Katrin und ihre Kinder bei der Marburger Tafel.
Katrin und ihre Kinder bei der Marburger Tafel. Bild © Rebekka Dieckmann

Eine Familie geht regelmäßig zur Marburger Tafel. Obwohl der Vater arbeitet, reicht das Einkommen nicht. Wie es sich anfühlt, Lebensmittelspenden zu erhalten.

Audiobeitrag
Ausgabestelle der Marburger Tafel

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Zu Besuch bei der Marburger Tafel

Ende des Audiobeitrags

Jedes Mal ist etwas anderes drin in der Lebensmittelkiste, die Katrin am Tresen der Marburger Tafel in Empfang nimmt. Viel Gemüse gibt es heute für die sechsköpfige Familie, außerdem Kartoffeln, Soßenpäckchen, ein paar Süßigkeiten für die Kinder. "Und was ganz Besonders", zeigt die Mitarbeiterin: "Maultaschen!"

Weitere Informationen

hr-Weihnachtsspendenaktion

Hier finden Sie alle Infos zur hr-Spendenaktion und das Spendenkonto für die Tafeln

Ende der weiteren Informationen

Für große Familien werden die Kisten meistens schon vorgepackt, vor Ort können die Kunden dann noch zusätzliche Lebensmittel auswählen. Über Obst in der Tafelkiste freut sich Katrins Familie, deren Nachname nicht genannt werden soll, immer besonders. Das geht zu Hause schneller weg, als man gucken kann, erzählt die junge Mutter. "Vier Kinder – das ist ganz schön viel. Ein Netz Mandarinen ist schon leer, bevor ich die Einkaufstasche ausgepackt habe." Katrins vierjährige Tochter hat sofort was Leckeres in der Kiste entdeckt: Heidelbeeren. Die werden auch direkt aufgemacht und blitzschnell weggefuttert.

Weitere Informationen

hessenschau-Kalender 2018

Gewinnen Sie einen hessenschau-Kalender bei der hr-Weihnachtsspendenaktion 2017

Ende der weiteren Informationen

Katrin hat vier Kinder zwischen zwei und elf Jahren. Von Beruf ist die 32-Jährige eigentlich Hebamme. Ganz bewusst hat sie sich aber entschieden, die ersten Jahre nicht zu arbeiten, sondern die Kinder zu Hause zu betreuen. Die Folge: Das Einkommen ihres Mannes reicht für die Großfamilie kaum.

Nicht arm – und trotzdem dankbar für die Tafel

Unter Hunger oder Mangel leidet die Familie nicht. Echte Armut – das ist etwas ganz anderes, findet Katrin. "Wir könnten auch ohne die Tafel leben", sagt sie. Aber durch das Angebot könne sie den Speiseplan ihrer Kinder abwechslungsreicher gestalten. So kommt auch mal was Besonderes auf den Tisch, wie eine Ananas, Sojamilch oder Kalbsfleisch. Obwohl viele Produkte abgelaufen sind oder nicht mehr ganz makellos aussehen – das meiste kann man sehr gut noch verwenden, sagt Katrin.

Die Mutter schätzt: 98 Prozent der Lebensmittelspenden, die sie von der Tafel bekommt, sind noch gut brauchbar. Besonders Brot gibt es hier immer im Überfluss, weil viele Bäckereien bis kurz vor Ladenschluss frische Ware anbieten. Die Marburger Tafel kann all das gespendete Brot häufig nicht einmal vollständig verteilen. Katrin nimmt deshalb meistens gleich mehrere Brote mit und friert sie auf Vorrat ein. Das reiche dann für mindestens eine Woche.

"Wenn ich morgens Frühstück mache und Schulbrote schmiere, wie viel Brot da alleine wegkommt!", sagt sie. Das Geld, das sie so spart, bleibe dann übrig für andere Dinge.

Hier soll niemand satt gemacht werden

Besonders Rentner, Arbeitslosengeldempfänger und alleinerziehende Mütter nehmen das Angebot der 55 Tafeln an, die es in Hessen gibt, sagt Rita Vaupel. Sie leitet die Marburger Tafel. Aber auch viele Familien wie die von Katrin, denen das kleine Einkommen nicht reicht.

Wessen Einkommen dem Hartz-IV-Niveau oder weniger entspricht, ist berechtigt herzukommen, erklärt Vaupel. Sie betont dabei: Durch die Lebensmittelspenden soll niemand satt gemacht werden. Die Tafel soll für die Familien eine Ergänzung sein und sie finanziell entlasten. "Vielleicht können sie dann mal mit ihrem Kind ins Kino gehen oder sich irgendwas anderes leisten", sagt Vaupel.

Zwischen Erniedrigung und Stolz

Katrin kommt seit eineinhalb Jahren her. Sie erzählt: So dankbar sie für die Hilfe der Tafel sei, ganz leicht fiel es ihr am Anfang nicht, das Angebot anzunehmen. An die ersten Besuche hier erinnert sie sich noch gut: "Das war schon eine Erniedrigung." Schlecht und unwohl habe sie sich gefühlt. Auch weil sie selbst ja früher immer genug Geld verdient habe, um sich ihr Leben gut leisten zu können.

"Sozialhilfeempfänger sind Assis, die sich vor der Arbeit drücken und den Staat beschnorren – viele Vorurteile musste ich bei mir selbst erst mal revidieren", meinte Katrin. Sie und ihre Familie seien schließlich auch durch verschiedene Umstände in diese Situation gekommen, nicht weil sie faul oder unorganisiert seien.

Und in noch einem Punkt habe der Kontakt mit der Tafel ihre Denkweise verändert. Sie sei inzwischen geschockt, welche Unmengen an Essen in Deutschland verschwendet und weggeworfen würden. "Ich finde es unglaublich krass, wie wir mit Lebensmitteln umgehen – auch mit tierischen Produkten. Wir züchten die Tiere unter den miserabelsten Bedingungen, um sie dann zu Wurst zu verarbeiten und dann wegzuschmeißen, weil das falsche Etikett draufsteht." Diesbezüglich sei sie dann stolz, Essen von der Tafel zu nehmen.

Katrin plant trotzdem, nicht mehr allzu lange herzukommen. Nächstes Jahr seien die Kinder aus dem Gröbsten raus. Dann wolle sie wieder arbeiten gehen – und dann reiche das Geld hoffentlich auch wieder.