Um eine Kücheninsel herum stehen fünf Menschen und schauen in die Kamera. Auf dem Herd befinden sich Pfannen; daneben stehen volle Teller mit Essen.

Die erste Woche des Fastenmonats Ramadan geht zu Ende. Für Muslime ist es eine von Entbehrungen, Gemeinschaft und einem großen täglichen Höhepunkt geprägte Zeit, wie ein Besuch bei Familie Ahmed aus Frankfurt zeigt.

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Sarah Ahmed: "Wo es wirklich schwierig wird, sind die letzten zehn Tage"

Ein reichlich gedeckter Tisch: Salate, Datteln, Samosa, Hühnchen sind zu sehen.
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Bei Sarah Ahmed hat alles seine Zeit. Erst recht in diesem April: Ihr ganzer Alltag, die Treffen mit Freunden, das Rausgehen, aber allen voran das Essen. Die 20 Jahre alte Jura-Studentin ist gläubige Muslima und fastet während des Ramadan.

"Es ist ein magischer Monat", sagt Sarah Ahmed und ihre Augen strahlen dabei. Ihre ganze Familie fastet mit: Vater Mohammed Shahin, Mutter Shamoly und ihre jüngeren Brüder Mahdi und Umar. Sie alle essen und trinken in dieser Zeit nur, wenn die Sonne noch nicht auf- oder bereits untergegangen ist. Für ein kleines Frühstück klingelt bei Sarah Ahmed deshalb bereits um vier Uhr der Wecker, obwohl sie in den Semesterferien ausschlafen könnte.

"Einzige Zeit im Leben, wo ich Hunger oder Durst spüre"

Morgens gibt es frisches Fladenbrot, Datteln und Milchprodukte. "Das macht besonders lange satt", erklärt die 20-Jährige. Eine ganze Flasche Wasser austrinken müsse dann auch sein. Gegen 5.15 Uhr muss sie fertig sein, dann geht langsam die Sonne auf, ab dann wird gefastet. Vom 1. April bis 1. Mai findet der diesjährige Ramadan statt. Und jeden Abend zum Sonnenuntergang wird gemeinsam das sogenannte Fastenbrechen gefeiert.

Es werde viel gebetet und auch viel Zeit mit der Familie verbracht, erklärt Sarah Ahmed. Man empfinde durch das bewusste Fasten eine besondere Art der Dankbarkeit. "Das ist die einzige Zeit im Leben, in der ich Hunger oder Durst spüre", sagt sie.

Ab 18.15 Uhr wird gekocht

Ob Fasten noch zeitgemäß ist? Natürlich, findet die 20-Jährige. Es gehe darum, Prioritäten zu setzen, aus dem alltäglichen Getriebe auszubrechen, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Der Abend wird dann zur ganz besonderen Zeit bei Sarah Ahmed und ihrer Familie im Frankfurter Stadtteil Unterliederbach:

Eine junge Frau mit Kopftuch schaut lächeln in die Kamera. In der Hand hält sie einen Joghurt und eine Kiste mit Datteln.

18.15 Uhr: Mutter Shamoly Ahmed betritt die Küche. Wohin das Auge fällt, ist Essen: An den Wänden hängen Bilder mit Chilischoten und Kräuter-Bündeln. Eine volle Schale mit frischen Bananen, Mangos steht auf der Ablage. Auf dem Herd in der Mitte des Raums warten bereits Töpfe und Pfannen. Ein kräftiger Duft von frischen Zwiebeln geht von einer Wok-Pfanne aus. Shamoly Ahmed wird sie gleich mit einem Teig verkneten, den sie bereits vorbereitet hat: Es gibt Linsen-Pakora, eine Spezialität aus Bangladesch, das Land, in dem die Familie ihre Wurzeln hat.

Am Kühlschrank hängt eine Art Kalender. Alle Tage vom 1. April bis 1. Mai sind dort aufgezählt; minutengenau steht dort, wann die Sonne auf- und wieder untergeht. "Aber den benutzen wir nicht", sagt Mohammed Shahin Ahmed. Jede Gemeinde habe einen anderen Kalender, die Zeiten stimmten nicht genau. Deshalb, so sagt es der Vater, benutze seine Familie einfach ihre Smartphones. Dort stehe es am genauesten drin. Er zeigt auf die Anzeige im Handy: Um 20.06 Uhr ist an diesem Donnerstagabend in Frankfurt Sonnenuntergang, erst dann wird gegessen.

