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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Viele Altenheim-Bewohner unter Corona-Toten

Altenheimbewohnerin in ihrem Zimmer

Fast die Hälfte aller Corona-Toten in Hessen lebte in Altenheimen. Das ergab eine hr-Recherche. Infizierte Mitarbeiter und Besucher erschweren das Problem - trotzdem gibt es in hessischen Heimen keine flächendeckenden Corona-Tests.

Fast jeder zweite Corona-Tote in Hessen lebte nach hr-Recherchen in einem Altenheim. Das ergab eine Abfrage bei den insgesamt 26 hessischen Landkreisen und kreisfreien Städten. 20 Kreise und Städte antworteten dem hr (zur Liste). Insgesamt starben dort laut Stand vom Mittwoch 158 infizierte Altenheim-Bewohner.

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hessenschau vom 22.05.2020
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Setzt man die Zahl dieser Altenheim-Toten ins Verhältnis zu den 364 Corona-Toten in den 20 Städten und Kreisen, ergibt sich ein Schnitt von 43 Prozent.

Teils acht von zehn Toten Altenheim-Bewohner

In manchen Landkreisen ist das Verhältnis von Corona-Toten in Altenheimen zur Gesamtzahl der Corona-Verstorbenen besonders hoch: Im Schwalm-Eder-Kreis und im Kreis Hersfeld-Rotenburg liegt es zwischen 70 und 80 Prozent.

Im Schwalm-Eder-Kreis starb die Hälfte aller an Corona verstorbenen Altenheim-Bewohner im Altenzentrum Eben-Ezer in Gudensberg, insgesamt 13 Menschen. Altenzentrum-Leiter Walter Berle sieht das größte Versagen bei der Corona-Welle darin, dass nicht von Beginn an flächendeckend alle Bewohner und Mitarbeiter getestet wurden.

Anfang April waren Besuche in Altenheimen hessenweit untersagt worden. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon vier tote Bewohner und dutzende Infizierte - dann kam die große Welle. Seit vergangener Woche dürfen Besucher in Hessen wieder kommen, solange das Heim nicht unter Quarantäne steht.

Nicht jeder Infizierte fühlt sich krank

Besucher, aber auch Mitarbeiter, können das Virus unbewusst weitertragen: Im Schwalm-Eder-Kreis infizierten sich hessenweit die meisten Altenheim-Mitarbeiter, insgesamt 57, im Kreis Offenbach waren es 44.

Experten empfehlen deswegen mehr und regelmäßige Tests. Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek betont außerdem, es werde "immer wichtiger", auch zu erwägen, bei Neuafnahmen in Kliniken und Altenheimen vorher zu testen. Nicht jeder Infizierte fühle sich krank, manche würden lediglich merken, dass sie schlechter schmecken können, mal hätten Infizierte Kopfschmerzen oder andere atypische Symptome. Das sagte Ciesek in einem Podcast der Landesregierung.

Um auch in Altenheimen jene infizierten Mitarbeiter oder Bewohner zu erkennen, die keine eindeutigen Symptome haben, könnten regelmäßige Testungen helfen, wie etwa Heimleiter Berle fordert. Anders als etwa im Saarland, gibt es in Hessen keine Reihentestungen.

Bisher nur in Frankfurt ein Reihentest in Altenheimen

Vier Landkreise gaben an, sobald es in Altenheimen Corona-Fälle gebe, werde auch flächendeckend bei Mitarbeitern und Bewohnern getestet. In Frankfurt gab es eine einmalige breite Testung bei etwa 6.000 Menschen aus 33 Einrichtungen. Wohl auch deswegen hat die Stadt die meisten infizierten Bewohner registriert, insgesamt 85. Aber auch Frankfurt wiederholt die Tests nicht wöchentlich, sondern je nach Bedarf.

