Waldfläche mit Schneise voller Baumstümpfe

Mit dem Ende der Fällsaison steht nun der Baubeginn im Dannenröder Wald an. Ruhe kehrt damit aber wohl noch nicht ein. Die Ausbaugegner wollen "weiter auf die Butze hauen". Und eine Bürgermeisterin hat inzwischen "gemischte Gefühle" zur A49.

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zum Video Baumfällarbeiten an geplanter A49 beendet

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Am nördlichen Waldeingang des Dannenröder Forsts erinnert nicht mehr viel an einen der umfangreichsten Einsätze in Hessens jüngerer Polizeigeschichte: Tausende Einsatzkräfte und Hunderte aufgebrachter Demonstranten, die sich über Wochen gegenüberstanden. Junge Menschen, die von vermummten Spezialeinsatzkräften aus 20 Metern Höhe von Baumhäusern geholt und sich windend aus dem Wald getragen wurden. Riesige Harvester, die dicke Bäume in Sekundenschnelle fällten.

Jetzt flattern hier nur noch vereinzelt winzige Fetzen Absperrband herum. Ein Pärchen auf E-Bikes fährt vorbei. Selbst das Anti-Polizei-Graffito, das einem auf dem Trafohaus am Waldrand begrüßte, ist inzwischen in sattem Waldgrün übermalt worden.

Es könnte die Ruhe nach der Räumung sein. Wäre da nicht dieses ungewöhnliche Bild: Mitten durch den Wald zieht sich eine 2,8 Kilometer lange Schneise aus Baumstümpfen und Gestrüpp - autobahnbreit, logischerweise. Der Bereich ist weitgehend von einem hohen Stacheldrahtzaun abgesperrt, alle paar Meter stehen Flutlichtstrahler.

Deges und Strabag: Keine feierliche Übergabe

Die Baumfällsaison ist vorbei, aus Naturschutzgründen endet sie jedes Jahr Ende Februar. Nach Monaten intensiver Auseinandersetzung mit Ausbaugegnern übergibt die Baugesellschaft Deges damit die gerodeten Waldflächen im Dannenröder Forst, Maulbacher Wald und Herrenwald an die Strabag AG. Die Deges teilte am Montag mit, man habe die "Baufeldfreimachung" innerhalb des planmäßigen Zeitrahmens geschafft. Insgesamt sollten für den A49-Weiterbau 85 Hektar Wald weichen.

Nun übernimmt der internationale Baukonzern Strabag die Fläche, der derzeit bereits weiter im Norden an Teilstücken der A49 baut. Bis Ende 2024 soll er auch noch die restlichen 30 Autobahnkilometer bis zum Anschluss an die A5 bei Gießen bauen. Auf hr-Anfrage stellen Deges und Strabag AG klar: Es werde keine feierliche Übergabe oder einen "klassischen Startschuss" für den Beginn der Arbeiten geben.

Baumaschinen

In den nächsten Wochen wolle die Strabag bauvorbereitende Arbeiten weiterführen, etwa Vermessungsarbeiten oder die Einrichtung von Baustraßen. Auch weitere Rodungsarbeiten seien möglich. Dabei handle es sich laut Strabag nicht um Fällarbeiten, sondern um die Entfernung von Wurzelstöcken.

Umweltschützer: "Schneise der Verwüstung"

Was für die Autobahnbefürworter als wichtiger Etappenschritt gilt, gibt Ausbaugegnern erneut Anlass zu Kritik. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen teilt in einer Pressemitteilung mit, die Übergabe sei kein Grund zu Freude. Der BUND spricht von einer "Schneise der Verwüstung im Wald", sie sei ein "Mahnmal einer veralteten Verkehrspolitik".

Der Marburger Verkehrs- und Umweltplaner Wulf Hahn kritisiert zudem das Vorgehen der Baugesellschaft Deges bei den Fällmaßnahmen. Hahn fertigte mit seinem Planungsbüro Regioconsult im Auftrag des Aktionsbündnisses "Keine A49" eine fast fünfzigseitige Dokumentation über die Fällungen an und legte ihn dem Verkehrsministerium vor.

Bei der Begehung der Trasse im Dannenröder Forst sind Hahn eine Reihe Unregelmäßigkeiten aufgefallen: etwa gefällte Bäume außerhalb des abgesperrten Bereichs, unsystematisches, teils auch chaotisches Vorgehen, wie er sagt. "Ich kann mir kaum vorstellen, dass man sich dabei an die erlaubten Grenzen gehalten hat." Seiner Ansicht nach hätten die Behörden die Rodungen nicht ausreichend begleitet und kontrolliert, zudem kritisiert er die "wenig transparente" Informationspolitik.

Konflikt um Planänderung in Maulbach

In den vergangenen Wochen hatte es besonders Konflikte um noch ausstehende Rodungen im Homberger Ortsteil Maulbach (Vogelsberg) gegeben. Die Deges hatte eine Planänderung beantragt, um Strommasten verlegen zu dürfen. Umweltschützer sorgten sich deshalb vor allem um das sogenannte Wutholz, einen Waldbereich, den sie für ganz besonders schützenswert halten. Ein Bündnis aus Anwohnern warf der Deges vor, schon ohne Genehmigung Arbeiten durchzuführen. Es kam Ende Januar erneut zu Blockaden und Räumungen.

Zuständig für die Einhaltung der Vorgaben und mögliche Änderungen ist die Planfeststellungsbehörde beim Hessischen Verkehrsministerium. Man habe tatsächlich in den vergangenen Wochen eine Vielzahl an Hinweisen bekommen mit der Behauptung, dass es bei den Rodungen zu Abweichungen komme, erklärte das Ministerium auf hr-Anfrage. Mitarbeiter hätten sich ein Bild von der Situation in Maulbach gemacht und festgestellt, "dass vereinzelt Arbeiten für das Versetzen von Strommasten in die Wege geleitet wurden, die Bestandteil der beantragten Planänderung sind." Man habe angeordnet, diese Arbeiten einzustellen.

