Kinder sitzen auf dem Boden vor Globus

Politik und Wirtschaft soll in den hessischen Schulen zum Pflichtfach werden. Für Erdkunde bliebe dann kaum noch Platz im Stundenplan, warnt Dietmar Steinbach vom Verband deutscher Schulgeographen im Interview. In Zeiten von Klimawandel, Globalisierung und Migration wäre das fatal.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Warum sich Erdkundelehrer um ihr Fach sorgen

Schüler meldet sich
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Es sind nur drei Zeilen im Koalitionsvertrag zwischen CDU und Grünen, doch sie dürften allen Erdkundelehrern sauer aufstoßen: Die Landesregierung plant, das Schulfach Politik und Wirtschaft (PoWi) durchgängig verpflichtend zu machen.

Dietmar Steinbach, Sprecher Geografielehrerverband

Für Erdkunde bliebe dann kaum noch Platz im vollen Stundenplan, befürchten Geografielehrer wie Dietmar Steinbach. Er unterrichtet in Butzbach (Wetterau), bildet selbst Referendare in Erdkunde aus und sitzt im Landesvorstand des Verbands deutscher Schulgeographen. Erdkunde ist für ihn vor allem eine Disziplin, die den Schülern gerade in einer immer komplexer werdenden Welt das nötige Wissen zur Orientierung vermittelt - und damit unverzichtbar ist.

hessenschau.de: Warum befürchten Sie, dass Erdkunde aus dem Stundenplan verdrängt werden könnte?

Dietmar Steinbach: Im Koalitionsvertrag von CDU und Grünen steht ganz klar, dass das Fach Politik und Wirtschaft in der gymnasialen Oberstufe nicht mehr abgewählt werden kann, genauso wie Geschichte. Das bedeutet automatisch drei Stunden mehr Unterricht pro Woche in der Q3 und Q4 (Anmerkung d. Redaktion: entspricht dem ersten und zweiten Halbjahr der Stufe 13 bei G9).

Erdkunde ist in der Oberstufe ohnehin ein freiwilliges Angebot. Das ist immer gleichbedeutend damit, dass die Schülerinnen und Schüler mehr Unterrichtsstunden haben. Wenn jetzt PoWi verpflichtend wird, kann man auch keinem Schüler böse sein, wenn dann derartige freiwilligen Angebote nicht mehr angewählt werden und noch mehr zusammenschrumpfen.

Das Problem ist dann auch irgendwann ein strukturelles. Wenn keine Stunden mehr gegeben werden, werden keine Lehrer mehr eingestellt. Dann werden Stellen, die vielleicht durch Pensionierung frei werden, mit anderen Fächern besetzt. Selbst wenn die Politik dann irgendwann mal meint, wir wollen Erdkunde wieder stärken, dann sagen die Schulleiter: Schön, dass ihr das wollt, aber wir haben gar keine Lehrer mehr.

hessenschau.de: Heute kann ich innerhalb von Sekunden googeln, wo Panama liegt, welcher Fluss durch Frankfurt fließt und wie viele Einwohner Paris hat. Warum ist das Fach Erdkunde trotzdem noch wichtig?

Steinbach: Die Geografie, die Bezugswissenschaft der Erdkunde, hat sich in den letzten 20 Jahren stark gewandelt. Natürlich geht es heute nicht mehr um Stadt-Land-Fluss oder darum, Hauptstädte zu lernen. Es geht darum, Zusammenhänge zu verstehen, daraus Schlüsse zu ziehen und Dinge sachgerecht zu bewerten. Wie gehe ich zum Beispiel damit um, wenn ich weiß, dass mein Handeln hier in Hessen Auswirkungen irgendwo anders auf der Welt hat?

Diese unterschiedlichen Perspektiven einzunehmen, den Sachverhalt von lokaler bis globaler Ebene zu betrachten und zu verstehen, wie das systemisch zusammenhängt, dann zu erörtern, was passiert, wenn man an einer Stellschraube dreht - das ist dieser zentrale und ganzheitliche Ansatz der Geografie.

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zum hr-fernsehen.de Video Soll Erdkunde abgeschafft werden?

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hessenschau.de: Wie sieht das im Unterricht aus? Welche Themen stehen heute im Vordergrund?

Steinbach: Eines der bedeutendsten Beispiele, die im Augenblick diskutiert werden, ist der Klimawandel - eine sehr komplexe Sache. Wir müssen die Sachverhalte naturwissenschaftlich betrachten, zum Beispiel den natürlichen Treibhauseffekt. Dann kommt aber sofort die menschliche Komponente mit rein, die den Klimawandel beeinflusst.

Wir können auch noch ein ganz anderes Beispiel nehmen, bei dem die Verknüpfung unterschiedlicher Regionen der Welt und die ganzheitliche Sicht auf das System mit den Perspektiven Natur und Mensch deutlich werden: Palmöl als eines der wichtigen tropischen Naturprodukte. Insbesondere die tropischen Regenwälder in Indonesien und auf der Insel Borneo mussten weichen oder weichen nach wie vor, um Palmölplantagen anzubauen, weil wir in Europa zum Beispiel den Kraftstoff E10 haben. Da wandern Lebensmittel in den Tank. Oder weil wir Nutella essen wollen. Da sieht man sehr schnell, wie es uns betrifft und was wir durch unser Handeln vor Ort weltweit positiv wie negativ verursachen.

