kurze Einweisung in die Geräte und sollen damit Zuhause zurecht kommen", sagt Martin Brumpreiksz, Geschäftsführer des Vereins AtemZeit.

Anett Wiese ergänzt, es sei wichtig, den Eltern die Ängste zu nehmen. Sie sollen lernen, Routine im Umgang mit ihren Kindern zu bekommen, um später daheim einen möglichst normalen Alltag meistern zu können -  ohne fremde Pfleger, die ständig anwesend sein müssen.

Vom Sorgenfall zum Sonnenschein

Auch Thinos Eltern haben im Haus AtemZeit Schritt für Schritt gelernt, was ihr Sohn braucht. "Ich konnte immer mehr, wurde immer sicherer im Umgang mit ihm", sagt Mutter Anja Fritz. Sie ist stolz auf das, was sie und ihr Mann geschafft haben und natürlich auch, was Thino inzwischen alles kann.

"Am Anfang brauchte er alles, Sauerstoff, Monitoring und so weiter. Jetzt braucht er nur noch Essen über den Schlauch. Keine Medikamente mehr, keine Operationen mehr", sagt sie und lächelt. Inzwischen kann der kleine Thino sich selbst umdrehen. Er lächelt und winkt und ist ein sehr fröhliches Kind.

Und auch in der Familie hat sich einiges getan, denn seit einem halben Jahr hat Thino eine kleine Schwester. Mit Lina und seinen Eltern lebt Thino inzwischen wieder zu Hause in Reiskirchen.

Disclaimer: In einer vorherigen Version schrieben wir vom Haus Atemzeit - dabei handelt es sich jedoch um ein anderes Pflegeheim außerhalb von Hessen. Die Einrichtung in Wölfersheim schreibt sich mit einem großen Binnen-Z, um Verwechslungen möglichst zu vermeiden: Haus AtemZeit.