"Feministin" auf dem T-Shirt einer Frau
Plakative Ansage! Bild © picture-alliance/dpa

Feministische Sprüche sind heute Teil der Popkultur und prangen auf T-Shirts und Taschen. Hat die Frauenbewegung gesiegt - oder ist alles nur eine Modeerscheinung? Ein Interview zum Weltfrauentag mit einer Marburger Gender-Forscherin.

Videobeitrag
hs

Video

zum Video Sollte der Frauentag ein Feiertag sein?

Ende des Videobeitrags

Wer heute am Weltfrauentag durch die Fußgängerzone geht, dem begegnen Sprüche, die früher eher auf Demonstrationen zu sehen waren: "I’m a feminist", "Girl Power" oder "The future is female". Die Slogans stehen auf Taschen, T-Shirts und Kinderkleidern.

Dass der Feminismus inzwischen Teil der Popkultur ist, zeigen auch berühmte Sängerinnen und Schauspielerinnen: Alicia Keys folgt einer alten feministischen Forderung und geht nur noch ungeschminkt aus dem Haus. Emma Watson ist UN-Botschafterin für Gleichstellung. Und Pop-Diva Beyoncé singt: "Wer hält die Welt am Laufen? Mädels."

Hat die Frauenbewegung also gesiegt oder ist das alles nur ein Hype, eine reine Modeerscheinung? Antworten von Susanne Maurer, einer Genderforscherin und Professorin für Sozialpädagogik an der Marburger Philipps-Universität.

hessenschau.de: Sie beschäftigen sich seit 40 Jahren mit feministischen Bewegungen. Wie finden Sie es, wenn Sie junge Mädchen mit "Girl Power"-Shirts durch die Marburger Oberstadt laufen sehen?

Susanne Maurer: Im Prinzip freut mich das schon, aber verhalten. Wenn ich die Chance hätte, mit diesen jungen Mädchen ins Gespräch zu kommen, dann würde ich sie vorsichtig fragen, was das für sie bedeutet. Ich sehe durchaus, dass Aufmerksamkeit und Interesse für feministische Themen da ist - aber ich bin jetzt nicht völlig euphorisch, weil eben oft ganz unklar bleibt, was mit Feminismus verbunden wird.

hessenschau.de: Liegt Feminismus gerade besonders im Trend?

Maurer: Das Phänomen, dass Feminismus attraktiv ist, ist ja nicht völlig neu. Es gab da in der Geschichte verschiedene Momente und Erscheinungsformen. Aber ja, es scheint heute so zu sein, dass man sich mit dem Wort Feminismus öffentlich, offensiv und auch mit Lust und Spaß verbinden kann, und sich das dann aufs T-Shirt drucken kann. Es gibt auch so etwas wie einen "Postkartenfeminismus": So nenne ich das, wenn in Buchhandlungen oder Bahnhofsgeschäften Postkarten mit frechen Sprüchen angeboten werden, die einen "feministischen Background" haben.

Aber es gibt ja gleichzeitig auch noch die andere Seite: Dass es immer mal wieder Phasen gibt, in denen das Wort Feminismus ein Schimpfwort oder No-go zu sein scheint. Es gibt ja auch weiterhin so Aussagen wie "Ich bin ja keine Emanze, aber…“

hessenschau.de: Warum scheinen sich zurzeit mehr Frauen und Männer als früher als Feministen oder Feministinnen zu outen? Ist das eine Reaktion auf die #MeToo-Bewegung?

Maurer: #MeToo ist nur ein Teil davon. Das hat schon vorher angefangen, zum Beispiel mit #Aufschrei. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass es eine neue Empörung und auch Fassungslosigkeit angesichts von sehr offenem Sexismus gibt - auch ein Zurückweisen von Positionen, die Vielfalt angreifen, und jede Art anders zu sein.

Das erlebe ich auch, wenn ich mit jungen Leuten diskutiere: Ein Grund sich für Feminismus zu interessieren ist, dass Feminismus, Gender Studies und Gleichstellungspolitiken gerade so stark unter Beschuss sind. Ich habe da manchmal den Eindruck, dass der Anti-Feminismus das Interesse an Feminismus befördert, gerade in der jüngeren Generation.

Was aber auch attraktiv ist: Ich kann hier Teil von etwas sein, das ganz weitreichend ist, das überall stattfindet, in vielen Ländern der Welt, und das zugleich ganz viele Ausdrucksformen hat. Das konnten wir zum Beispiel bei den Women’s Marches sehen.

hessenschau.de: Die Modehersteller verdienen mit solchen Produkten ja auch Geld. Selbst Baumarktketten machen Werbung mit feministischen Slogans. Wie finden Sie so etwas?

Maurer: Mich stört natürlich das Profitinteresse. Aber so funktioniert unsere gegenwärtige Ökonomie - sie benutzt, was in der Populär- und Alltagskultur präsent ist. Das ist ganz einfach: Was sich vermarkten lässt, wird vermarktet. Man nutzt diese Themen, und zielt auf entsprechend interessierte Menschen als Kundinnen. Man greift einfach auf, was gerade in der Gesellschaft kursiert, um etwas zu verkaufen. Das finde ich schwierig, weil es eine Instrumentalisierung ist.

Das kann auch Dinge verwässern und entschärfen, die gerade scharf gemacht werden müssen. Eine grundlegende Kritik, und das Zurückweisen von Beleidung, Missachtung, Verachtung und Gewalt.

hessenschau.de: Feministinnen haben in der Vergangenheit mit dem Vorurteil zu kämpfen gehabt, "spaßbefreit" oder "unattraktiv" zu sein. Heute kommt der Feminismus dagegen oft sehr humorvoll oder sogar sexy rüber.

Maurer: Abgesehen davon, dass Feminismus auch schon früher sehr sexy sein konnte, erkenne ich da zwei Pole, die sich zu widersprechen scheinen, aber die trotzdem auch zusammengehören. Der eine ist: Feminismus ist sexy, ist irgendwie attraktiv. Der andere Pol zeigt sich zum Beispiel in Graffiti-Sprüchen oder auf Flyern, wo zu lesen ist: "Make feminism a threat again!" Also: "Macht Feminismus wieder zu etwas, was gefährlich werden kann!"

Da geht es darum, was sich eigentlich mit dem Feminismus verbindet - nämlich ein Infragestellen von sehr grundlegenden Ordnungen, von Geschlechterordnungen als Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Es geht um ökonomische Fragen, um sexuelle Gewalt und Ungleichheit. Und da gibt es auch revolutionäre Perspektiven, die nicht so ohne weiteres marktkompatibel sind. Und die man sich nicht so genüsslich aufs T-Shirt schreibt.

Das Interview führte Rebekka Dieckmann.