Weitere Informationen

Was ist der Ramadan?

Weil sich der Ramadan am Mondkalender orientiert, verschiebt sich der Fastenmonat der Muslime jedes Jahr um einige Tage. Nach den islamischen Gesetzen soll während des Tages auf Essen, Trinken, Rauchen und Sex verzichtet werden. Auch Schimpfwörter oder böse Gedanken sind verboten. Der Fastenmonat endet mit dem Zuckerfest, einem der höchsten islamischen Festtage. In Hessen leben rund 460.000 Muslime.

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19.30 Uhr: Mahdi Ahmed, der 19-jährige Bruder von Sarah geht ins Erdgeschoss der Wohnung. Hier ist ein geräumiges Wohnzimmer, in dem an der Wand ein Aquarium mit 13 Zierfischen leuchtet, ein Hobby seines Vaters. "Die Fische bekommen immer um 19.30 Uhr ihr Futter", sagt er - da gibt es natürlich auch im Ramadan keine Ausnahme. Alles hat hier seine Zeit. Mahdi Ahmed selbst bleibt hungrig. Über eine halbe Stunde ist es noch ohne Essen.

An einem gedeckten Tisch beten ein junger Mann und seine ältere Schwester rechts neben ihm.

19.41 Uhr: In der Küche hat sich der Inhalt der vielen Töpfe in ganze zehn Teller mit verschiedensten Gerichten verwandelt - durch das Zutun von Mutter Shamoly Ahmed und ihren drei Kindern. Darunter: ein scharfer Tomatensalat an Koriander, ein Maissalat, frittiertes Hühnchen, gefüllte Samosa, ein bunter Obstteller, Biryani (ein asiatisches Reisgericht) und Datteln.

Alle 20 Sekunden auf die Uhr schauen

Vater Mohammed Shahin Ahmed, 51 Jahre alt und Elektrotechnik-Meister mit eigenem Betrieb, freut sich: "Alle Rezepte für die Speisen kommen aus Bangladesch." Immer wieder schaut er sich den Inhalt auf den Tellern an, riecht, nimmt sie in die Hand, dreht sie, stellt sie wieder ab. Mahdi grinst ihn an: "Na, hast du Hunger, oder was?" Der Vater lacht. Natürlich hat er.

19.55 Uhr: Das Fastenbrechen steht kurz bevor. Alle fünf Familienmitglieder sitzen schon am Esstisch. Dann spricht Mohammed Shahin Ahmed ein Gebet. Von der Tischplatte leuchten die bunten Farben des Essens denjenigen entgegen, die am hungrigsten darauf hinabblicken. Hier zu sitzen und zu warten, sagt Sarah Ahmed, "das ist besonders hart". Alle 20 Sekunden schaut jemand auf die Uhrzeitsanzeige am Handy, so groß ist die Ungeduld vorm Essen oder die Sorge, den richtigen Augenblick zu verpassen.

Traditionell wird mit der Hand gegessen

20.06 Uhr: Jetzt ist Zeit. Der erste Bissen geht immer in eine Dattel. Der süße Geschmack der getrockneten Frucht freut jeden am Tisch. Wenn sie gegessen ist, wird der Rest des Festmahls angebrochen. Jeder nimmt sich auf den Teller, was er oder sie mag. Traditionell wird mit der Hand gegessen, heißt es von Sarahs Bruder Mahdi. Messer und Gabel benutzen dennoch alle - aus praktischen Gründen.

Es ist still, mal klappert zwar ein Teller, mal wird ein kleines Wort gewechselt, aber im Großen und Ganzen herrscht Ruhe. Zu lange wurde auf diesen Moment gewartet, um ihm nicht mit etwas Respekt entgegenzutreten. Aufgegessen ist hingegen schnell und geschmeckt hat es auch allen. "Ich bin total dankbar für meine Mama", sagt Sarah Ahmed. Das frische Essen, das gemeinsame Beisammensein in der Familie - Ramadan schweißt zusammen, das spüren alle am Tisch.