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Audioseite Booster-Impfungen in Hessen: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Viele Menschen stehen Schlange auf einem Gehweg für eine Impfung.

Die Impfkommission empfiehlt, Menschen über 70 Jahren prioritär zu boostern. In Hessen gehen zehntausende Auffrisch-Impfungen an unter 60-Jährige. Kommunen beraten, wie Älteren der Weg zum Boostern geebnet werden kann.

Impfstellen in Hessen sind wieder zu Publikumsmagneten geworden. Ob im Impfzentrum in Calden (Kassel), bei den Impfaktionen an der Bergstraße oder der Frankfurter Hauptwache, überall bietet sich das gleiche Bild: lange Schlangen von Impfwilligen.

Viele Ältere, einige auf Rollatoren gestützt, warten in der Kälte auf ihre Booster-Spritze. Aber auch auffällig viele jüngere Menschen haben sich eingereiht, wollen ihren Impfschutz ebenfalls auffrischen.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) bestätigt diesen Eindruck. Eine hr-Auswertung der RKI-Zahlen ergibt: Zuletzt kam fast jede zweite Booster-Impfung einem Menschen unter 60 Jahren zugute. Am vergangenen Dienstag galt das für 44 Prozent der rund 30.000 Auffrischimpfungen. Am Mittwoch wurden in Hessen sogar über 40.000 Booster-Spritzen gesetzt, rund 43 Prozent davon gingen an unter 60-Jährige.

 Je älter, desto Booster

Die unter 60-Jährigen dürfen sich die Auffrischung holen, vorausgesetzt die Grundimpfung liegt sechs, in Ausnahmefällen mindestens fünf Monate zurück. Der Booster ist ab 18 Jahren freigegeben, auch die Ständige Impfkommission (Stiko) hat sich dem in ihrer aktuellen Empfehlung grundsätzlich angeschlossen.

Doch besonders dringend brauchen die Älteren den Zusatz-Impfschutz, wie die Stiko es vor wenigen Tagen noch einmal deutlich formuliert hat: Trotz der formalen Freigabe ab 18 Jahren mahnt das Gremium, Menschen über 70 Jahren prioritär zu impfen. "Auch bisher nicht Geimpfte sollen vordringlich geimpft werden", heißt es in der Stiko-Mitteilung. Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) hat das zu einer Frage der gesellschaftlichen Solidarität erklärt. Sollten Impftermine knapp sein, gelte die Losung: Je älter, desto Booster.

Junge und Schnelle zuerst im Autoscooter

Doch Arztpraxen und Impfstellen tun sich schwer damit, diese Appelle umzusetzen. Ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen sagt, mit der formalen Freigabe ab 18 sei ein Damm gebrochen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der als erster den Booster für alle forderte, habe "freien Eintritt auf der Kirmes" versprochen. Jetzt dürfe man sich nicht wundern, "wenn die Jungen, Schnellen als erste im Autoscooter sitzen". Die Arztpraxen könnten nicht die handwerklichen Fehler der Politik ausbügeln.

Auch die Städte und Kreise in Hessen sehen, dass bei weitem nicht nur Ältere und Vorerkrankte zur Auffrischung in die Impfstellen strömen. Das sei grundsätzlich auch in Ordnung, meldet etwa der Main-Kinzig-Kreis: "Jeder, der sich um eine Impfung bemüht und die Voraussetzungen erfüllt, hat die gleichen Rechte." Dennoch wollen jetzt mehrere Kommunen gegensteuern und dem Vorrang für die Älteren mehr Geltung verschaffen.

Eigene Impfstellen, Express-Schlangen und Sonderimpftage für Ü70

Vorreiter ist einmal mehr die Stadt Kassel. Sie öffnet kommende Woche schon die dritte zentrale Impfstelle. Die Einrichtung am Lyceumsplatz ist barrierefrei und soll zunächst Menschen ab 60 und Gehbehinderten vorbehalten sein. Die Stadt Frankfurt will den Älteren die Impfung mit einer Express-Warteschlange angenehmer machen. Auch Gehbehinderte und Schwangere sollen von verkürzter Wartezeit profitieren. Auch bei Sonderimpfaktionen an der Hauptwache werde man Ü70 und weitere Risikogruppen bevorzugen.

Die Stadt Offenbach sieht ebenfalls Handlungsbedarf. Ein Sprecher kündigt auf hr-Anfrage an: Bald biete die Stadt in ihrem Impfzentrum Sondertage für Senioren und Vorerkrankte. Und im Landkreis Gießen beschäftigt sich kommende Woche sogar der Impfbeirat mit der Frage, wie Älteren der Weg zum Boostern geebnet werden kann.

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