Altenpfleger reicht Essen an
Ein Altenpfleger reicht Essen an. Bis 2030 könnte der Pflegenotstand noch größer werden. Bild © picture-alliance/dpa

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verspricht 13.000 neue Stellen für die Altenpflege in ganz Deutschland. Davon wird Hessen nur wenig haben, dabei ist die Not groß. Es fehlt an Personal - und in Zukunft wird die Situation noch schlechter.

Die Bundesregierung will den Pflegenotstand lindern, indem sie die Werbetrommel rührt: "Pflege muss wieder cool werden", erklärte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) im Juli, die Regierung versprach große Kraftanstrengungen. Mitte der Woche verkündete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sein "Sofortprogramm Pflege". Es ist Teil des neuen Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes.

Für die stationäre Altenpflege sollen ab kommendem Jahr 13.000 neue Stellen für Fachkräfte geschaffen werden, finanziert von den Krankenkassen. Diese 13.000 Stellen gelten für ganz Deutschland, wie viele davon in Hessen entstehen, ist unklar.

Das hessische Sozialministerium weist darauf hin, dass die Altenpflegeeinrichtungen zusätzliche Stellen erst beantragen müssen. Doch ein Verfahren dafür gibt es noch nicht. Dabei werden Altenpfleger in Hessen dringend gebraucht, die Not ist groß.

Altenpflege in Not

Der Hessische Pflegemonitor erhebt Daten zum Fachkräftemangel: Im Jahr 2016 wurden in der Altenpflege alleine 2.567 Kräfte mehr gesucht, als zur Verfügung standen. In ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen waren 2016 jeweils rund 30 Prozent der Stellen nicht besetzt. In anderen Pflegebereichen sieht es nicht viel besser aus.

Ein Blick in die Zukunft zeigt, dass das Problem noch schwerwiegender wird: Für die Altenpflege errechnete der Hessische Pflegemonitor, dass bis zum Jahr 2030 in Hessen insgesamt rund 9.800 neue Kräfte gebraucht werden. Das wäre eine Steigerung um 79 Prozent vom bisherigen Stand, bis 2035 bräuchte es sogar 104 Prozent mehr.

Grafik Altenpflege
Bild © hessenschau.de

Ausschlaggebend ist dabei, dass die Gesellschaft älter wird. Hinzu kommt, dass viele Pflegekräfte in Rente gehen und ersetzt werden müssen. In den Ballungsgebieten im südlichen Hessen wird 2030 der Notstand zudem größer sein als im ländlichen Raum, wie die Grafik zeigt.

"Coole" Jobs in der Pflege?

Sind Spahns Maßnahmen deswegen nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Georg Schulze, Fachbereichsleiter Gesundheit bei der Verdi Hessen, sieht die Vorhaben des Ministers auch positiv: Die Binsenweisheit "man muss ja erstmal anfangen", sei richtig, das Thema in der Politik offenbar angekommen. Die Missstände würden aber nicht mit bundesweit 13.000 neuen Kräften in der Altenpflege gelöst, sagt Schulze: Er schätzt, dass nach der Verteilung auf die Länder davon nicht viel mehr als 1.000 in Hessen ankommen.

Warum so wenige in die Jobs in der Altenpflege wollen, liegt für Schulze hingegen auf der Hand: Die Bezahlung sei zu schlecht, die Belastung hoch, zu wenig Personal für zu viele Patienten, teils gebe es Zwangsteilzeit oder geteilte Dienste: Zu den Stoßzeiten morgens und abends arbeiten die Pflegekräfte, dazwischen haben sie stundenlang Pause.

Weniger Bezahlung für Altenpflege

In der Altenpflege ist die Bezahlung im Schnitt schlechter als in der Krankenpflege. In Hessen verdient eine Altenpflegefachkraft laut Bundesagentur für Arbeit brutto rund 19 Prozent weniger als ein Krankenpflegefachkraft. Bei den Hilfskräften ist es ähnlich, ein Altenpflegehelfer muss in Vollzeit mit durchschnittlich 1.899 Euro brutto über die Runden kommen.

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Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschungder Bundesagentur für Arbeit erklärt diese Lücke auch damit, dass es in der Krankenpflege mehr Zuschläge gibt, etwa für Nachtschichten oder durch Zusatzqualifizierungen wie Intensivpflege.

Kapitalanlage Pflegeeinrichtung

Gewerkschafter Schulze weist aber noch auf ein anderes Problem hin: Weil es so unterschiedliche Träger in der Altenpflege gebe, sei auch die Bezahlung sehr unterschiedlich. In der Altenpflege gibt kaum öffentliche Träger, bei denen der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) gilt, laut Statistischem Landesamt sind in Hessen sind nur 33 Altenpflegeheime in öffentlicher Hand.

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Stattdessen drängen immer mehr private Einrichtungen auf den Markt. Hinter einigen privaten Anbietern stehen Immobilienunternehmen, die die Pflegeeinrichtungen als Kapital nutzen. Ihnen wirft Verdi vor, dass teilweise bis zu 40 Prozent weniger gezahlt wird als im TVöD vorgesehen wäre.

Aber auch Anbieter wie das Deutsche Rote Kreuz sind im Visier der Gewerkschaften. Der Vorwurf lautet, es gebe zwar einen Tarifvertrag, manche Einrichtungen würden aber rechtlich selbstständig sein, damit werde nicht mehr nach Tarif gezahlt.

Was brauchen die Menschen?

Bei kirchlichen Trägern wie Caritas oder der Diakonie liegt die Bezahlung laut Gewerkschaft meist etwas unter dem TVöD, die Caritas halte sich sogar oft an den TVöD. Schulze kritisiert aber, dass die Diakonie gerade beschlossen hat, Löhne um 20 Prozent absenken zu können - wenn der Arbeitgeber wirtschaftliche Gründe anführt.

Unter dem Pflegenotstand leidet am Ende nicht nur das Personal , sondern vor allem die Patienten und Bewohner von Pflegeeinrichtungen. Statt nur zu fragen, wie Pflegejobs "cool" werden können, muss die Politik laut Schulze vor allem die Frage stellen: "Wieviel Personal braucht ihr, um die Patienten gut zu versorgen?"