US-Soldaten und Evakuierte am vergangenen Samstag (28.08.) am Flughafen Kabul.

Der Afghanistan-Einsatz des Westens ist offiziell beendet: Auch die US-Armee hat den Flughafen der Hauptstadt Kabul verlassen. Damit endet die Luftbrücke für afghanische Ortskräfte. Was macht das mit ihren Verwandten bei uns in Hessen?

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Audioseite Hessen bangen um Menschen in Afghanistan

Menschen auf der Instagramseite von #IchbinKabul
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Saboor fühlt sich von der Bundesregierung im Stich gelassen. "Sie hat meine Familie einfach vergessen", sagt der 34-jährige. Er hat sechs Jahre lang für die Bundeswehr in Kunduz als Übersetzer gearbeitet. Seit 2014 wohnt er in Frankfurt, seine Mutter und seine Geschwister sind in Afghanistan geblieben. Jetzt schweben sie in Lebensgefahr.

"Meine Mutter hat gesagt, dass ein paar Leute bei meinem Onkel in Kunduz waren. Sie haben nach uns gefragt." Diese Leute waren Mitglieder der Taliban, sagt Sabor. Als die Islamisten nach dem Abzug der internationalen Soldaten die Heimatstadt der Familie überrannte, floh Sabors Familie in die Hauptstadt Kabul. Seitdem die Taliban aber auch Kabul kontrollieren, sitzen sie in der Falle.

Sabors Familie fürchtet die Rache der Taliban: "Ich mache mir viele Sorgen, dass meiner Familie, meinen Geschwistern etwas passiert, weil ich mit der Bundeswehr zusammengearbeitet habe." Über 20 Mails habe er an die Bundeswehr und das Auswärtige Amt geschrieben und um Hilfe gebeten, seine Familie aus Afghanistan in Sicherheit zu bringen, berichtet Sabor. Eine Antwort habe er nicht bekommen.

Marburger Studierende starten Initiative

Gegen dieses Gefühl der Ohnmacht will eine Gruppe Marburger Studierender etwas tun. Deshalb haben sie vor ein paar Wochen die Initiative "Ich bin Kabul" gegründet. Auf ihrer Instagram-Seite posten sie hauptsächlich Bilder von Menschen, die ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin Kabul" hochhalten.

"Unser Ziel ist es, möglichst viele Stimmen zu sammeln, um damit Politiker:innen in ganz Deutschland erreichen zu können," berichtet Studentin Jasmin Nawal. Die Gruppe bekommt aber auch viele Nachrichten von verzweifelten Menschen vor Ort.

Student Siamak Soleimani hat besonders die Nachricht von jungen Frauen aus der Turner-Nationalmannschaft bewegt: "Sie haben geschrieben: Ich traue mich nicht mehr aus dem Haus, ich bin über 20 Jahre und noch nicht verheiratet, ich bin prädestiniert, Sexsklavin der Taliban zu werden. Da geht immer die flehende Bitte einher, holt uns hier raus, bitte vergesst uns nicht."

Fehlende Dokumente verhindern Rettung

Die Marburger haben auch eine Liste ans Auswärtige Amt geschickt mit Menschen, die in Kabul auf ihre Rettung warten. Drei davon haben es dann auch bis zum Flughafen geschafft. "Als es hieß, Ihr könnt jetzt ausreisen, wurde diese Hoffnung einfach völlig zerschmettert, weil 20 Meter vor dem Flugzeug wurden diese Menschen wieder zurück nach Hause geschickt", berichtet Soleimani frustriert.              

Angeblich hätten noch Dokumente gefehlt. Jetzt ist es erstmal zu spät. Die Luftbrücke ist vorbei. Auch die Familie vom ehemaligen Bundeswehrübersetzer Saboor aus Frankfurt sitzt immer noch fest. Trotzdem gibt er die Hoffnung nicht auf, dass seine Familie es doch noch irgendwann aus Afghanistan raus schafft. 

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Westen beendet Afghanistan-Einsatz

Die letzten US-Truppen haben die afghanische Hauptstadt Kabul in der Nacht zum Dienstag verlassen. Damit ist der US-Einsatz in dem Land nach fast 20 Jahren offiziell beendet. Mit dem Abzug überlässt der Westen das Land wieder den Taliban, jenen Islamisten, die er Ende 2001 entmachtet hatte.

Die Bundeswehr hatte ihren Rettungseinsatz Schutzbedürftiger bereits am Donnerstag beendet, Frankreich, Spanien und Großbritannien folgten am Freitag und Samstag.

Immer noch befinden sich aber zehntausende Menschen in Afghanistan, die vor den Taliban fliehen wollen - die meisten davon sind Afghanen. Der UN-Sicherheitsrat erhöhte am Montag den Druck auf die Taliban, die Menschenrechte zu wahren und Ausreisewillige ungehindert passieren zu lassen. (Quelle: dpa)

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