Die Geografie ist das einzige Fach, das diese beiden Komponenten betrachtet: den Naturraum und die gesellschaftlichen Entwicklungen. Aber sie betrachtet eben auch die Frage "Was bedeutet das für mich?" Geografie ist die Wissenschaft, die direkt beim Schüler anfängt und darüber hinaus den Blick in die Zukunft richtet. Das ist natürlich etwas, das die Schülerinnen und Schüler immens interessiert. Auch die Fridays-for-Future-Demonstrationen sind sehr stark in die Zukunft orientiert.

hessenschau.de: Das heißt, Geografie hat in Zeiten von Fridays for Future sogar noch an Wichtigkeit hinzu gewonnen?

Steinbach: Um das Stichwort Nachhaltigkeit noch mal aufzugreifen: Die Vereinten Nationen haben für 2030 eine Agenda aufgestellt mit den 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung. Von den 17 Zielen sind 14 rein geografische Themenfelder, 13 zum Klimaschutz. Da bildet sich das ab, was die Herausforderungen für die nächsten Generationen sind. Da zeigt sich, dass Nachhaltigkeit nur gedacht werden kann, wenn ich diese unterschiedlichen Dimensionen berücksichtige.

Ich will auch keine Fächer gegeneinander ausspielen, aber natürlich hat Politik und Wirtschaft die politische und wirtschaftliche Brille auf. Und das ist auch völlig okay. Beide Fächer sind eminent wichtig für die gesellschaftliche Entwicklung. Aber wir können den Stundenplan der Schülerinnen und Schüler auch nicht ohne Ende aufblähen.

hessenschau.de: Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Steinbach: Das erste wäre, den Begriff der politischen Bildung nicht engstirnig auf ein Fach zu beziehen. Wir haben einen gesellschaftlichen Bildungsauftrag und da sollte man gucken, wer adäquat in diesem gesellschaftlichen Bereich mit den Schülerinnen und Schülern Dinge erarbeiten kann. Es wäre eine Komponente, zu sagen, wir müssen diese gesellschaftliche Bildung vielleicht komplett überdenken.

Ich bin aber auch offen, wenn mir jemand sagen würde, dass diese Ansprüche – systemisches Denken, Themen ganzheitlich anpacken, arbeiten auf unterschiedlichen Maßstabsebenen von lokal bis global, vernetzende Betrachtung aller Nachhaltigkeitsdimensionen – auch irgendwie anders zu erfüllen sind. Doch das ist bisher noch nicht passiert.

Wenn ich sage, dass diese Dinge wichtig sind, gerade wenn man dann mit solchen Beispielen wie Klimawandel oder Migration kommt, habe ich bisher auch noch niemanden gefunden, der das Gegenteil behauptet hat. Wenn das so wichtig ist und jeder dem zustimmt - wie kann es denn dann sein, dass man die Experten, die in der Schule vorhanden sind, es nicht unterrichten lässt? Das passt für mich überhaupt nicht zusammen.

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Das sagt das Kultusministerium

Die Besorgnis der Erdkundelehrer sei nachvollziehbar und man nehme sie ernst, heißt aus dem Kultusministerium. Die Befürchtungen, dass das Fach abgeschafft werden könnte, seien aber unbegründet.

Erdkunde werde auch weiterhin zu den fest etablierten Fächern im Pflichtbereich der Sekundarstufe I aller Bildungsgänge gehören. Für die gymnasiale Oberstufe arbeite man gerade daran, dass die Aufwertung von PoWi als durchgängig zu belegendes Fach nicht zu Lasten des Fachs Erdkunde gehe.

Da vermutlich das Schulgesetz geändert werden müsse, um Politik und Wirtschaft durchgängig verpflichtend zu machen, sei mit einer Umsetzung keinesfalls noch in diesem Jahr zu rechnen.

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Das Interview führte Tanja Stehning.

Ihre Kommentare Ist Erdkunde als Schulfach wichtig oder doch verzichtbar?

9 Kommentare

  • Ich Finde Erdkunde immens wichtig. Dieses Fach gehört unbedingt zu den stützen eine gute Allgemeinbildung. Ich kann mich erinnern, dass wir nicht nur die Länder und Kontinente erlernt haben, sondern auch über die Klimazonen Bescheid wissen mussten, wie Vulkane oder Stürme entstehen, warum es Erdbeben gibt, was Meridiane sind und Zeitzonen und vieles mehr. Auch wir besprachen, wie Wüsten entstehen und der Regenwald abgeholzt wird und welche Folgen das für Menschen und Tiere hat, aber es war weniger ideologisiert und politisch eingefärbt als heute. Jetzt Fridays for Future und Migration mit in das Fach hineinzuführen, ohne politisch neutral zu bleiben, das möchte ich sehen, wie das gelingen soll?! Und hoffentlich haben die Schüler nicht ausgerechnet freitags Erdkunde Unterricht!

  • Schafft endlich Religion und Sport ab. Dann ist Platz für Erdkunde und Sozialverhalten.

  • Ich selbst bin noch Schüler, Q2 in G8 und somit im Abiturjahrgang in Schleswig-Holstein und bin im Geographieleistungskurs, weil Geographie mich am meisten der Möglichkeiten interessiert. Da ware ein Verschwinden den Faches ein Alptraum, auch wenn ich nicht in Hessen wohne.

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