Bildkombo: Angeklagter vor Gericht, Opfer Goerke mit Drohbrief
Der Angeklagte mit seinem Anwalt vor Gericht. Opfer Goerke (rechts) zeigt den Drohbrief. Bild © hr, picture-alliance/dpa

Wegen eines falschen Mordgeständnisses im Namen eines linken Aktivisten steht ein Ex-Vorstandsmitglied der Jungen Alternative vor Gericht. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe. Ein wichtiger Zeuge wurde vor dem Prozess offenbar bedroht.

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Der Fall mutet an wie ein Krimi: Mehrere Polizeibeamte standen am 11. Februar 2017 mit gezogener Waffe vor dem Haus des Linksaktivisten Andreas Goerke in Fulda. Per Notruf hatte sich aus einer Telefonzelle ein Mann gemeldet, der sich als Goerke ausgab und sagte, er habe soeben seine Frau erschossen.

Der Anrufer hatte den brutalen Mord detailreich geschildert und den Großeinsatz ausgelöst. Der Staatsschutz vernahm Goerke, stadtweit bekannter Aktivist des linken Bündnisses "Fulda stellt sich quer" und Eisenbahngewerkschafter, stundenlang, bis feststand: Der angebliche Mord war nur erfunden.

Terrorkampagne gegen politischen Widersacher?

Die Staatsanwaltschaft Fulda ist inzwischen davon überzeugt, dass ein ehemaliges Vorstandsmitglied der rechtsorientierten Jungen Alternative (JA) Hessen, der Nachwuchsorganisation der AfD, der Anrufer war. Der 36-Jährige aus Künzell (Fulda) muss sich deshalb seit Donnerstag wegen Missbrauchs von Notrufen und falscher Verdächtigung vor dem Amtsgericht Fulda verantworten.

Dem Vorfall läge demnach ein politisches Motiv zugrunde, die Absicht, einem missliebigen Widersacher das Leben schwer zu machen. Goerke rief mit seinem Verein im Januar 2017 zum Protest gegen eine Veranstaltung des AfD-Kreisverbandes Fulda mit Björn Höcke aus dem rechtsnationalen Flügel der Partei auf - und das erfolgreich. Die AfD sagte die geplante Kundgebung ab.

Zeugen erkennen Stimme wieder

Der Angeklagte bestreitet die Tat. Laut Richter soll er den fingierten Anruf aber gegenüber einer Zeugin zugegeben haben. Andere Zeugen gaben an, die Stimme des Beschuldigten wiederzuerkennen, darunter der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann aus Neuhof (Fulda).

Ein AfD-Aussteiger, der die Stimme ebenfalls wiedererkannt haben will, war zwei Tage vor Prozessbeginn von zwei maskierten Männern überfallen und eingeschüchtert worden. Der 44-Jährige hatte gegenüber der Polizei angegeben, die Männer hätten ihn zu Boden gestoßen. "Zudem sei ihm gedroht worden: Wenn du aussagst, schnappen wir deine Frau", sagte ein Polizeisprecher. Zuerst berichtete osthessen-news.de darüber.

Pizza, Pornohefte und ein Feueralarm

Der geschmacklose Anruf war nicht der einzige Psychoterror, dem sich Goerke ausgesetzt sah. Nach eigenen Angaben hatte er zuvor immer wieder unerwünschte Post, darunter Mitgliederwerbung der NPD, nicht bestellte Büchersendungen, Kataloge und Pornohefte erhalten.

Ein Pizzabote stand mehrfach vor der Tür der Goerkes. Einmal rückten sechs Feuerwehrfahrzeuge und zwei Rettungswagen an, weil jemand angerufen hatte, es brenne dort. Höhepunkt war eine anonyme Morddrohung gegen den 17-jährigen Sohn des Linksaktivisten. Für diese Übergriffe hat die Staatsanwaltschaft noch keine Täter ermittelt.

Goerke: "Psychoterror war die Hölle"

Andreas Goerke machte die Vorfälle damals öffentlich. Nach dem fingierten Mordanruf sei er in ein tiefes seelisches Loch gefallen, sagte er. "Dieser Psychoterror war die Hölle."

Der Angeklagte bestritt am Donnerstag vor Gericht nicht nur den Anruf, sondern auch jede Beteiligung sowohl am Überfall auf den Zeugen als auch an den gegen Goerke und seine Familie gerichteten Aktionen. "Ich habe mit dieser Kampagne nichts zu tun", sagte er.

Urteil voraussichtlich am 28. März

Vor dem Amtsgericht angeklagt sind nur der Notruf-Missbrauch und die falsche Verdächtigung. Aus der AfD ist der Beschuldigte inzwischen ausgetreten. Vor Gericht erklärte er, mehrere AfD-Mitglieder hätten sich von ihm distanziert. Ein Urteil wird für den 28. März erwartet.