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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Familienforscherin Andresen über Corona-Lage von jungen Leuten

Jugendliche mit Mund-Nase-Schutz

Keine Partys, weniger soziale Kontakte: Besonders schwer trifft die Pandemie junge Leute. Obwohl sich viele an die Regeln hielten, sehen sie ihre Bemühungen nicht gewürdigt, sagt die Frankfurter Familienforscherin Sabine Andresen im Interview.

Sabine Andresen leitet den Arbeitsbereich Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Uni in Frankfurt. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte ist Kindheits- und Jugendforschung.

Im Frühjahr hat Andresen mit einem Forscherteam der Universität Hildesheim eine bundesweite Studie begonnen, in der 8.000 junge Menschen zu ihren Erfahrungen mit Corona befragt wurden. Derzeit läuft eine zweite Studie, die den Einfluss der Anti-Corona-Maßnahmen auf junge Menschen untersucht.

hessenschau.de: Frau Andresen, allgemein wird erwartet, dass die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten kommende Woche noch stärkere Kontaktbeschränkungen auch im privaten Bereich verkünden. Was heißt das für junge Menschen?

Sabine Andresen: Jugendliche haben einerseits den Eindruck, dass sie nicht beteiligt werden bei so entscheidenden Maßnahmen. Andererseits haben sie ein großes Verständnis für den Ernst der Situation. Aber machen wir uns nichts vor: Die Maßnahmen treffen den Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ganz erheblich. Und das belastet sie.

hessenschau.de: Wie verändern die Kontaktbeschränkungen den Lebensalltag von Jugendlichen?

Sabine Andresen: Für die meisten Jugendlichen ist es wichtig, mit Freundinnen und Freunden zusammen zu sein, etwas zu unternehmen, gemeinsam abzuhängen, sich auszutauschen, sich in belastenden Zeiten auch Unterstützung zu geben. Das wird natürlich erheblich eingeschränkt und wird den Alltag auch verändern. An Kontakte über Soziale Medien sind Jugendliche viel mehr gewöhnt als Erwachsene - aber sie ersetzen keine persönlichen Treffen.

Sabine Andresen leitet den Arbeitsbereich Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Uni in Frankfurt

hessenschau.de: Als nach dem Sommer die Zahl der Neuinfektionen wieder in die Höhe ging, gaben viele jungen Leuten und Partys die Schuld. Welche Spuren hat dieser Generalverdacht bei ihnen hinterlassen?

Sabine Andresen: Frustration und Ärger und das Gefühl, dass überhaupt nicht anerkannt wird, was Jugendliche und junge Erwachsene eigentlich leisten. Einseitige Schuldzuschreibungen sind falsch und werden auch nicht dazu führen, dass Jugendliche tatsächlich mitgehen und einsehen, was es an verschärften Maßnahmen geben muss.

Manches ist für Jugendliche auch sehr widersprüchlich. Sie werden beschränkt auf wenige soziale Kontakte, sind aber nach wie vor in vielen Regionen mit sehr vielen anderen auf dem Weg zur Schule in Bussen, U-Bahn oder Straßenbahn sehr dicht gedrängt. Dieses Problem nehmen Jugendliche wahr, und es frustriert sie.

hessenschau.de: Laut hr-hessentrend haben vor allem junge Erwachsene Sorge vor Vereinsamung. Rund 39 Prozent der 18-39-Jährigen gaben an, dass sie selbst oder Familienmitglieder sich zunehmend einsam zu fühlen. Warum ist die Sorge vor Einsamkeit bei Jüngeren größer als bei Älteren?

Sabine Andresen: Das wird unterschiedliche Gründe haben. In dieser Altersphase geht es häufig darum, eine Partnerin oder einen Partner zu finden. Das ist derzeit viel schwieriger. Treffen in Freundesgruppen oder einfach beim Sport sind nicht möglich, Studierende begegnen sich nicht mehr auf dem Campus oder in der Mensa. So bleiben junge Erwachsene oft allein.

hessenschau.de: Woran liegt es, dass vielen jungen Leuten die Maßnahmen zu weit gehen?

Sabine Andresen: In unserer ersten Befragung wurde deutlich, dass Jugendliche und junge Erwachsene die Erfahrung machen, dass sie nirgendwo beteiligt werden, wenn es um die Umsetzung von Maßnahmen etwa in Schulen geht. Und sie haben den Eindruck, dass ihre Interessen als Jugendliche keine Rolles spielen. Sie sollen primär funktionieren.

Das Interview führten Katrin Schmick und Anna Dangel.

Sendung: hr-iNFO, 17.11.2020, 08.55 Uhr