Mutter mit Kindern klingelt an der Kita-Tür

Viele Kinder können in den kommenden Tagen wieder in ihre Kita. Das werde sich für manche von ihnen wie ein kompletter Neuanfang anfühlen, sagt Familienforscherin Sabine Andresen im Interview. Und sie gibt Hinweise, wie dieser Neustart klappen kann.

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Hessische Forscher arbeiten an Corona-Medikament
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Vom "erweiterten Notbetrieb" fahren die hessischen Kitas ab kommenden Dienstag hoch auf "eingeschränkten Regelbetrieb". Für viele Kinder bedeutet das, dass sie nach Wochen der Pause wieder zurück in ihre Kita gehen können, ihre Freunde und Erzieher wiedersehen. Wie haben Kinder und Eltern die wochenlangen Kita-Schließungen erlebt? Und wie kann ein Neustart gelingen?

Forscher der Universität Hildesheim und der Frankfurter Goethe-Universität haben über 25.000 Menschen online für die Studie "Kinder, Eltern und ihre Erfahrungen während der Corona-Pandemie" befragt, davon 90 Prozent Frauen mit Kindern unter 15 Jahren in unterschiedlichem Alter. 30 Prozent der Befragten kamen aus Hessen. Die Eltern waren dabei aufgefordert, Antworten für ihre Kinder einzutragen oder sich in ihr Kind hineinzuversetzen. hessenschau.de hat mit der Frankfurter Familienforscherin Sabine Andresen über die Erkenntnisse aus der Studie gesprochen.

hessenschau.de: Frau Andresen, Sie haben gerade die Ergebnisse einer Befragung von 25.000 Familien und ihren Erfahrungen in der Corona-Zeit veröffentlicht. Lässt sich daraus ablesen, welche Folgen die wochenlangen Kita-Schließungen für die Kinder haben?

Sabine Andresen: Wir bekommen wichtige Hinweise, wie es den Kindern geht. In der Studie "KiCo" haben uns vor allem erwerbstätige Mütter Auskunft gegeben. Den meisten Kindern fehlen ihre Freundinnen und Freunde. Und das ist nicht erstaunlich. Die meisten Kinder wollen mit Gleichaltrigen zusammen sein. Sie sind auf diese Kontakte angewiesen, gute Beziehungen zu anderen Kindern sind wichtig für das Wohlbefinden. Es macht viel mehr Spaß, etwas gemeinsam zu entdecken.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Eltern sich für ihre Kinder möglichst bald wieder diese Kontakte in der Kita wünschen. Auch die Lern- und Spielanregungen der Erzieherinnen werden vermisst.

hessenschau.de: Wie weit können die Eltern das kompensieren?

Andresen: Mütter und Väter allein können nicht alles kompensieren, auch wenn sie es noch so gut machen. Es ist für die Entwicklung wichtig, dass Kinder auch in symmetrischen Beziehungen sind. Und in symmetrischen Beziehungen sind sie eben mit Gleichaltrigen. Manche Einzelkinder haben in den vergangenen Wochen kaum andere Kinder gesehen. Insgesamt ist es also ganz wichtig, dass wir dieses Bedürfnis nicht aus dem Auge verlieren. Wir müssen nämlich davon ausgehen, dass viele Kinder trauern, weil sie ihre Freunde nicht treffen können. Ich glaube, wer versucht, sich in Kinder und ihre Gefühle hineinzuversetzen, kann das schnell nachempfinden.

Wir müssen uns bewusst machen: Mütter und Väter müssen im Moment nicht nur ganz viel übernehmen, sie müssen den Kindern auch verständlich machen, warum der Alltag plötzlich so anders aussieht. Warum vieles verboten ist und warum sich alle an neue Regeln halten sollen. Inzwischen sind die Spielplätze ja wieder geöffnet, aber ich kann mit jeder Mutter mitfühlen, die ihrem Kind erklären musste, warum der Spielplatz abgesperrt ist, aber viele Erwachsene fast dicht gedrängt durch den Park joggen. Und die Freunde plötzlich nicht mehr sehen dürfen, mit dem Opa keinen Ausflug machen und dem Nachbarkind nur aus dem Fenster zuwinken, wirkt ja fast wie eine Bestrafung. Auch da waren und sind Eltern enorm gefordert, ihren Kindern dies zu vermitteln.

hessenschau.de: Können sich zweieinhalb Monate Schließung denn nachhaltig auf die Kinder auswirken?