Planfeststellungsbehörde: "Erhebliche Bedenken"

Ein Planänderungsverfahren kann langwierig sein, auch Umweltbelange werden dabei noch mal neu geprüft. Manche A49-Gegner hoffen deshalb sogar darauf, weil das Verfahren den Bau verzögern könnte. Ob es aber tatsächlich dazu kommen wird, steht derzeit noch nicht fest. Laut Verkehrsministerium überprüft die Deges ihren Antrag derzeit noch einmal.

Aus einem Schreiben an Regioconsult, das dem hr vorliegt, geht hervor, dass die Planfeststellungsbehörde "erhebliche Bedenken" hinsichtlich des eingereichten Antrags hat. Dort heißt es: Es sei weder die technische Notwendigkeit der Verlegung der Strommasten hinreichend dargelegt worden, noch sei die Abarbeitung naturschutzrechtlicher Vorgaben ausreichend erfolgt.

Die Deges teilte am Montag mit: Aufgrund der ausstehenden Genehmigung werden man diese Arbeiten frühestens in der nächsten Fällperiode ab Oktober 2021 durchführen. "Zurzeit wird die ökologisch verträglichste technische Variante mit dem geringstmöglichen Eingriff in die Natur erarbeitet."

Aktivisten wollen Bau weiter stören

Auch wenn die meisten Bäume auf der Trasse inzwischen gefällt sind, wollen viele A49-Gegner nicht klein beigeben. Im Protestcamp in Dannenrod (Vogelsberg) am Südende des Waldes ändert auch der Stichtag zum 1. März wenig an der Stimmung. Hier sind immer noch einige Zelte aufgebaut, nach Einschätzung von Aktivist Karsten sind derzeit etwa 30 bis 40 Menschen vor Ort. Im Wald wohne inzwischen niemand mehr dauerhaft, die Polizei räume die Strukturen immer sofort weg.

Protestplakate, Fahnen und Zelte

Karsten sagt: Die Autobahngegner planen weiterhin Störaktionen für den Bau der Autobahn. "Wir werden weiter auf die Butze hauen", kündigt er an. "Wir werden so lange weiterkämpfen, bis hier die ersten Autos auf der Autobahn fahren."

Auf einer A49-Baustelle bei Schwalmstadt weiter im Norden hatte es bereits im letzten Sommer Vorfälle gegeben: Fünf Bagger der Firma Strabag wurden angezündet. Im Internet kursierte das Bekennerschreiben einer autonomen Gruppe, die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen versuchten Mordes.

Bau der Brückenpfeiler im Trinkwasserschutzgebiet

Besonders ein Aspekt am A49-Ausbau wird nun mit besonderer Spannung erwartet: Der Bau der Brückenpfeiler im Trinkwasserschutzgebiet rückt näher. Die Sorge verschiedener Umweltschutzorganisationen ist, dass der Bau der tief in den Boden einbetonierten Brückenpfeiler negative Folgen auf das Grundwasser in der Region haben könnte.

Auch der Vorsitzende des Zweckverbandes der Mittelhessischen Wasserwerke bezeichnet diesen Bauabschnitt als "Operation am offenen Herzen der Mittelhessischen Wasserversorgung" und kündigt an, man werde den Prozess sehr genau beobachten und kontrollieren. Die Strabag teilt nun mit: Der Bau der Brückenpfeiler sei für Mitte des Jahres geplant.

Bürgermeisterin spricht von "gemischten Gefühlen"

Der Trinkwasserschutz beschäftigt derzeit auch Claudia Blum (SPD), die Bürgermeisterin von Homberg/Ohm (Vogelsberg). Blum gilt als klare A49-Befürworterin, die sich auch auf der Internetseite des Aktionsbündnisses "Ja 49" deutlich für den Lückenschluss aussprach.

Inzwischen spricht Blum von "gemischten Gefühlen" zum Autobahnbau. Im Ort sei weiterhin eine große Mehrheit dafür, etliche Bürger seien aber auch dagegen. Durch den Baufortschritt seien nun auch "gewisse Ängste" gewachsen. Die Stimmung sei inzwischen "recht aufgeheizt", meint die Bürgermeisterin.

Blum spricht von einer "einschneidenden Veränderung" für den Ort. Für viele Anwohner werde die A49 auch eine Verschlechterung sein, etwa durch ungewohnten Autobahn-Lärm und die Tatsache, dass manche Verbindungsstraßen zwischen Ortschaften nun weichen müssen.

Stadt beauftragt Anwalt

Die Bürgermeisterin spricht weiterhin von mehr Vor- als Nachteilen, besonders für kommende Generationen sei die Autobahn wichtig. "Der ländliche Raum darf nicht abgehängt werden", sagt sie. Trotzdem hat die Stadt nun einen Anwalt eingeschaltet, der die Interessen Hombergs schützen soll - auch im Hinblick auf Dinge, die man bei der Planung möglicherweise nicht habe voraussehen können.

Konkret soll es um einen besseren Schutz Hombergs vor Lärm und Straßenschäden durch den Bau und späteren Betrieb der Autobahn gehen. An einigen Stellen befürchte man mehr Lärm und deutlich mehr Verkehrsaufkommen. Außerdem will die Stadt mehr Mitspracherecht bei der möglichen Planänderungen im Maulbacher Wald erreichen. Und auch mit den langfristigen Folgen für das Trinkwasser durch den Autobahnbau soll sich der Anwalt nun beschäftigen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 01.03.2021, 16.45 Uhr