V.l.n.r. : Ingeborg Schillai, Präsidentin der Diöseanversammlung im Bistum Limburg, Stephan Schnelle, Pressesprecher, Bischof Georg Bätzing, Johannes Weuthen, Stabsstelle Projektsteuerung Bistum Limburg
Pressekonferenz zum neuen Projekt in Limburg, das den Missbrauchsskandal weiter aufarbeiten soll Bild © Lisa Gessner (hr)

Das Bistum Limburg zieht Konsequenzen aus der im Herbst vorgestellten Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Externe Berater sollen den Skandal aufarbeiten und die Prävention verbessern.

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Bischof Georg Bätzing sprach am Freitag in Limburg von "Schockwellen", die die Ergebnisse der so genannten MHG-Studie ausgelöst hätten. Allein im Bistum Limburg hatte das Forscherteam aus Mannheim, Heidelberg und Gießen anhand von Personalakten 85 Opfer ausgemacht - und 49 beschuldigte Kleriker. Ein umfangreiches Projekt soll deshalb den Missbrauchsskandal weiter aufarbeiten und die Prävention verbessern. Das Hauptziel sei klar, sagte Bätzing bei der Vorstellung des Projekts: "Kinder und Jugendliche müssen im Raum Kirche sicher leben und ihren Glauben leben können."

Ein Ziel ist nach Angaben des Bistums, Verdachtsfälle und Taten "bestmöglich" aufzuklären und den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen zu verhindern. Geplant ist demnach unter anderem eine Untersuchung durch externe Experten. Das Projekt ist auf ein Jahr angelegt und soll sich auf acht Themenfelder erstrecken.

Fälle der letzten 70 Jahre aufarbeiten

Als erstes sollen externe Experten die Missbrauchsfälle der letzten 70 Jahre im Bistum noch einmal umfassend aufarbeiten. Es gehe dabei vor allem um die Verantwortlichkeiten, betont Bischof Bätzing. Denn unter den Gläubigen gebe es "stark spürbare Irritationen" durch Vertuschung, Verdrängung und die Versetzung von Tätern.

Die externen Experten sollen dafür Zugang zu den Personalakten des Bistums bekommen. Die Erkenntnisse aus dieser Untersuchung sollen an die staatlichen Ermittler weitergegeben werden. "Wir werden der Staatsanwaltschaft Listen mit potentiellen Tätern übergeben, unter Nennung der Namen und Verantwortlichkeiten", sagte Bätzing. Der Abschlussbericht dieser Untersuchung werde veröffentlicht.

Missbrauchsopfer "endlich sehen"

Umfassendes Ziel des Projekts ist für Bätzing aber, dass Opfer von Missbrauch "endlich gesehen werden". Sie müssten teilhaben an der Aufarbeitung, auch strukturell in der Kirche. Das bedeutet aber zuerst einmal einen Perspektivwechsel, wie Ingeborg Schillai erklärte. Die Präsidentin der Diözesanversammlung im Bistum führt die gewählte Vertretung aller Katholiken im Bistum an, die den Bischof auch berät. "Früher wurde immer gesagt, die Kirche darf keinen Schaden nehmen. Es geht hier aber nur um die Opfer, die Schaden erlitten haben, sie zu hören, ihr Leid zu sehen und ihnen zu helfen", sagte sie.

In weiteren Teilprojekten will sich das Bistum zum Beispiel mit der Ausbildung der Priester befassen. Dabei soll es etwa um die Frage gehen, wie Sexualität stärker thematisiert und reflektiert werden kann. Ein Teilprojekt befasst sich mit schneller und einfacher Hilfe, die Missbrauchsopfer beim Bistum finden sollen. Die Personalaktenführung soll überarbeitet werden.

Keine Angst um bischöfliche Macht

Und schließlich soll es auch um die großen Themen der Kirche gehen: um Machtmissbrauch, um Homosexualität unter Priestern, um mehr Frauen in kirchlichen Führungspositionen. Bischof Bätzing hält dabei regionale Lösungen für nicht ausgeschlossen: "Der Heilige Vater sagt immer, wir sollen tun, was wir vor Ort tun können. Und das wollen wir angehen."

Angst um seine bischöfliche Macht habe er dabei nicht. Es gehe um Transparenz, Kontrolle und Mitsprache, die wirklich entscheidend sei und nicht immer nur beratend: "Das kann uns nur nützen". Das Projekt des Bistums läuft nun für ein Jahr. Im Juni nächsten Jahres sollen konkrete Ergebnisse vorliegen - und öffentlich vorgestellt werden.

Staatsanwaltschaften bearbeiten Fälle aus Bistümern

Die MGH-Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche war von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegeben worden. Demnach sollen bundesweit zwischen 1946 und 2014 mindestens 1.670 katholische Kleriker 3.677 Minderjährige missbraucht haben. In Hessen bearbeiten Staatsanwaltschaften in Limburg, Frankfurt und Fulda die von den Bistümern überreichten Listen mit potenziellen Tatverdächtigen. Sie werden zu einem großen Teil noch geprüft. Dabei geht es um insgesamt 266 Namen (Fulda: 32, Limburg: 35, Mainz: 199).

Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt handelt es sich sowohl um Priester als auch um Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen. Die Akten enthalten demnach sämtliche in den Bistümern dokumentierte Fälle. Darunter sind auch solche, die bereits verjährt oder strafrechtlich nicht relevant sind und außerdem Fälle, in denen Ermittlungsverfahren bereits eingeleitet worden oder Verdächtige bereits gestorben sind. Die Diözese Limburg liegt auf hessischem und rheinland-pfälzischem Gebiet.