Viele Menschen in Hessen nehmen derzeit Flüchtlinge aus der Ukraine bei sich auf. Wie das den Familienalltag verändern kann, zeigt ein Beispiel aus Marburg: zwischen vorsichtigem Kennenlernen, sprachlosen Tränen und unbeschwertem Kinderlachen.

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Gastfamilie nimmt Geflüchtete auf: "Kira ist hier weil in der Ukraine Krieg ist"

Geflüchtete bei einer Marburger Gastfamilie
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Seit Samstagnacht ist in der Marburger Doppelhaushälfte von Familie Feer alles anders. Und doch ist alles auch irgendwie so wie sonst: Im schmalen Treppenhaus ist Kichern zu hören, kleine Füße trippeln die Stufen hoch bis unters Dach und sofort wieder runter. Allerdings plappern die hellen Kinderstimmen neuerdings in unterschiedlichen Sprachen. Und: Die Kinder kennen sich erst seit wenigen Tagen.

"Kira ist hier bei uns, weil in der Ukraine Krieg ist", erklärt der fünfjährige Paul. Was das gleichaltrige Mädchen mit dem langen geflochtenen Zopf gerne spielt? "Weiß nicht", sagt Paul achselzuckend. "Ich versteh' ja nicht, was sie sagt." Offenbar ist das aber gar nicht so wichtig, denn schon verziehen Paul, sein dreijähriger Bruder und die neue Mitbewohnerin sich wieder ins Kinderzimmer. Die Tür geht zu, nur noch lautes Gepolter ist zu hören. Dann lachen alle drei wie wild.

"Wir haben uns gedacht: Was wir haben, ist Platz."

Lachen und Weinen liegen im Hause Feer in diesen Tagen sehr nah beieinander, erzählt Pauls Mutter Nelli. "Keine Ahnung, wie die Kinder das miteinander hinkriegen", sagt die 33-Jährige lächelnd, während sie im Wohnzimmer ihr jüngstes Kind wickelt. Auf dem Boden um sie herum liegt Spielzeug, mitten im Raum hängt eine große Schaukel. "Tanja ist noch oben im Gästezimmer", erklärt Nelli. Da sei sie momentan die meiste Zeit.

Seit knapp einer Woche sind die Feers Gastfamilie für Tanja - eine geflüchtete Frau aus der Ukraine - und ihre Tochter Kira. Die Marburger Familie meldete sich spontan auf den Aufruf der privaten Hilfsorganisation "Wir Hessen helfen". "Wir wollten einfach was tun", erklärt Familienvater Erich. "Und wir haben gedacht: Viel Geld können wir nicht geben, aber das, was wir haben, ist Platz."

Plötzlich ging alles ganz schnell

Als am Samstag dann die Nachricht der Hilfsorganisation über die bevorstehende Ankunft von mehreren Bussen mit rund 50 Geflüchteten in Stadtallendorf bei Marburg kommt, geht plötzlich alles ganz schnell. Innerhalb weniger Stunden bereitet die Familie das Gästezimmer vor. Vater Erich fährt mit dem Familien-Van zum Treffpunkt und lädt die neuen Hausgäste mitsamt ihrem spärlichen Gepäck ins Auto.

Geflüchtete bei einer Marburger Gastfamilie

"Das war von Anfang an alles echt heftig", erzählt der 32-Jährige. Das Mädchen habe die ganze Fahrt lang und am ersten Abend nur geweint. Die Mutter habe erst mal so gut wie gar nichts gesagt und sei direkt nach oben schlafen gegangen.

"Ich glaube, sie hatten gar nicht richtig verstanden, wo sie hier überhaupt sind und was jetzt weiter passiert", meint Erich Feer. Auch am nächsten Morgen seien sie erst mal nicht zum Frühstück runtergekommen. "Tanja hat dann zuerst gefragt, ob sie am Montag arbeiten muss."

Kommunikation schwerer als gedacht

Die Feers haben russlanddeutschen Hintergrund. Eigentlich hatten sie gehofft, mit ihren Russischkenntnissen ganz gut zurechtzukommen, erzählt Mutter Nelli. Aber die Kommunikation sei deutlich schwieriger als erwartet. Denn: Die Gäste sprechen ausschließlich Ukrainisch. "Wir verstehen leider nur Brocken voneinander", sagt Nelli.

