Mann raucht Joint

Kiffen wird gerade unter Jugendlichen immer beliebter: Cannabis ist leicht zu kriegen und hat einen harmlosen Ruf. Der THC-Gehalt in dem illegalen Stoff ist jedoch stark gestiegen - und damit das Risiko schwerer Psychosen.

Als Jugendliche hat Sarah nie viel gekifft, nur ab und an hat sie mal einen Joint geraucht. Erst mit Mitte 20, als der Stress durch ihre Ausbildung und eine Beförderung sie nachts kaum noch schlafen lässt, greift sie immer öfter zu Cannabis. Am Ende wird der Joint zu ihrem täglichen Begleiter.

Doch die vermeintlich so harmlose Droge hat bei ihr verheerende Folgen. Es beginnt mit Panikattacken und Angststörungen, später leidet Sarah, die eigentlich anders heißt, unter Wahnvorstellungen. "Ich habe mir Sachen eingeredet und komplett abstruse Gedanken gehabt, fernab der Realität", erzählt die junge Frau.

Schließlich beherrschen die Nebenwirkungen ihr komplettes Leben. "Ich bin nicht mehr arbeiten gegangen und war teilweise nicht mehr in der Lage, mich selbst zu versorgen." Sie traut sich kaum noch unter Menschen, der Gang in den Supermarkt wird zur Qual. Vor eineinhalb Jahren bricht sie zusammen, ringt sogar mit Selbstmordgedanken. Die Diagnose: Psychose.

Mehr Patienten mit psychischen Problemen

Sarahs Geschichte ist kein Einzelfall. Die Anzahl der schweren Psychosen durch Cannabis nimmt zu, immer häufiger müssen die Konsumenten ins Krankenhaus. Eine deutschlandweite Statistik zeigt: Inzwischen werden 19.000 Cannabis-Patienten im Jahr stationär behandelt - doppelt so viele wie noch vor wenigen Jahren.

Auch Sarah hat sich nach ihrem Zusammenbruch Hilfe gesucht und wird in der Praxis von Peter Reinhold-Hildenhagen in Kassel behandelt. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie merkt auch in seiner Praxis deutlich, dass die Zahl der Patienten, die durch Cannabis massive psychische Probleme haben, stark gestiegen ist.

Dealerei wird für Konsumenten gefährlicher

Ein Grund dafür liege im deutlich höheren Gehalt an Tetrahydrocannabinol, kurz THC, sagt der Experte. Dieser Bestandteil von Cannabis sorgt maßgeblich für die berauschende Wirkung. "Es ist aus Untersuchungen mit beschlagnahmtem Marihuana bekannt geworden, dass offenbar gezielt versucht wird, den Cannabiolgehalt in den Pflanzen zu erhöhen." Das berge wiederum ein höheres Risiko für die Konsumenten.

Aktuellen Studien zufolge hat sich der THC-Gehalt bei dem illegal gedealten Stoff in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Im Jahr 2006 waren in Marihuana fünf Prozent THC enthalten, im Jahr 2016 waren es 10,2 Prozent. Wegen des höheren THC-Gehalts und der stärkeren Wirkung sprechen Experten von "Turbo-Cannabis".

Gefahr vor allem für Jugendliche

Der hohe THC-Wert sei vor allem für jugendliche Konsumenten gefährlich, sagt Annette Wenzel. In der Fachklinik der Drogenhilfe Nordhessen arbeitet sie mit Patienten, die zum Teil schon im Alter von elf Jahren angefangen haben, regelmäßig zu kiffen. Für manche von ihnen sind 15 bis 20 Joints am Tag keine Seltenheit.

"Bei jungen Kiffern - und je früher sie anfangen, desto schwieriger wird es sicher - hat es ja erhebliche Auswirkungen auf die Ausbildung und das Wachstum des Gehirns", erklärt Wenzel. "Stimmen hören, sich verfolgt fühlen, zu denken, andere Menschen können ihre Gedanken lesen. Das führt natürlich zu großen Ängsten und zu großer Hoffnungslosigkeit." Trotz dieser Gefahren konsumieren immer mehr 12- bis 17-Jährige Cannabis. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stieg die Zahl von 4,6 Prozent im Jahr 2011 auf acht Prozent im Jahr 2018.

Kiffen, um nichts zu spüren

Die vierzehn Plätze in den Therapiegruppen der Klinik in Nordhessen sind immer ausgebucht. Viele der Patienten kommen aus zerrütteten Familienverhältnissen, aber auch Jugendliche aus vermeintlich guten Elternhäusern suchen hier Hilfe.

Aktuell beobachtet Annette Wenzel einen gefährlichen Trend: "Heute ist es oft so, dass die Jugendlichen kiffen, um sich komatös wegzurauchen. THC ist ein Gefühlsregulator. Wenn ich kiffe, hab ich wie einen Wattebausch zwischen mir und dem Rest der Menschheit." Das helfe den Jugendlichen vermeintlich dabei, negative Gefühle oder Situationen besser zu ertragen.

Auch Sarah wollte den Kopf ausschalten, wie sie sagt, und einfach wieder richtig gut schlafen können. Nach über einem Jahr Therapie geht es ihr nun besser. Ihr sei bewusst, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen noch richtig Glück hatte.

Sendung: hr-fernsehen, defacto, 20.01.20, 20.15 Uhr