Fläschchen mit dem AstraZeneca-Impfstoff (dpa)

Er stapelt sich in Kühlschränken und landet mittlerweile sogar auf dem Müll: Der Impfstoff von Astrazeneca findet in Hessen so gut wie keine Abnehmer mehr. Arztpraxen müssen Restbestände entsorgen.

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Damit hatte der Wiesbadener Allgemeinmediziner Christian Sommerbrodt nicht gerechnet: Innerhalb von 24 Stunden hätten seine Patientinnen und Patienten alle noch geplanten Impftermine mit Astrazeneca abgesagt - egal, ob Erst- oder Zweitimpfung. Auslöser war die Empfehlung der Ständigen Impfkommission vor zwei Wochen, diesen Impfstoff bei Zweitimpfungen durch ein anderes Serum zu ersetzen. Damit war klar: Die rund 90 Impfdosen Astrazeneca, die noch im Praxis-Kühlschrank von Sommerbrodt liegen, kann er wohl nicht mehr alle verwenden.

Rückgabe nicht möglich

Er wolle sie trotzdem bis zum Ende der Haltbarkeit aufbewahren, erklärt der Mediziner. Hin und wieder finde er noch Abnehmer für einzelne Dosen. Allerdings habe er schon Restdosen aus den Impfstoff-Fläschchen entsorgen müssen, denn die enthielten jeweils elf Portionen. Andere Hausärzte hätten ihre Astrazeneca-Bestände gleich ganz vernichtet, berichtet Sommerbrodt, der auch Vorstandsmitglied des Hessischen Hausärzte-Verbandes ist.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) bestätigt dem hr: Viele niedergelassene Ärzte und Ärztinnen wissen nicht mehr, was sie mit dem Impfstoff anfangen sollen und fragen die KV um Rat. Ihn an die Apotheken zurückzugeben, sei nicht möglich, erklärt ein KV-Sprecher. Das würden die Hygiene-Vorschriften nicht erlauben. Und sobald der Impfstoff nicht mehr haltbar sei, bleibe nur eins: wegwerfen.

"Guter Impfstoff kaputtgeredet"

Wie viel Impfstoff schon vernichtet wurde, wird laut KV und Hausärzteverband nicht zentral erfasst. Aber schon die Einzelfälle findet KV-Vorstand Eckhard Starke "entsetzlich". Zumal in einer Situation, in der viele nach wie vor ungeimpft sind und auf einen Impftermin warten. Die Schuld sieht Starke bei der Politik. Durch desaströse Kommunikation sei ein eigentlich guter Impfstoff kaputtgeredet worden. "Ich bin sehr, sehr erbost über diese Entwicklung."

Auch Landes- und Bundespolitik haben schon auf die Nachfrage-Flaute bei Astrazeneca reagiert. So hat das Land Hessen eine für diese Woche geplante Lieferung von 122.400 Astrazeneca-Dosen ersatzlos abbestellt. Und das Bundesgesundheitsministerium hat angekündigt, die noch erwarteten 30 Millionen Dosen dieses Serums an Länder zu spenden, die wenig eigenen Impfstoff haben.

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