Die Feers haben außerdem bereits festgestellt: Ganz so unbefangen, wie die Kinder inzwischen miteinander warm geworden sind, läuft es für die Erwachsenen nicht. "Tanja ist immer noch sehr zurückgezogen", meint Nelli.

Als die zierliche Frau schließlich doch aus ihrem Zimmer kommt, blickt sie sich scheu im Wohnzimmer um und bleibt erst mal in der Tür stehen. Die 42-Jährige sieht müde aus. "Kofe?", fragt Nelli. "Da", sagt Tanja. Nelli geht in die Küche und holt eine Kaffeetasse.

Mann und Sohn sind immer noch vor Ort

Die Ukrainerin will an diesem Tag nicht viel erzählen. "Sie hat Angst, dass sie dann sofort weinen muss", übersetzt Nelli, was Tanja ihr mit leiser Stimme sagt. Und tatsächlich laufen die Tränen schon, als sich die Frau kurz vorstellt und nur das Wort Ukraine sagt. "Das ist meistens so, wenn sie von der Flucht erzählen will", sagt Nelli. Sie könne dann nicht viel tun, außer einfach da zu sein und sie vielleicht kurz in den Arm zu nehmen.

Die Feers wissen bisher selbst kaum etwas über ihre Gäste, bis auf ein paar Eckdaten: Dass die beiden aus einem Dorf bei Kiew kommen, zum Beispiel. Und dass Tanjas Mann und ihr älterer Sohn immer noch vor Ort sind.

Die Gastfamilie versucht, ihren Gästen so gut wie möglich zu erklären, wie es nun weitergeht - obwohl sie das selbst gar so nicht richtig wissen. Nur so viel ist klar: Behördengänge stehen jetzt an, dann ein Besuch in der Kleiderkammer. Nelli und Erich Feer haben zugesagt, dabei zu helfen. Beide sind Pädagogen und haben in der Jugendhilfe gearbeitet, sie kennen das Prozedere.

Lösungen fürs Zusammenleben finden

Die Feers sind unkomplizierte und pragmatische Menschen. Beide sind mit vielen Geschwistern aufgewachsen, Lautstärke und improvisierte Lebensumstände stressen sie wenig, sagen sie. Trotzdem stellt Erich fest: "Ehrlich gesagt ist alles ganz schön schwierig und deutlich weniger rosig oder romantisch, als manche sich das vielleicht vorstellen."

Das gehe vom Umgang mit den Sprachbarrieren und traumatischen Erfahrungen bis hin zu ganz praktischen Fragen des Zusammenlebens: Kann man die Gäste zu Hause auch mal kurz alleine lassen? Wie viel Gesellschaft wollen sie überhaupt haben?

"Und es gibt auch Dinge, die für uns selbst schwierig sind - etwa wenn Tanja vor der Tür raucht und der Rauch dann ins Wohnzimmer zieht", sagt Nelli. Angesichts dessen, dass in Tanjas Heimatland gerade Krieg ist, seien das natürlich Lappalien. "Aber wenn man so zusammenlebt, muss man für so was ja auch irgendwie Lösungen finden." Demnächst wollen sie über die Hilfsorganisation einen Übersetzer dazu holen und hoffen, dann einige Themen besser klären zu können.

Unklare Perspektive

In all dem gebe es auch schöne Momente, sagt Erich: Wenn Paul und Kira miteinander spielen und anfangen, Wörter voneinander nachzuplappern. Oder wenn wie vor ein paar Tagen alle im Wohnzimmer sitzen und sich aus dem Spielen der Kinder eine Art gemeinsamer Spieleabend entwickelt und irgendwann alle zusammen Uno spielen.

Geflüchtete bei einer Marburger Gastfamilie

Doch wie lange soll die ungewöhnliche Wohngemeinschaft noch bestehen? Geht es um Tage? Wochen? Vielleicht sogar Monate? "Das fragen wir uns gerade ehrlich gesagt auch jeden Tag neu", meint Erich Feer.

Den Aufenthalt in einer Notunterkunft wollen sie Kira und Tanja weiterhin ersparen. Aber eines ist ihnen auch klar: Die Entscheidung darüber, wie lange sie noch Gastfamilie sind, die wird ihnen so bald wohl niemand abnehmen. Und welche Perspektive hätten ihre Gäste momentan auch sonst?

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