Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin füllt in der neu eingerichteten Frauenmilchbank Milch ein Fläschchen. Hier wird gespendete Frauenmilch gesammelt, getestet und aufbereitet.

Nicht jede Frau kann ihr Neugeborenes selbst stillen - vor allem, wenn es sich um Frühchen handelt. Doch gerade diese haben Muttermilch besonders nötig. Ihnen will die Frauenmilchbank in Frankfurt helfen. Erste Erfolge gibt es bereits.

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Es sind winzige Mengen, aber sie helfen den allerkleinsten Babys beim Start ins Leben: In Frankfurt hat die erste Frauenmilchbank Hessens ihre Arbeit aufgenommen. Gespendete Muttermilch hilft zu früh geborenen Kindern, sich besser zu entwickeln. Langfristig soll das Projekt auf ganz Hessen ausgeweitet werden.

Das Projekt ist eine Kooperation zwischen DRK-Blutspendedienst und Universitätsklinikum Frankfurt - diese Art der Zusammenarbeit ist europaweit einmalig. Nicht aber die Idee als solche: Bundesweit gibt es bereits 23 Muttermilchbanken, Hessen gehört zu den Nachzüglern. Bisher profitieren zudem nur Frankfurter Frühchen von der neuen Einrichtung, die am Montag als "großartiges Projekt" der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Zwillingsmutter "extrem dankbar für Milchbank"

Eine Mutter, der die Frauenmilchbank nach eigener Aussage schon geholfen hat, ist Yvonne K., deren Zwillinge aus Angst vor schwerwiegenden Komplikationen bereits in der 26. Schwangerschaftswoche geholt werden mussten: Der eine Junge wog gerade mal 490 Gramm, der andere 980 Gramm.

Der Anfang war schwierig und stressig, erzählt K., die überdies nicht genug eigene Milch in ihrer Brust hatte. Sie empfand es als Segen, dass die Frauenmilchbank gerade ihre Arbeit aufgenommen hatte: "Ich denke, Muttermilch ist einfach das Beste. Gerade in der Stresssituation, in der man Frühchen gebärt und man einfach noch nicht genug Milch hat. Deswegen bin ich extrem dankbar für die Milchbank und dafür, dass es Mütter gibt, die spenden", sagt K. dem hr.

Überschüssige Milch wird eingefroren

Veronika Brixner leitet die Einrichtung, die Fachärztin für Transfusionsmedizin hat selbst ein Frühchen geboren. Sie erklärt, wie die Milchbank funktioniert: Ärzte auf der Frühgeborenenstation der Uniklinik sprechen potenzielle Spenderinnen an. Die Teilnehmerinnen werden registriert, ein Bluttest überprüft ihre Gesundheit. Die Frauen bekommen voretikettierte Fläschen für ihre überschüssige Milch, befüllen sie und frieren sie ein.

Beim Blutspendedienst ein paar Häuser weiter werden die Fläschchen später aufgetaut. Um Schwankungen auszugleichen, werden mehrere Spenden einer Frau gemischt und neu portioniert. Die Chargen werden pasteurisiert, um Keime abzutöten. Am Ende werden die Fläschchen etikettiert, damit jede Spende zurückverfolgbar ist. In einem Kühlschrank warten sie dann auf ihre Empfänger.

Sechs Frühchen seit Mitte Juni versorgt

Die erste Spende wurde am 15. Juni an ein Frühchen in der Uniklinik abgegeben. Seither haben fünf Frauen, die zuvor selbst Frühchen geboren hatten, Milch gespendet. Sechs neugeborene Frühchen wurden mit den Spenden versorgt. Dass es bisher so wenige sind, liege nicht an der mangelnden Spendebereitschaft der Frauen, sagt Neonatologe Rolf Schlößer: "Uns erreichen jeden Tag mehrere Anfragen." Man wolle aber zunächst mit wenigen Spenderinnen und Empfänger-Frühchen Erfahrungen sammeln.

Bis zur flächendeckenden Versorgung in Hessen ist es ein weiter Weg: 781 Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm wurden 2018 in Hessen geboren. Allein um die Frühchen der Frankfurter Uniklinik zu versorgen, bräuchte man 60 Spenderinnen pro Jahr, schätzt Schlößer. Frühestens in einem Jahr sollen andere Kliniken in Hessen dazukommen. Zur Versorgung reif geborener Kinder soll die Spendermilch auch später nicht genutzt werden.

Muttermilch als "Leben-Mittel"

Muttermilch sei gerade für Frühchen wichtig, sagt Thomas Klingebiel, Direktor der Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik. Industriell hergestellte Nahrung sei für sie "nicht ideal". Muttermilch sei für den nicht ausgereiften Magen-Darm-Trakt besser verträglich, kalorienreicher und beuge Krankheiten vor. Aber nicht alle Frühchenmütter haben sofort genug Milch. Die Spenden sollen helfen, diese Zeit zu überbrücken. Dafür reichen laut Klingebiel winzige Mengen, aber die seien wichtig: "Muttermilch hilft Frühchen, besser zurechtzukommen, ein wahres Leben-Mittel."

Als Lebensmittel gilt Muttermilch tatsächlich - nicht als Arzneimittel oder Medizinprodukt. Daher war der Aufbau der Frauenmilchbank für den Blutspendedienst dann doch nicht so einfach, wie Direktor Erhard Seifried berichtet. Fläschchen statt Beutel, Lebensmittelrecht statt Transfusionsgesetz - das Verfahren aber sei "eins zu eins" das von Blutspenden. "Die Frauenmilchspende unterliegt den gleichen strengen Kriterien", sagt Seifried.

Kein Geld für Spenderinnen

Weil dafür neue technische Ausstattung angeschafft werden musste, sprangen zwei Stiftungen in die Bresche. Sie unterstützten den Projektstart mit zusammen 110.000 Euro. Kein Geld erhalten die Mütter, die Milch spenden. Man wolle "keine falsche Motivation fördern" und riskieren, dass Mütter ihren eigenen Kindern Milch vorenthalten, um an den Spenden zu verdienen, sagt Seifried.

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Der Westen zieht langsam nach

Muttermilchbanken haben eine lange Tradition. Schon vor hundert Jahren, 1919, wurde in Magdeburg die erste "Frauenmilchsammelstelle" gegründet. 23 Frauenmilchbanken gibt es aktuell in Deutschland, die meisten liegen in den neuen Bundesländern. Der Westen zieht erst langsam nach - wie nun Hessen. In vier Bundesländern ist die Landkarte weiterhin weiß: in Rheinland-Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein und Bremen. Eine bundesweite Frauenmilchbank-Initiative setzt sich dafür ein, dass mehr solcher Einrichtungen gegründet werden. Ziel: Spätestens 2023 soll kein Bundesland mehr ohne Milchbank sein.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 15.07.2019, 16.45 Uhr