Gegen Antisemitismus

Antisemitismus macht sich in der Gesellschaft wieder breit, auch an Schulen. Mit den Folgen und Möglichkeiten, der Ausgrenzung entgegenzuwirken, hat sich eine Fachtagung in Wiesbaden beschäftigt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Fachtagung zu Antisemitismus

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Der versuchte Anschlag auf eine Synagoge in Halle am 9. Oktober ist nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt jede Menge Judenhass im Internet, und im Alltag kursieren unter Jugendlichen Judenwitze, Beschimpfungen und antijüdische Musiktexte.

Drei Schüler einer Schule in Grünberg im Landkreis Gießen hören auf dem Handy judenfeindliche Lieder. Sie sind auf der Rückfahrt von der KZ Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar und haben gerade anschauliche Details zur schrecklichen Vernichtung der Juden erfahren. Trotzdem hören sie diese Lieder.

Der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker nennt das "einen schlimmen Fall“. Es sei wichtig, Judenhass in der Schule zu thematisieren. Es müsse gelingen, "Schülerinnen und Schüler emotional zu erreichen, damit es nicht nur ein Kapitel im Geschichtsbuch ist.“ Die Jugendlichen müssten die Dimension begreifen.

"Gangsta-Rap" und andere Grenzüberschreitungen

Die Grünberger Schüler sind kein Einzelfall. Antijüdisches ist im Gangsta-Rap fast üblich. Und Gangsta-Rap wird gehört. Zum Alltag Jugendlicher gehören auch Schimpfwörter wie "Du Jude“ oder, noch schlimmer, "Du Judensau“. Zu meiner Schulzeit war es unvorstellbar, dass so etwas offen ausgesprochen wird. Die Zeiten haben sich geändert.

Solche Beschimpfungen sind heute alltäglich geworden, sagt Professorin Julia Bernstein von der Frankfurt University of Applied Sciences. Bernstein hat für eine Studie Betroffene befragt. "Es gibt eine ganze Breite an Judenwitzen, die auf Vernichtungsphantasien anspielen, wie: "Warst du mal duschen“, erzählt sie. Witze über Vergasung? Für manche Jugendliche kein Problem. Möglicherweise ist es eine Art Mutprobe, Verbotenes zu sagen. Verräter, Opfer, Täter, Geiz: all das werde mit Juden assoziiert und zur Beschimpfung genutzt.

"Spiegelbild" bietet Hilfestellung

Lehrerinnen und Lehrer wissen oft nicht, wie sie reagieren sollen. Julia Bernstein sagt: auf jeden Fall einschreiten, klar machen, dass es eine Kränkung für Juden ist, und in einer passenden Sprachen und in einem passenden Setting erklären, warum Deutschland eine besondere Verantwortung hat. Es dürfe nicht mehr möglich sein, Jude als Schimpfwort zu benutzen.

Die Stadt Wiesbaden, deren Sozialdezernent Manjura zur der Fachtagung eingeladen hatte, hat mit der Jugendinitiative Spiegelbild eine Anlaufstelle bei Antisemitismus geschaffen, für Lehrende, aber auch für Menschen aus der Politik, dem Journalismus oder bei der Polizei, für alle, die angefeindet werden oder mit Anfeindungen umgehen müssen. Gerade hat die Stadt beschlossen, dafür zwei neue Stellen zu schaffen.

Meldepflicht soll helfen

Julia Bernstein sorgt sich um die Wirkung auf die jüdische Identität. Antisemitismus sei wie Nieselregen: viele kleine Tröpfchen, und am Ende seien doch die Haare nass. In Berlin und in Baden-Württemberg gibt es eine Meldepflicht bei judenfeindlichen Vorfällen. Seit dem vergangenen Jahr sieht auch in Hessen ein Erlass die Meldepflicht an Schulen, die Meldung beim Schulamt und beim Kultusministerium vor.

Im Rest von Deutschland fehlt das, bemängelt Professor Samuel Salzborn, Antisemitismusforscher in Berlin. Er weist darauf hin, wie weit die Anfeindungen schon gehen: bis hin zu Gewaltandrohungen und körperlicher Gewalt gegen jüdische Schülerinnen und Schüler. Zum Teil würden Juden die Schule verlassen, wenn sie es nicht mehr aushielten. Salzborn sagt: "Schulen müssen ganz dringend begreifen, dass in bestimmten Fällen Polizei und Staatsanwaltschaft hinzugezogen werden müssen.“

Linker Israel-Hass und rechter Judenhass

Salzborn kritisiert unter anderem die negative Darstellung von Israel in Schulbüchern. Das zu ändern, sei Aufgabe von Kultusministerien. Das koste kein Geld. Der Sozialwissenschaftler macht deutlich, dass Judenhass über Vorurteile hinausgeht. Dazu gehöre ein ganzes rechtsextremes Weltbild, eine Verschwörungstheorie, die emotional verbreitet werde und deshalb schwer rational zu bekämpfen sei. Auch der Attentäter von Halle war dieser Verschwörungstheorie von "weltbeherrschenden Juden“ aufgesessen.

Die Judenfeindlichkeit ist nach Einschätzung von Julia Bernstein in den letzten 10 Jahren schlimmer geworden. Sie habe viele Ursachen. Auf der einen Seite sei sie nie ganz weg gewesen. Familien in Deutschland hätten zum Teil Judenfeindlichkeit nicht aufgearbeitet, weil man viel mehr mit der eigenen Identität beschäftigt war. "Man beschloss, dass Antisemitismus nach dem Krieg von alleine verschwunden war“, meint Bernstein. Dadurch seien antijüdische Bilder geblieben und weitergegeben worden.

Das Tragische sei heute, dass ein linker Israel-Hass mit einem rechten Judenhass zusammenkomme: "Und dazu kommt noch Antisemitismus von antisemitisch eingestellten Muslimen und Migranten aus Osteuropa.“