Afghanische Frauen und Männer sitzen vor Laptops

Die Hochschulen in Afghanistan sind dicht, vor allem junge Frauen haben unter der Taliban-Herrschaft kaum Hoffnung auf ein Studium. Könnte eine digitale Universität die Lösung sein? Ein Professor aus Kassel stellte nun ein Konzept dafür vor.

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Kasseler Professor will Online-Uni für Afghanen gründen

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Seit die Taliban in Afghanistan wieder an der Macht sind, ist in dem Land kaum noch etwas, wie es einmal war. Das gilt auch für die rund 370.000 jungen Studierenden im Land. Denn die Taliban haben viele der 150 Hochschulen vorübergehend geschlossen. Frauen müssen fürchten, dass sie gar nicht mehr zurück an die Uni dürfen.

Wie also können junge Afghaninnen und Afghanen weiter Bildungsangebote wahrnehmen? Darüber diskutieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Afghanistan und Deutschland mit Politikern des europäischen Parlaments.

Die Idee: eine Online-Universität, an der Afghanen in ihrem Heimatland, aber auch im Exil studieren können. Die Findungskonferenz findet an diesem Freitag und Samstag in Frankfurt statt.

"Keine Hoffnung" auf Bildung unter den Taliban

Noshin Hashimzada lebt erst seit wenigen Wochen in Deutschland und studiert Psychologie in Düsseldorf. Sie denkt an ihre Freunde in der Heimat, die nun unter den Taliban leben. "Es ist sehr schwer für sie, dass sie dort keine Möglichkeiten mehr haben", sagt Hashimzada: "Sie haben so viel gemacht, und jetzt haben sie nichts mehr. Ich denke oft an sie. Das macht mich sehr traurig."

Jamal bin Saberi studiert öffentliches Recht in Regensburg. Bis vor kurzem lehrte er noch selbst an einer afghanischen Universität. Eine Zukunft in seinem Heimatland kann er sich nicht mehr vorstellen. "Die Taliban verstoßen gegen die Menschen- und Frauenrechte. Ich denke, es besteht keine Hoffnung, dass sie ihre Einstellung zu Bildung ändern werden", sagt er.

3.000 Studienplätze geplant

Wenn den Studierenden der Zugang zu Bildung verwehrt wird, könnte es dann eine Lösung sein, die Bildung zu den Studierenden zu bringen? Ulrich Teichler ist davon überzeugt. Der emeritierte Hochschulforscher von der Uni Kassel hat das erste Konzept für eine afghanische Online-Universität geschrieben.

Beauftragt wurde er von Kambiz Ghawami vom Deutschen Komitee des World University Service in Wiesbaden (WUS), der zu die Konferenz eingeladen hat. Die Nichtregierungsorganisation tritt für das Menschenrecht auf Bildung ein und fördert nach eigenen Angaben die internationale Zusammenarbeit von Lehrenden und Lernenden an Hochschulen in rund 50 Ländern.  

Millionen von Afghanen lebten schon lange im Ausland, seien zum Beispiel in das Nachbarland Iran geflohen, sagt Ulrich Teichler. Auch sie sollen sich an der digitalen Uni bewerben können. Das Konzept sieht vor, dass die Universität Partnerschaften mit bestehenden Hochschulen eingeht, um so eine Zulassung zu erlangen und doppelte Studienabschlüsse anbieten zu können.

Finanzierung offen

Afghanische Wissenschaftler könnten dort Geistes- und Sozialwissenschaften anbieten, die die Taliban abgeschafft haben. Aber auch Fächer wie Betriebswirtschaft und Informatik, die für den Aufbau eines freiheitlichen Afghanistans in der Zeit nach den Taliban gebraucht würden. Auf der Konferenz in Frankfurt sollten konkrete Pläne zur Ausgestaltung des Studienprogramms sowie die Satzung der Exil-Universität formuliert werden.

Wie das alles finanziert werden soll, ist allerdings offen. Für insgesamt 3.000 Studienplätze hat Teichler ein Budget von 25 bis 30 Millionen Euro im Jahr angesetzt. Das entspreche den Kosten vergleichbarer Universitäten in Deutschland, sagt er. Das Geld solle von westlichen Regierungen und internationalen Organisationen kommen. Im Gegenzug bekämen sie dann ja die ausgebildeten Fachkräfte.

Geld gegen schlechtes Gewissen?

Die Chancen, dass das funktionieren könnte, stünden nicht schlecht, meint Nicola Beer. Die FDP-Politikerin war hessische Kultusministerin und ist aktuell Vizepräsidentin des Europaparlaments. Das "schlechte Gewissen" des Westens, die Afghanen in diesem Sommer im Stich gelassen zu haben, könnte beim Geldeintreiben helfen, findet Beer. Sie sieht die Europäer in der Pflicht: "Ich finde es desaströs, auf welche Art und Weise wir aus Afghanistan rausgegangen sind." Beer nahm an der Tagung in Frankfurt teil.

Ob die Taliban allerdings zulassen würden, dass junge Afghanen online westliche Bildung erhalten? Das kann derzeit wohl niemand vorhersagen. Für die jungen Teilnehmer würde eine Online-Uni jedoch bedeuten, dass ihr Traum vorerst weitergehen darf.

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