Die meisten Landkreise gaben an, sich an die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts zu halten: Test bei Corona-Fällen. Viele verweisen auch auf die ungeklärte Kostenfrage - bisher zahlen die Krankenkassen nicht. Vereinzelt gaben die Kreise an, dass auch Reihentestungen keine oder nur eine vermeintliche Sicherheit bringen würden.

In der vergangenen Woche hatte der Bundestag ein Maßnahmenpaket zu Corona beschlossen. Es soll die Krankenkassen verpflichten, für die Tests zu zahlen und verstärkt in Heimen zu testen. Noch ist das in Hessen nicht umgesetzt. Einige Kreise wiesen auch darauf hin, dass es gar nicht genug Tests und Kapazitäten gebe, um breit zu testen. Manche Kreise haben keine Testzentren und sind auf Hausärzte angewiesen, was die Sache verkompliziert.

Landesregierung in der Kritik

Schon Ende April hatte die Liga freie Wohlfahrtspflege, zu der auch Träger wie das Deutsche Rote Kreuz und die Diakonie gehören, einen offenen Brief an Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) geschrieben und eine flächendeckende Testung in Pflegeinrichtungen gefordert. Die Liga verwies dabei auch auf andere Bundesländer: Im Saarland wird flächendeckend in Heimen getestet, in Nordrhein-Westfalen müssen vor einer Neuaufnahme zwei negative Corona-Tests nachgewiesen werden.

Die Liga kritisierte außerdem, dass die Einrichtungen kaum Zeit gehabt hätten, Schutzkonzepte zu entwickeln, bevor seit vergangener Woche wieder Besucher kommen durften - die Landesregierung habe in Kauf genommen, dass die Infektionszahlen wieder steigen.

Sozialministerium: "Infektionen lassen sich nicht unter allen Umständen verhindern"

Das zuständige Sozialministerium antwortete auf die Frage des hr, ob es womöglich Versäumnisse beim Schutz der Altenheimen gegeben hat, Infektionen ließen sich "nicht unter allen Umständen verhindern". Die aktuelle Entwicklung zeige aber, dass es den Einrichtungen zunehmend gelinge, "mit der Pandemie umzugehen und die hygienischen Voraussetzungen zu erfüllen".

Das Land plane derzeit keine Reihentestungen, sondern will "repräsentative Testungen" durführen, um Erkenntnisse über die Ausbreitung von Corona in der Bevölkerung zu bekommen. Dabei wolle man auch "vulnerable Gruppen" wie Altenheimbewohner berücksichtigen. Die Träger würden eingebunden, um Lösungen zu finden. Es gebe außerdem Handlungsempfehlungen, die auf den Vorgaben des Robert Koch Instituts beruhten. Also jene Vorgaben, an die sich die Gesundheitsämter nach eigenen Angaben auch halten - Reihentestungen in Heimen sind dort bisher nicht vorgesehen.

Weitere Informationen

Diese 20 Landkreise und kreisfreien Städte haben auf die hr-Anfrage geantwortet:

  • Frankfurt
  • Wiesbaden
  • Kassel (Stadt und Kreis)
  • Offenbach (Stadt und Kreis)
  • Darmstadt
  • Landkreis Darmstadt-Dieburg
  • Landkreis Gießen
  • Landkreis Bergstraße
  • Landkreis Groß-Gerau
  • Landkreis Hersfeld-Rotenburg
  • Landkreis Limburg-Weilburg
  • Main-Kinzig-Kreis
  • Landkreis Marburg-Biedenkopf
  • Odenwaldkreis
  • Rheingau-Taunus-Kreis
  • Schwalm-Eder-Kreis
  • Vogelsbergkreis
  • Werra-Meißner-Kreis


Diese 6 Landkreise antworteten nicht:

  • Hochtaunuskreis
  • Lahn-Dill-Kreis
  • Landkreis Fulda
  • Main-Taunus-Kreis
  • Landkreis Waldeck-Frankenberg
  • Wetteraukreis
Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-iNFO, 21.05.2020, 9.00 Uhr