Knapp 100 Menschen winken in die Kamera, halten Gemüse und Plakat hoch mit dem Titel Ernährungsdemokratie jetzt

Sie träumen von Bio-Essen in der Schule und plastikfreien Wochenmärkten: In immer mehr Städten bilden sich Ernährungsräte, auch in Hessen. Engagierte Bürger wollen damit eine Ernährungswende erreichen. Ihr Ziel: Unser Essen soll regionaler, ökologischer und gesünder werden.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found In kleinen Schritten zur Ernährungswende

Menschen bearbeitet einen Garten vor einer Häuserfassade
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"Essen ist mit das Wichtigste, was wir machen", sagt Christian Weingran. "Aber wir haben relativ wenig Kontrolle über das, was wir essen." Der Marburger will mit einer Gruppe von Ehrenamtlichen einen Ernährungsrat gründen. Das Ziel: regionale Lebensmittelerzeuger und Konsumenten wieder näher zusammenzubringen. Außerdem soll in der Stadt eine ökologischere und gesündere Lebensmittelversorgung erreicht werden.

Weingran kritisiert, dass es bei der Stadt für jedes Thema einen Ausschuss gibt: Verkehr, Bildung, Denkmäler - aber für Ernährung nicht. Ernährungsräte sind keine gewählten Gremien, sondern Zusammenschlüsse von Ehrenamtlichen, die in ihren Städten etwas verändern wollen. Sie machen sich für eine regionale, nachhaltige Lebensmittelversorgung stark und wollen eine "Ernährungswende" voranbringen.

"Der Amazonas brennt – wir müssen was tun!“

Der Marburger Ernährungsrat soll in den nächsten Monaten konkrete Form annehmen. "Die Stadt begrüßt das Vorhaben und fördert es", erklärt Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD), bei der ersten Infoveranstaltung, die in dieser Woche in der Stadthalle stattgefunden hat. Rund 60 Interessierte haben sich getroffen - von der jungen Mutter, über den Landwirt, bis zur Ernährungswissenschaftlerin und dem "Fridays for Future"-Aktivisten.

"Mich stört, dass wir so lange Transportwege haben und dass wir so viel verpackt haben", sagt eine Besucherin. "Der Amazonas brennt, wir sind wirklich tief in der Krise und müssen irgendwas tun", fügt ein anderer hinzu. Ein Teilnehmer erklärt, dass er selbst Schafe züchte und aus eigener Erfahrung wisse, wie schwer es sei, Lebensmittel regional zu vermarkten.

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Ernährungsräte in Deutschland

Ernährungsräte haben in Nord- und Südamerika eine lange Tradition, die bis in die 1980er Jahre zurückreicht. Teilweise unterhalten die "Food Policy Councils" dort eigene Verteilzentren für regionale Lebensmittel. In Deutschland ist die Idee noch jung, doch sie findet immer mehr Anhänger. Seit 2016 sind rund 40 Gründungsinitiativen entstanden, zunächst nur in Großstädten wie Köln, Berlin und Frankfurt. Inzwischen gibt es auch Initiativen in kleineren Städten und Kreisen wie in Marburg, Gießen und in der Wetterau.

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Idee findet schnell Anhänger

Der Filmemacher und Aktivist Valentin Thurn hat 2016 den ersten deutschen Ernährungsrat in Köln mitgegründet. Thurns Dokumentarfilm "Taste the Waste" lenkte 2011 die öffentliche Aufmerksamkeit erstmals auf die Lebensmittelverschwendung in Supermärkten. Der Filmemacher kritisiert, dass unsere Ernährung derzeit hauptsächlich von multinationalen Konzernen gesteuert werde - zu Lasten der Umwelt und vieler hungernder Menschen auf der Welt. Die Verbraucher müssten sich die "Macht über ihre Teller zurückerobern", so die Devise der Bewegung.

Thurn setzt sich nun deutschlandweit mit einem eigenen Verein für die Gründung von Ernährungsräten ein und sagt: "Wir müssen auf kommunaler Ebene ansetzen, weil es da noch keine zusammenhängende Ernährungspolitik gibt." Die Kommunen hätten viel mehr Macht, als ihnen bewusst sei, so Thurn. Ernährungsräte verstünden sich daher als Vernetzer: "Wir sitzen zwischen Stadtverwaltung und Zivilgesellschaft und bringen die zusammen."

Frankfurter Ernährungsrat engagiert sich seit zwei Jahren

In Frankfurt gibt es seit zwei Jahren einen Ernährungsrat. Rund 60 Ehrenamtliche engagieren sich, sagt der Vorsitzende Joerg Weber. "Wir haben schon viel erreicht." Der Ernährungsrat setze sich momentan zum Beispiel dafür ein, dass die Frankfurter Kleinmarkthalle und der Markt an der Konstablerwache plastikfrei werden.

Schüler bepflanzen ein Gemüsebeet

"Uns fehlen momentan aber noch Sponsoren für Taschen aus Hanf oder Baumwolle", so Weber. Außerdem habe der Ernährungsrat den Schulgarten im Frankfurter Osten wiederbelebt. Die Kinder bewirtschaften die Fläche jetzt selbst. Sie säen, düngen, jäten Unkraut, ernten, kochen und essen ihre Gartenprodukte.

"Die Schulen sind ein dickes Brett"

Ein weiteres Herzensthema des Ernährungsrats ist die Schulverpflegung. Mit dem Frankfurter Bildungsdezernat gibt es Gespräche darüber, wie die Stadt ihre Ausschreibungen für die Schulverpflegung verbessert, so dass mehr Bioware und regionales Essen auf den Tisch kommt. "Aber das ist ein dickes Brett", sagt Joerg Weber. Das Hauptargument, das die Aktiven zu hören bekommen, lautet: "Das ist zu teuer."

An einer Frankfurter Privatschule habe der Ernährungsrat aber bereits erreicht, dass dort ausschließlich Biolebensmittel aus der Region serviert werden - mit nur geringen Mehrkosten. "Natürlich kostet dieses Essen mehr als diese Pampe, die es manchmal in der Schule gibt", sagt Weber. "Aber das funktioniert, weil es da nur ein Mal die Woche Fleisch und einmal Fisch gibt, ansonsten ist das Essen vegetarisch." Der Ernährungsrat will damit beweisen, dass gesunde und regionale Ernährung finanzierbar ist.

Sendung: hr4, 28.08.2019, 15.30 Uhr