Die ehemalige Grünen-Politikerin Jutta Dirfurth zu Gast bei einer Talkshow.

In der "NSU 2.0"-Affäre ist offenbar ein weiteres Drohschreiben verschickt worden. Die ehemalige Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth berichtet, auch sie habe eine Morddrohung erhalten.

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Die Affäre um Drohmails mit dem Absender "NSU 2.0" reißt nicht ab. Nach mehreren Linken-Politikerinnen, darunter die Landtags-Fraktionsvorsitzende Janine Wissler, sowie einer Reihe weiterer Personen des öffentlichen Lebens hat nun offenbar auch Jutta Ditfurth ein solches Schreiben erhalten.

Die ehemalige Grünen-Politikerin aus Frankfurt sagte dem hr, sie habe am Montag gegen ein Uhr nachts eine "NSU 2.0"-Morddrohung erhalten. Es sei auffällig, wie stark sie darin antisemitisch attackiert werde, zumal sie selbst gar keine Jüdin sei. Der anonyme Verfasser beschimpfe sie in dem Schreiben als "Deutschland-Feindin", "Judensau", und als "Schande für ihre arische Familie".

Der ‚Nationalsozialistische Untergrund 2.0 - NSU‘ hat mir heute Nacht eine Morddrohung geschickt. Sie strotzt vor starken antisemitischen Beleidigungen und enthält unbekannte Informationen über mein Privatleben. Ich habe mich an meine Anwälte gewandt. Es schützen mich /2

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Sie solle außerdem lernen, ohne Überweisungen der Familie Rothschild auszukommen - einer jüdischen Bankerfamilie, der Verschwörungstheoretiker unter anderem nachsagen, einen dritten Weltkrieg herbeiführen zu wollen. "Heil Hitler wünscht dir der Nationalsozialistische Untergrund 2.0 - NSU", zitiert sie bei Facebook weiter aus der Nachricht.

"Das Schlimme ist die Sicherheit, in der sich die Täter fühlen"

In dem Brief sei außerdem ihre Privatadresse genannt worden, sagte Ditfurth dem hr. "Das Schlimme ist die Sicherheit, in der sich der oder die Täter fühlen", sagte sie. Bevor sie weitere Details bekannt gebe, wolle sie Rücksprache mit ihrem Anwalt halten. Ein Sonderermittler der Staatsanwaltschaft habe sich außerdem bereits bei ihr gemeldet, um sich selbst ein Bild von den Drohungen zu machen. Weitere Personen würden in dem Drohschreiben nicht genannt.

Ditfurth hatte zuletzt mit einem Hilfsaufruf bei Twitter enorme Reaktionen ausgelöst. Im März hatte sie ihre Coronavirus-Erkrankung öffentlich gemacht und um Spenden gebeten. Das sorgte bei den Nutzern neben Unterstützung und Mitgefühl auch für viel Häme.

Auch Deniz Yücel erhielt Drohschreiben

Am Wochenende war ein weiteres rechtsextremes Drohschreiben bekannt geworden. Zu den Adressaten gehört der aus Flörsheim (Main-Taunus) stammende Welt-Korrespondent Deniz Yücel. Außerdem richtet sich die Mail an den neuen Landespolizeipräsidenten Roland Ullmann sowie erneut an die taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah.

Genannt werden auch Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU), die Kabarettistin Idil Baydar, die zuvor bereits ein Drohschreiben in ähnlichem Duktus erhalten hatte, und Linken-Politikerin Wissler.

Generalbundesanwalt sieht sich nicht zuständig

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner, die ebenfalls vom "NSU 2.0" bedroht wurde, sowie weitere Politiker fordern inzwischen, dass der Generalbundesanwalt die Ermittlungen an sich zieht. Dessen Sprecher teilte am Montag jedoch mit, die Voraussetzung für ein Eingreifen seinerseits seien nicht erfüllt. Grundsätzlich ist die Strafverfolgung Sache der Länder. Die Staatsanwaltschaft des Bundes darf nur in ganz bestimmten Fällen Ermittlungen führen - etwa bei Terrorismus, Spionage oder Landesverrat.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Auch Ditfurth erhält nach eigenen Angaben Drohschreiben

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Die Ermittlungen zu den Drohschreiben führt die Staatsanwaltschaft Frankfurt. Ein Sprecher sagte am Montag, es handele sich um ein "sehr dynamischen Geschehen". Viele Personen würden Drohmails bekommen, es sei aber noch lange nicht geklärt, ob es sich um denselben Absender handele. Die Schreiben einem Verfasser allein anhand eines Sprachduktus zuzuordnen, sei sehr schwierig.

Einige der Drohschreiben waren mit "NSU 2.0" unterzeichnet. In mindestens drei Fällen waren zuvor persönliche Daten der Betroffenen von Polizeicomputern in Frankfurt und Wiesbaden abgefragt worden. Inzwischen schließt Innenminister Beuth nicht mehr aus, dass es ein rechtes Netzwerk in der hessischen Polizei geben könnte. Der unter Druck geratene Minister setzte einen Sonderermittler ein. Polizeichef Udo Münch wurde in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.

Unterdessen warnte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) davor, "die Polizei pauschal in eine rechtsextreme Ecke zu stellen". In einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung betonte er zugleich, es müsse "alles nur Mögliche unternommen werden, um die Sache aufzuklären". Er nehme diese Vorfälle sehr ernst. "Es ist ja nicht so, als wäre nach dem ersten Fall in Frankfurt nichts geschehen. Aber die Maßnahmen haben nicht ausgereicht."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 20.07.2020, 13 Uhr