Kinder an Einzeltischen, die mit braunen Schnüren spielen

Seit einer Woche dürfen in Hessen auch die Grundschüler der Klassen 1 bis 3 wieder in den Unterricht. Nicht nur Hygieneregeln und Homeschooling fordern Lehrer und Schüler heraus. Ein Beispiel aus Marburg.

Nele und Ole sitzen an Einzeltischen in der 1B der Marburger Sophie-von-Brabant-Schule und spielen mit Paketschnüren herum. Die Erstklässler haben endlich wieder Präsenzunterricht - das erste Mal seit Wochen. Die wichtigste Lektion des Tages lautet: Wie viel ist eineinhalb Meter?

"Ganz schön viel“, findet Ole, der die lange braune Schnur erst mal um den Finger wickelt. Einen Tisch weiter versucht Nele, sie mit ihren Händen komplett zu spannen. Aber die Siebenjährige stellt schnell fest: Dafür reichen ihre Arme nicht.

Um ein Gefühl für Abstand zu bekommen, hätten alle eine eineinhalb Meter lange Schnur bekommen, erklärt Klassenlehrerin Lena Latzko. "Wir haben einen Spaziergang gemacht, die Kinder sind nebeneinander hergelaufen und hatten dabei die Schnüre zwischen sich." Die Übung habe zwar ganz gut geklappt, trotzdem seien sich sich die Schüler zwischendurch immer wieder nähergekommen, vor allem in der Pausen.

Fangen spielen verboten

Wann Pause ist, bestimmt nun nicht mehr der Gong, sondern die Frage, wie voll der Schulhof gerade ist. Auch dort ist alles mit Sprühfarbe markiert und in Zonen unterteilt. Raus ins Freie geht es der Reihe nach: Jedes Kind hat eine Nummer bekommen, je nachdem wie nah es an der Tür sitzt.

Nacheinander werden die Kinder aufgerufen und nach draußen geschickt. Der Erstklässler Ole findet, dass das Abstandhalten nervt. Vor allem stört ihn: "Dass wir jetzt draußen nicht mehr Fangen spielen dürfen, sondern nur noch Verstecken.“

Viele neue Regeln gibt es. Das muss alles erst mal erklärt und eingeübt werden, stellt die Lehrerin Lena Latzko fest. Besonders bei den ganz Kleinen sei das eine echte Herausforderung. Sie sei aber hoffnungsvoll, dass es mit etwas Zeit besser klappen wird.

Das meiste passiert weiterhin zu Hause

Die Erst- bis Drittklässler waren Anfang der Woche in Hessen die letzten Schüler, die wieder Präsenzunterricht erhielten. Zunächst waren Abschlussschüler zurückgekehrt, etwas später die übrigen Klassen der weiterführenden Schulen sowie die Viertklässler an den Grundschule.

Wie viel tatsächlich in den Schulen unterrichtet wird, hängt stark von den räumlichen Gegebenheiten und der Personalsituation ab, die vielerorts deutlich dezimiert ist, weil Lehrer teilweise zur Risikogruppe gehören und nicht eingesetzt werden können.

So ist es auch an der Sophie-von-Brabant-Schule, erklärt Schulleiter Thomas Hesse. Er spricht weiterhin von einer "dezenten Öffnung." Die Schule vereint Grundschule, Hauptschule und Realschule unter einem Dach. Damit alle Regeln eingehalten werden, konnten in der letzten Woche auch hier nicht alle 600 Schüler auf einmal kommen. Die Grundschüler kämen jetzt nur tageweise, die älteren im Rhythmus von zwei Wochen. "Das meiste läuft also weiterhin zu Hause“, so Hesse.

Wie viel Stoff ist beim Homeschooling zumutbar?

Gerade bei Grundschülern ist Homeschooling gar nicht so einfach, meint Konrektorin Bettina Hühn-Lemmrich: "Zu mir kommen Kollegen und fragen, wie viel Stoff man den Kindern überhaupt zumuten kann und wie man sie dabei aus der Ferne anleiten kann." Für die Erstklässer wäre zum Beispiel eigentlich in den letzten Wochen der Übergang zu den Zehnerzahlen drangewesen. Nicht alle Kinder haben zu Hause das gelernt.

