In Hessen kommen die ersten Geflüchteten aus der Ukraine an. Eine alleinerziehende Mutter hat es bis nach Caldern bei Marburg geschafft - allerdings nur durch eine zufällige Begegnung an der polnischen Grenze.

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Marburgerin bringt ukrainische Flüchtlinge nach Hessen

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Als die junge Mutter Kira aus Odessa am Sonntag am polnischen Bahnhof Przemyśl ankommt, ist sie schon völlig fertig. Seit 24 Stunden ist sie mit ihrem 9 Monate alten Sohn Asad auf der Flucht. Hinter den beiden liegt eine Zugfahrt einmal quer durch die Ukraine, in völlig überfüllten Waggons mit 300 Menschen und in der ständigen Angst, dass sie auch im Zug nicht sicher sein könnten vor Putins Bomben.

Als es die 31-Jährige mit ihrem Kind auf dem Arm schließlich über die Grenze geschafft hat, weiß sie, dass sie jetzt erst mal in Sicherheit ist. Aber wohin jetzt? Kira kennt niemanden, bei dem sie unterkommen könnte - weder in Polen noch in einem anderen Land. Am Bahnhof bietet ihr dann plötzlich eine Frau Hilfe an und sagt: "Ihr könnt bei uns mitfahren, wir fahren nach Caldern bei Marburg."

Zufallsbegegnung am Bahnhof

Die fremde Frau am Bahnhof ist die Ukrainerin Ira Seta, die schon seit vielen Jahren in Marburg lebt. Setas Familie wohnt weiterhin in Lemberg, im westlichen Teil der Ukraine. Die 41-Jährige berichtet: "Ich hatte mir zwei Tage lang die Nachrichten angeguckt und dann entschieden, irgendwas tun zu müssen, um meine eigene Familie da rauszuholen."

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Ukrainische Flüchtlinge in Mittelhessen

Frau mit kleinem Kind auf dem Arm, die in die Kamera schaut.
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Mithilfe eines Transportunternehmens reist sie kurzerhand mit drei Kleinbussen an die Grenze. Doch Setas Familie kommt nicht wie geplant am Bahnhof in Przemyśl an: Die 82 Jahre alte Mutter hat sich die Reise nicht mehr zugetraut, der 57 Jahre alte Bruder darf das Land nicht mehr verlassen. Nur eine von Setas Nichten kommt mit einem Kind an.

Es waren viel mehr Leute, die mit uns wollten"

Während Seta noch verzweifelt am Bahnhof auf den Rest ihrer Familie wartet, stellt sie fest, dass zwar viele Ankommende zu Familienangehörigen oder Bekannten weiterreisen. Doch der Bahnhof füllt sich auch mit immer mehr Menschen, die überhaupt nicht wissen, wohin mit sich.

Seta berichtet von dramatischen Szenen: Kinder, die offenbar einfach in den Zug gesetzt worden sind und ohne Begleitung am Bahngleis stehen. Frauen, ganz allein mit Kinderwagen und Kleinkindern an der Hand. "Es waren viel mehr Leute, die mit uns wollten", erzählt sie. 21 Menschen können sie schließlich mitnehmen, darunter auch viele Kinder. Eine junge Mutter muss sie aber weinend stehen lassen. "Ich bin innerlich gestorben bei der Entscheidung."

Flüchtlinge werden von Unterstützerkreis versorgt

Nach einer über 1.000 Kilometer langen Busfahrt sind Kira, Asad und die anderen Ukrainerinnen und Ukrainer inzwischen im Lahntaler Ortsteil Caldern angekommen. Derzeit wohnen sie kostenlos in einem Hotel und werden von einem freiwilligen Unterstützerkreis mit Geld- und Sachspenden versorgt. Im Hotel stapeln sich bereits Kisten voller Kleidung, Windeln und Lebensmitteln.

Frau und Mann und zwei Kinder um einen Tisch

In den kommenden Tagen sollen die Geflüchteten dann in verschiedenen Wohnungen und Häusern in Marburg und Umgebung unterkommen, die ebenfalls Menschen aus dem Unterstützerkreis zur Verfügung stellen wollen. Zudem will die Stadt Marburg ab Donnerstag eine Anlaufstelle am Georg-Gaßmann-Stadion einrichten, an der sich Menschen aus der Ukraine melden können.

Mutter ist bereits zum zweiten Mal geflüchtet

Die junge Mutter Kira findet für das, was sie in den vergangenen Tagen erlebt hat, immer noch kaum Worte. Für sie ist es zudem nicht das erste Mal, dass sie fliehen und unfreiwillig komplett neu anfangen muss: Kira wuchs im Osten der Ukraine auf, im schon seit Jahren von Separatisten besetzten Donezk. Vor sieben Jahren floh sie vor dem Bürgerkrieg ins südukrainische Odessa. Ihre Mutter und Großmutter sind derzeit immer noch in Donezk.

Kira sagt: "Ich fühle mich hier sicher, aber ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll." Sie mache sich Sorgen, wie sie hier Arbeit finden und ihren Sohn versorgen solle. Auch Asad spüre die Unsicherheit: Er wolle ihr die ganze Zeit nah sein, schlafe nur noch direkt neben ihr. "Kinder spüren alles", sagt Kira.

Die Ukrainerin sagt, sie sei dankbar, dass sie hier sein könne und für die Menschen, die sich um sie und die anderen Familien kümmerten. Aber sie habe weiter Angst vor dem, was noch passieren könnte - in der Ukraine, aber auch mit ihr und ihrem Kind. Und sie sei müde. Nach der Ankunft im Hotel habe sie erst einmal geschlafen, das erste Mal seit drei Tagen.

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