Andresen: Na ja, Zeit und Zeitempfinden sind doch sehr individuell. Und schauen wir darauf, wie ungeduldig in anderen Bereichen Lockerungen gefordert wurden. Von jungen Kindern wird gerade sehr viel Geduld verlangt. Diese Wochen können für Kinder sehr zäh sein und wir wissen im Moment noch viel zu wenig darüber, welche Folgen diese Erfahrungen haben werden. Und wenn wir einen Moment innehalten: Seit Jahren haben wir die Diskussion darüber, dass gerade die frühe Kindheit eine ganz wichtige Phase für Lern- und Entwicklungsprozesse sei und man hier möglichst nichts versäumen dürfe. Und plötzlich ist diese Vorstellung gar nicht mehr relevant. Vermutlich waren für viele Kinder diese Wochen insgesamt gut zu überbrücken, weil sich Eltern sehr engagiert haben. Aber in ärmeren Familien stellen sich ganz andere Herausforderungen und Belastungen. Da kann jeder einzelne Tag ohne Unterstützung und Abwechslung in engen Wohnungen sehr zäh werden.

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Familienforscherin Sabine Andresen

Sabine Andresen ist Professorin an der Goethe-Universität Frankfurt und leitet dort den Arbeitsbereich Sozialpädagogik und Familienforschung. Außerdem ist sie unter anderem Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbundes und Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

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Was in unserer Studie auch herauskam: Mütter und Väter plagt die Ungewissheit. Wie geht es weiter, wann kann ich mein Kind wieder in die Kita geben? Welche Auswirkungen haben die wirtschaftlichen Folgen auf das Familieneinkommen? Machen wir uns nichts vor: Sorgen der Eltern nehmen auch Vier- oder Fünfjährige wahr. Hinzu kommt die Sorge vor einem möglichen nächsten Ausbruch, durch den vielleicht wieder alle pädagogischen Einrichtungen nur einen Notbetrieb anbieten.

hessenschau.de: Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund den "eingeschränkten Regelbetrieb" des Landes Hessen ab dem 2. Juni? Mit der neuen Verordnung bleibt es überwiegend dem Träger überlassen, welche Kinder zusätzlich betreut werden.

Andresen: Das Land muss sicherlich genau schauen, wie sich die Situation ab dem 2. Juni entwickelt. Dieser Weg in den "eingeschränkten Regelbetrieb" muss gut gesteuert werden. Es kann gut sein, das in die Hände der Träger zu legen, aber dazu braucht es klare, nachvollziehbare Regelungen und ein Bewusstsein für die Belastungen in Familien. Ich hoffe, dass die Träger ihre Erfahrungen seit dem Ausbruch der Pandemie ausgewertet haben, man sich gut abstimmt in der Trägerlandschaft. Wie das läuft und von Eltern erlebt wird, das bleibt abzuwarten.

hessenschau.de: Bislang fürchten viele Eltern eher ein Hauen und Stechen um die Plätze.

Andresen: Die Ängste kommen ja nicht aus dem Nirgendwo, sondern fußen auch in der Erfahrung, dass es nicht einfach ist, einen Betreuungsplatz zu bekommen. Dabei gehen Eltern ja auch häufig Kompromisse ein. Insofern sind hier das Land und die Kommunen nicht aus der Verantwortung entlassen. Sie müssen sich nun das Vertrauen von Eltern auch verdienen. Ich glaube, es ist jetzt ganz wichtig, dass Eltern gut informiert werden, dass Kriterien klar sind und transparent angewendet werden. Eltern und Kinder brauchen verlässliche Informationen, denn sie müssen verlässlich planen können.

In unserer Studie zeigt sich eine deutliche Tendenz, denn die Mehrheit der Eltern gibt an, dass sie sich durch die pädagogischen Einrichtungen oft schlecht informiert fühlen. Das ist ein unerträglicher Zustand für Familien. Aber es gibt auch so viele tolle Beispiele, wie Träger und einzelne Einrichtungen dafür gesorgt haben, Kontakt zu den Kita-Kindern zu halten.

hessenschau: Welche Rolle kann die Politik da überhaupt einnehmen?

Andresen: Insgesamt sagen in unserer Befragung 60 Prozent, dass sie nicht den Eindruck haben, die Politik würde ihre Sorgen hören und einbeziehen. Das ist ein klares Signal an die Politik, gerade an dieser sensiblen Stelle des Übergangs in einen eingeschränkten Regelbetrieb, alle Eltern mitzunehmen und denjenigen, deren Kinder jetzt nicht berücksichtigt werden, eine Perspektive zu bieten.

Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz wird derzeit aufgrund der Pandemie sehr eingeschränkt umgesetzt. Bislang sind Eltern und Kinder damit notgedrungen klargekommen. Aber vom Rechtsanspruch her denken, bleibt zentral. Hier sehe ich die Politik auch in der Pflicht, den öffentlichen Diskurs zu gestalten, denn wie oft werden Eltern in den sozialen Medien derzeit angegriffen, wenn sie über ihre Nöte berichten? Und es gibt auch Berichte von Müttern und Vätern, denen von der Kita nahegelegt wird, ihre Notbetreuung doch nicht wahrzunehmen. Dieser öffentliche Druck gegenüber Familien darf auch politisch nicht hingenommen werden.

hessenschau.de: Nun muss die Politik ständig zwischen Anforderungen des Infektionsschutzes und verschiedenen Rechtsansprüchen abwägen.

Andresen: Natürlich befinden wir uns in einer Pandemie mit vielen Unbekannten und sorgsames Abwägen, Beobachten, Korrigieren sind unverzichtbar. Dabei stellt sich auch die Frage, welche Einschränkungen für junge Kinder noch angemessen sind.

hessenschau.de: Wie können die Kinder nach der Pause nun am besten psychisch aufgefangen werden?

Andresen: Ich finde wichtig, dass sich alle Pädagoginnen und Pädagogen im Klaren darüber sind, dass sie erst einmal andere Kinder zurückbekommen. Alle Kinder wurden aus ihrem vertrauten Alltag gerissen, manche hatten sich vielleicht gerade an die Kita gewöhnt, aber nach der Rückkehr wird die Eingewöhnung neu beginnen müssen. Es gehört zu den pädagogischen Aufgaben, den Kindern und ihren Eindrücken Raum zu geben und einen guten Zugang zu besonders belasteten oder verängstigten Kindern zu finden. Bislang wissen wir noch wenig, was in ihnen vorgeht.

Außerdem müssen die Sorgen und Ängste der Erzieherinnen und Erzieher ihren Raum bekommen. Das ist kein Luxus, den Kindern, die allmählich zurückkehren, ein gutes Umfeld zu bieten, sie herzlich willkommen zu heißen, ihnen all das wieder in der Kita zu ermöglichen, was sie vermisst haben. Ich bin sicher, viele Erzieherinnen sind dazu bereit und kreativ genug, die Infektionsschutzmaßnahmen in eine gute Pädagogik zu integrieren. Aber dazu benötigen sie die volle Unterstützung der Träger. Womit wir wieder an einem Ausgangspunkt wären. Die Träger müssen gute Rahmenbedingungen für die Akteure vor Ort schaffen, für die Erzieherinnen, die Eltern und die Kinder.

hessenschau.de: Wie kann die Rückkehr konkret funktionieren? Einige Erzieherinnen gehören selbst zur Risikogruppe und können vorerst nicht arbeiten, was die ohnehin vorhandenen Personalprobleme weiter verschärft.

Andresen: Auch das wird jetzt eine Frage sein: Wie werden die Gruppen zusammengestellt? Ich gehe davon aus, dass in vielen Kitas die Kinder nicht in ihre alten Gruppen zurückkehren, sich aber eigentlich auf ihre Freundinnen und Freunde freuen. Ich glaube, wir müssen hier auch die Erfahrungen aus der Notbetreuung einbeziehen, vielleicht kann man daraus lernen. Warum also nicht die Eltern fragen und deren Erfahrung einholen: Wie war das für Ihre Kinder? Und dann zu überlegen: Was müssen wir beachten? An diese Expertise würde ich anknüpfen. Das wäre ein kluger Weg der Verantwortlichen und würde mit Sicherheit auch Vertrauen aufbauen.

Ich finde es auch wichtig, und das wird bislang zu wenig getan, dass die verschiedenen Expertisen gerade der Erzieherinnen eingeholt werden. Sie verfügen über viel Wissen, aber werden sie gefragt, wird dieses Wissen einbezogen? Dabei sind auch die Sorgen und Ängste der Fachkräfte ernst zu nehmen. Erzieherinnen vor Ort benötigen klare Regelungen, aber sie brauchen auch wieder Gestaltungsmöglichkeiten. Wenn dieses Wissen einbezogen wird, finde ich das positiv. Bei aller nötigen Sorgfalt, die Regeln des Robert Koch-Instituts vor Ort zu beachten: Kinder sind keine Objekte.

Die Fragen stellte Sonja Fouraté.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 28.05.2020, 19:30 Uhr