Dass der Leistungsstand der Kinder so unterschiedlich sei, hänge sowohl von der persönlichen Motivation als auch von der Familiensituation ab, erklärt Schulleiter Hesse. Schon bei der technischen Ausstattung gebe es große Unterschiede. Hesse sieht besondere Herausforderungen bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien. Aber auch bei Kindern, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten, sei es in den letzten Wochen zum Teil nicht einfach gewesen.

In der ersten und zweiten Klasse sei glücklicherweise noch viel Raum, um Dinge nachzuholen, meint Konrektorin Hühn-Lemmrich. Probleme mit möglicherweise verpasstem Schulstoff sieht sie vor allem in den dritten Klassen: "Bei den Viertklässlern steht ja schon fest, wie es im Sommer weitergeht, aber für die Drittklässler kommt diese Phase jetzt erst."

"So stellt man sich eher Schule in Nordkorea vor“

Nun also endlich wieder mehr Präsenzunterricht für die Kleinen - doch auch der läuft ganz anders als sonst, erklärt Schulleiter Hesse. Gruppenarbeiten zum Beispiel seien so gut wie unmöglich, stattdessen gebe es jetzt größtenteils Frontalunterricht. Allgemein laufe der Schulalltag "sehr diszipliniert und geordnet" ab.

Der Schulleiter erklärt: "Morgens sammeln sich alle Schüler in markierten Feldern auf dem Schulhof und laufen im Entenmarsch ins Klassenzimmer." Die Schule sei größtenteils in Laufwege und Einbahnstraßen eingeteilt, selbst jeder Toilettengang werde protokolliert, um einen Überblick zu haben, wer gerade im Gebäude unterwegs sei. "So stellt man sich eher Schule in Nordkorea vor", sagt Hesse. Am Anfang sei ihm das alles auch sehr absurd vorgekommen. Trotzdem sei bei den Schülern vor allem die Freude groß, wieder hier zu sein.

"Die Schüler müssen das erst mal alles verarbeiten“

Ähnlich sieht das auch Birgit Koch, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Gründe, warum Kinder nun auf einem unterschiedlichen Lernstand sind, sind ihrer Meinung nach sehr unterschiedlich. Bei manchen seien die Wohnungen zu klein oder es gebe keine eigenen Schreibtische, manche bekämen zu Hause kaum Unterstützung beim Lernen. Bei den Grundschülern zeige sich nun auch besonders, wie wichtig soziale Zusammenhänge beim Lernen seien.

Schulen müssten nun außerdem damit umgehen, dass Aggression, Gewalt und Unglücklichsein im häuslichen Umfeld in den letzten Monaten zugenommen habe. Deshalb geht ihrer Meinung nach nun gar nicht so sehr um den Unterrichtsstoff, sondern darum die letzten Wochen zu verarbeiten. "Ich denke, dass junge Menschen darauf ein Recht haben und dass man ihnen dafür auch Zeit geben sollte.“

GEW fordert mehr Ressourcen vom Land und von Schulträgern

Die GEW beschäftigt derzeit aber auch die Frage, wie es nach den Sommerferien weitergeht - auch was den Lehrplan angeht. "Wir fragen uns: Was kann und muss man an Stoff aufholen? Und was lässt man vielleicht auch sein?“, so die Gewerkschaftsvorsitzende Koch. Dringenden Nachholbedarf gebe es ihrer Meinung nach bei der technischen Ausstattung. Hier müssen ihrer Meinung nach auch das Land und die Schulträger noch deutlich mehr Ressourcen bereitstellen.

"Wenn man digital arbeiten will, muss es auch Leihgeräte geben - so wie man auch ein Schulbuch ausleihen kann". Eine große Herausforderung für die Zukunft sei auch, dass Lehrkräfte nun beides leisten müssten: Präsenzunterricht in viel kleineren Gruppen und die Betreuung von Schülern im Fernunterricht.

Sendung: hr4, Die Hessenschau für Mittelhessen, 08.06.2020, 15.30 Uhr