Frau mit Mundschutz am Flughafen

Plexiglasscheiben in der Apotheke, abgesagte Messen und Konzerte, leere Regale im Supermarkt - die Angst vor dem Coronavirus grassiert. Im Gesundheitsamt Frankfurt hält man manche Vorkehrungen für ungerechtfertigt.

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Seit am 28. Februar der erste Corona-Fall in Hessen bestätigt wurde, überschlagen sich die Nachrichten: Die Messe Frankfurt hat mehrere Großveranstaltungen wie die Musikmesse verschoben; vor Fußballspielen wird verstärkt über Schutzmaßnahmen diskutiert; immer wieder ist auch von möglichen Schulschließungen die Rede. In Hanau sagte man gar ein Konzert zum Gedenken an die Opfer des rassistischen Attentats ab.

Auch Ärzte und Apotheken schützen sich und Patienten verstärkt vor einer möglichen Ansteckung: Die Klinik Groß-Gerau richtete einen Drive-in für Corona-Verdachtsfälle auf dem Parkplatz ein. Eine Apotheke im Kreis Limburg-Weilburg hat Plexiglasscheiben aufgestellt.

Angesichts solcher Meldungen sei die Unsicherheit in der Bevölkerung wenig verwunderlich, sagt Antoni Walczok, der im Gesundheitsamt Frankfurt die Abteilung für Infektiologie leitet: "Die großen Sorgen sind aber nicht berechtigt."

"Es gibt keinen Grund, jetzt alle Veranstaltungen abzusagen"

Anders als bei der Grippe gebe es deutlich weniger schwere Krankheitsverläufe und in Deutschland bislang keine Todesfälle, die sich auf das Coronavirus Sars CoV-2 zurückführen ließen. "Dass mit Zunahme der Fallzahlen auch Patienten versterben könnten, kann aber nicht ausgeschlossen werden", sagt Walczok.

Manche der bislang getroffenen Maßnahmen halte er jedoch für übertrieben. Dass Dutzende Menschen in Quarantäne gesteckt oder Züge angehalten würden, sei ein Versuch, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. "Das wird aber nicht gelingen", glaubt Walczok. Grund sei gerade das milde Krankheitsbild, so gebe es auch infizierte Menschen ohne erkennbare Krankheitssymptome.

"Wir müssen aber nicht befürchten, dass die Fälle der schwerkranken Patienten drastisch zunehmen werden und das Gesundheitssystem deshalb an den Rand seiner Kapazitäten stößt", sagt Walczok: "Es gibt meiner Meinung nach auch keinen Grund, jetzt in großem Umfang Veranstaltungen abzusagen - während beispielsweise Berufspendler in der U-Bahn genauso eng zusammenstehen."

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Wann sollte ich mich testen lassen?

Laut Robert-Koch-Institut ist gefährdet, wer persönlichen Kontakt zu einer Person hatte, bei der das Sars-CoV-2-Virus im Labor nachgewiesen wurde, oder aus einem Risikogebiet wie China oder Norditalien kommt und grippeähnliche Symptome aufweist.

Sollten Sie den Verdacht haben, dass Sie sich mit dem Coronavirus angesteckt haben, gehen Sie bitte nicht in die Praxis Ihres Hausarztes, sondern rufen Sie dort an. Für Fragen rund um das Coronavirus hat das hessische Sozialministerium eine Hotline eingerichtet: 0800/5554666 (täglich von 8 bis 20 Uhr).

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"Ressourcen werden unnötig verbraucht"

Ein größeres Problem sieht Walczok darin, dass Ressourcen unnötig verbraucht würden. In Frankfurt erlebe er häufig, dass sich besorgte Bürger "freimessen" lassen wollten, obwohl sie nicht gefährdet seien. Das erschwere eine sachliche Beurteilung der Situation. Auch Schutzmasken und Desinfektionsmittel etwa sind derzeit Mangelware, Ärzte müssen vielerorts wochenlang auf eine neue Bestellung warten.

Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass die Zahl der Infizierten in Deutschland steigen wird. RKI-Präsident Lothar Wieler appelliert an Ärzte und Bevölkerung, die Tests nur bei begründeten Verdachtsfällen mit Symptomen durchzuführen. Es gehe darum, das System nicht zu überlasten. "Vielleicht wird sogar zu viel getestet", sagte Wieler der Nachrichtenagentur dpa. Die Dunkelziffer halte er in Deutschland deshalb für niedrig.

17 bestätigte Fälle in Hessen

Die derzeit 17 in Hessen bestätigten Corona-Patienten zeigen nach Angaben des Sozialministeriums und der betreffenden Landkreise keine oder nur sehr geringe Symptome. Es komme in Deutschland bisher nur selten zu schweren Lungenentzündungen, aber die Krankheit werde leicht übertragen, sagt der Frankfurter Infektiologe Walczok: "Zum Glück handelt es sich bei dieser Pandemie aber um eine Krankheit mit überwiegend sehr milder Symptomatik. Das wird in meinen Augen immer wieder vergessen."

Die Karte zeigt die Zahl der Coronainfizierten in den hessischen Landkreisen - sortiert sind sie nach Infektionswegen.

Drei der hessischen Corona-Patienten befinden sich nach Angaben des Sozialministeriums in stationärer Isolation. Das sei aber nicht darauf zurückzuführen, dass sie einer besonders intensiven Behandlung durch Ärzte bedürften, sagt Walczok. Wenn etwa viele Familienmitglieder auf engem Raum leben würden, sei eine häusliche Isolierung von infizierten Patienten schwierig.

Im Vergleich zum Coronavirus scheint die gewöhnliche Grippe gefährlicher zu sein. An der Grippe erkrankten laut Sozialministerium seit Jahresbeginn mehr als 4.600 Hessen, 14 von ihnen starben. Deutschlandweit verliefen Grippeerkrankungen nach einer Auswertung des Robert-Koch-Instituts in der aktuellen Saison bei mehr als 200 Patienten tödlich.

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Coronavirus in Deutschland und der Welt

Weltweit sind bislang rund 100.000 Infektionen mit dem Virus Sars CoV-19 bestätigt worden. Knapp 56.000 Patienten sind inzwischen wieder vollständig genesen (Stand 6. März, 15 Uhr). Die Zahl der Todesfälle, die auf das Virus zurückzuführen sind, liegt weltweit bei rund 3.400 - mehr als 3.000 Erkrankte starben in China. Die tagesschau aktualisiert die Angaben fortlaufend in einer interaktiven Karte.

In Deutschland zählte das Robert-Koch-Institut bis Freitag mindestens 534 nachgewiesene Infektionen. Ein Großteil der Fälle trat in Nordrhein-Westfalen auf. Einen Todesfall gibt es in Deutschland nicht. Die Gefahr für die Bevölkerung hierzulande schätzt das Robert Koch Institut als "mäßig" ein.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 06.03.2020, 16.45 Uhr