Gedenken an Holocaust-Opfer aus Bad Salzschlirf auf dem jüdischen Friedhof von Fulda

75 Jahre nach Kriegsende wollte die Stadt Bad Salzschlirf am Sonntag ihrer ermordeten jüdischen Einwohner gedenken. Doch die offizielle Veranstaltung geriet zum Eklat. Die Angehörigen der Opfer blieben fern.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Streit um Holocaust-Gedenken in Bad Salzschlirf

Gedenkstein für die jüdischen Einwohner Bad Salzschlirfs
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Der Holocaust, der systematische Mord an sechs Millionen Juden unter den Nationalsozialisten, ist schwer zu begreifen. Anschaulicher wird die Zahl, wenn es "nur" 19 Mitbürgerinnen und Mitbürger aus der unmittelbaren Umgebung, aus dem eigenen Ort sind. So viele Juden starben nämlich in Bad Salzschlirf (Fulda). Für sie sollte es am Sonntag eine offizielle Gedenkveranstaltung geben - fast 75 Jahre nach Kriegsende. Doch es kam zum Eklat - die eingeladenen Nachfahren der ermordeten Juden blieben ihr fern. Die 15 Angehörigen machten lieber eine eigene Gedenkveranstaltung. Wie konnte es dazu kommen?

Zu wenig Zeit, der Opfer zu gedenken

Auf dem jüdischen Friedhof in Fulda spricht Rabbi Roman Melamed ein Trauergebet: "Auschwitz …. Majdanek … Trebilinka." In den Vernichtungslagern starben auch 19 Menschen aus Bad Salzschlirf. Ihre Kinder, Enkel, Urenkel bringen Schilder mit den Namen an der Friedhofsmauer in Fulda an.

Sie erzählen, was sie von den ermordeten Menschen noch wissen. Eine Stunde lang. Sie kommen aus Israel, Schweden, den USA. Der offiziellen Gedenkfeier in Bad Salzschlirf bleiben sie fern. "Wir hätten das nicht in Bad Salzschlirf machen können", sagt Elli Roden. Dort hätten nur zwei oder drei Leute reden dürfen, und das auch nur zwei oder drei Minuten. Es sei unmöglich, der Opfer des Holocausts in nur zwei oder drei Minuten zu gedenken.

Keine Einladung an Martin Hohmann

Ortswechsel, zwei Stunden später: In einer Ecke des Kurparks von Bad Salzschlirf steht der neue Gedenkstein. Bürgermeister Matthias Kübel legt einen Kranz für die ermordeten Juden nieder. Die Politiker sind unter sich - ohne die Angehörigen. Eine Farce? Bürgermeister Kübel: "Wir hätten es natürlich gern gesehen, wenn auch die Nachfahren dabei gewesen wären. Die Veranstaltung war überfällig."

Selbstverständlich hätte jeder so lange reden dürfen, wie er will - alles andere sei falsch. Angeblich sei auch der AfD-Abgeordnete Martin Hohmann eingeladen gewesen. Hohmann war wegen einer als antisemitisch kritisierten Rede aus der CDU ausgeschlossen worden. "Quatsch", sagt Kübel, "das stand nie zur Diskussion".

Angehörige: Gemeinde will sich selbst "reinwaschen"

Für ihn ist es eine persönliche Auseinandersetzung mit der Organisatorin. Die Historikerin Anja Listmann stammt aus Bad Salzschlirf, hat 30 Jahre lang den Massenmord an den Juden aus ihrem Ort erforscht, hält Kontakt zu den Nachfahren. "Ich hätte mir gewünscht, dass es von Seiten des Bürgermeisters mehr Sensibilität und historisches Verständnis gegeben hätte." Ihr Wunsch sei es immer nur gewesen, die Namen der Ermordeten zu nennen und den Angehörigen einen Ort zum Trauern zu geben.

Tatsächlich finden sich an der neuen Gedenkstätte in Bad Salzschlirf die Namen aller jüdischen Einwohner von Bad Salzschlirf - und nicht nur die der Ermordeten. Die Nachfahren unterstellen der Gemeinde, sie wolle sich mit dem Gedenkstein selbst "reinwaschen".

Einen Ort zum Trauern haben die Angehörigen jetzt – in Fulda. Elano Wittert lebt in Israel lebt, sie sagt: "Ich bin hergekommen, um abzuschließen. Wir sind frei, aber wir sind nicht frei von Bad Salzschlirf."