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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kinderschützer schlagen Alarm

Ein Mädchen sitzt zusammengekauert in einem Kinderzimmer.

Familien auf engstem Raum, Angst um den Job - Kinderschützer befürchten, dass es im Corona-Ausnahmezustand zu Gewaltausbrüchen in Familien kommt. Doch ausgerechnet jetzt haben die Jugendämter kaum noch Zugriff.

Schulen und Kitas in Hessen sind seit zwei Wochen geschlossen, seit einer Woche gilt die Kontaktsperre. Alle Angebote, die Familien normalerweise entlasten, fallen weg. Familien hängen aufeinander und müssen viel mehr Zeit miteinander verbringen als üblich, denn Vereine, Hausaufgabenbetreuung, Spielplätze und Parks sind geschlossen.

Der Kinderschutzbund in Hessen und viele andere Kinderschutzexperten in Deutschland befürchten, dass es durch die Kontaktsperre in den Familien in den nächsten Wochen verstärkt zu Gewalt kommt. Die Jugendämter in Hessen machen nur noch im Notfall Hausbesuche. Doch wie sollen die Sozialpädagogen entscheiden, wo ein Notfall ist, wenn sie keinen persönlichen Kontakt mehr haben? Das Leiden mancher Kinder sieht nun niemand mehr.

"So langsam geht es bei uns los, dass täglich Meldungen eingehen", erzählt Janika Zinke vom Jugendamt Gießen. Die 31-jährige Sozialpädagogin hält in dieser Woche die Stellung. So gut es geht, versucht sie die Arbeit zu organisieren. Seit die Kontaktsperre gilt, hat sich alles verändert. Persönliche Kontakte zwischen Jugendämtern und Familien sind die Ausnahme, beraten wird per Telefon, Mail oder Post.

Ihr Berufsalltag habe sich durch die Corona-Pandemie völlig verändert, sagt Zinke. Sie fände Videoanrufe gut, aber die seien in vielen Jugendämtern mangels Diensthandys nicht möglich. Die Ämter sind technisch schlecht ausgestattet. Hinzu kommt, dass viele Jugendämter noch nicht mit elektronischen Akten arbeiten. Diese würden in Ausnahmefällen die Arbeit von zu Hause ermöglichen.

Notbetreuung für Härtefälle

Zinke betreut mit 16 Kolleginnen insgesamt 450 Vorgänge - hinzu kommen weitere aktuelle Fälle. Sie sorgt sich um die Grundrechte von Kindern, die ja auch zu Zeiten der Pandemie gelten, wie sie sagt. Zinke und ihre Kolleginnen und Kollegen der 33 hessischen Jugendämter müssen den Kinderschutz sicherstellen. Die Jugendämter stehen bei Gericht weiter dafür gerade, dass kein Kind zu Schaden kommt.

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Die Jugendämter haben entschieden, sich möglichst schnell vor allem um diejenigen Kinder zu kümmern, für die ein sogenannter Schutzplan vorliegt. In solchen Härtefällen würden die Kinder weiter in Kitas und Schulen betreut, teilt der Hessische Städtetag mit. Man müsse die Kinder schützen und die Familien entlasten, die schon ohne Corona den Alltag kaum schafften. Auch während der Osterferien werde an der Notbetreuung festgehalten.

Doch Stichproben zeigen, dass die Städte unterschiedlich schnell mit der Umsetzung sind. In Wiesbaden läuft die Notbetreuung schon, in Gießen gibt es sie erst für Kitakinder, nicht aber für Schulkinder. Die Jugendämter regeln das seit Wochen individuell, am Samstag hat das Sozialministerium in einer Erweiterung der "Corona-Verordnung" nachgezogen. Demnach dürfen Kinder in einer Kita oder in der Kindertagespflege betreut werden, falls das zuständige Jugendamt es zur Sicherung des Kindeswohls für dringend erforderlich hält.

Jugendämtern fehlt Schutzausrüstung

Schon vor Corona war die Personaldecke im Kinder- und Jugendschutz dünn. Jetzt wird sie noch dünner, denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören nicht zu den systemrelevanten Berufen. Wenn sie ihre eigenen Kinder zu Hause betreuen müssen, fallen sie aus. Der Hessische Städtetag verhandelt mit dem Sozialministerium über eine Änderung der Einstufung.

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Im Jugendamt Wiesbaden macht Sandra Krause-Ackermann sich vor allem Sorgen darüber, dass durch das Kontaktverbot fast alle Strukturen wegbrechen, die Familien sonst entlasten. Auch betreute Tagesgruppen finden nicht mehr flächendeckend statt. Die Jugendämter müssen abwägen, ob der Betrieb ausgesetzt werden kann, ohne das Kindeswohl zu gefährden. Infektions- oder Kinderschutz - so die entscheidende Frage.

Viele Sozialarbeiter haben Sorge, etwas zu übersehen. Im Corona-Ausnahmezustand könnten Gewalt, Verletzung und Vernachlässigung unentdeckt bleiben. Rainer Becker von der Deutschen Kinderhilfe rechnet mit dem Schlimmsten: "Ich befürchte, dass uns Fälle von Gewalt gegen Kinder, sexueller Gewalt, häuslicher Gewalt und Tötungsdelikten um die Ohren fliegen werden."

Weitere Informationen

Nummern der Hilfe-Telefone

Elterntelefon des Deutschen Kinderschutzbundes: 0800/1110550
Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": 116 111 

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-iNFO, 30.03.2020, 9.40 Uhr