Bundespräsident Joachim Gauck beim Festakt in Frankfurt

Beim Festakt zu 25 Jahren Deutsche Einheit in Frankfurt hat Bundespräsident Joachim Gauck die Bürger aufgefordert, Mut aus der Wiedervereinigung zu schöpfen. Zuvor hatte der querschnittsgelähmte Schauspieler Samuel Koch mit einer Rede im Festgottesdienst bewegt.

Vor 1.500 Gästen in der Alten Oper in Frankfurt bezeichnete Bundespräsident Gauck die vor 25 Jahren erlangte Deutsche Einheit trotz aktueller Krisen als Grund zum Stolz und zum Feiern.

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"Die friedliche Revolution hat gezeigt: Wir Deutschen können Freiheit“, sagte Gauck am Samstag (03.10.2015) beim Festakt. Er appellierte an die Bürger, aus dieser Erfolgsgeschichte Mut zur Bewältigung der gegenwärtigen Flüchtlingskrise zu schöpfen.

"Es muss zusammenwachsen, was nicht zusammengehörte"

In Ost und West hätten Menschen auch die nationale Herausforderung der Einheit angenommen und bewältigt. "Es gilt nun wiederum und neu, die innere Einheit zu erringen“, sagte der Bundespräsident. Der Unterschied diesmal sei allerdings: "Jetzt muss zusammenwachsen, was bisher nicht zusammengehörte." Das werde Generationen dauern.

Da die Möglichkeit zu helfen endlich sei, seien neben Integration aber auch eine gerechte Verteilung der Lasten innerhalb Europas nötig sowie eine bessere Sicherung der Grenzen.

"Wiedervereinigung im Großen und Ganzen gut gelungen"

"Diese Wiedervereinigung ist im Großen und Ganzen gut gelungen“, sagte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), der als amtierender Bundesratspräsident Gastgeber der Einheitsfeier ist. Auch er zog Parallelen zur Flüchtlingskrise. Der Prozess der Einheit habe gezeigt, dass Deutschland die Kraft hat, "außergewöhnliche Herausforderungen zu meistern".

Unter den Gästen waren die Spitzen aller fünf Verfassungsorgane des Bundes: Neben Bundespräsident Gauck, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) als Bundesratspräsident auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und Andreas Vosskuhle als Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

Bürgerrechtler in erster Reihe

In der ersten Reihe saßen wegen ihrer Verdienste um die Einheit und die friedliche Revolution auch 50 Bürgerrechtler aus der ehemaligen DDR, darunter Vera Lengsfeld, Marianne Birthler und Freya Klier. Mit dabei auch Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), die Ministerpräsidenten und Bürgerdelegationen aller Bundesländer, EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, und - auf Einladung der schwarz-grünen Landesregierung - 30 Flüchtlinge.

Am Samstagmorgen hatte Bouffier die Ehrengäste begrüßt, die sich dann in der Paulskirche ins Goldene Buch der Stadt eintrugen. Der Ort war mit Bedacht gewählt: Die Paulskirche gilt als die Wiege der deutschen Demokratie. Hier versammelten sich 1848 Mitglieder des ersten deutschen Parlaments, um über eine freiheitliche Verfassung und die Bildung eines Nationalstaates zu beraten.

Bewegender Samuel Koch

Samuel Koch Rede Einheit

Im Frankfurter Kaiserdom fand vor dem Festakt ein ökumenischer Gottesdienst statt. Manfred Grothe, der Apostolische Administrator des Bistums Limburg, und Volker Jung, Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zelebrierten ihn.

Der Gottesdienst griff das Motto der Einheitsfeier auf: "Grenzen überwinden". Redner berichteten, wie sie politisch und privat Grenzen erlebten und erleben. Besonders bewegte der seit einem Unfall in der TV-Show "Wetten, dass..?" querschnittsgelähmte Samuel Koch die Zuhörer. "Meine Lähmung von den Schultern abwärts führt mich - was man sich denken kann - tagtäglich an Grenzen“, sagte Koch und nannte Bordsteine oder Supermarkt-Drehkreuze als Beispiele.

Demonstranten von Polizei festgehalten

Am Samstag gab es auch mehrere Demonstrationen gegen die Einheitsfeier. Die Beamten nahmen von rund 50 Demonstranten die Personalien auf. "Wir haben die Gruppe vorbeugend kontrolliert, weil sie bereits während des Festakts vor der Alten Oper aufgefallen ist", begründete sie den Einsatz am Samstag. Unter den Festgehaltenen war auch ein dpa-Reporter. Die Satirepartei "Die Partei" demonstrierte derweil in der Innenstadt mit Slongans wie "Mauerbau, das war schlau." An der Demo beteiligten sich nach Polizeiangaben rund 250 Menschen. Am Rossmarkt versammelten sich weitere 70 Demonstranten.

350.000 Besucher am ersten Tag

Am Freitag waren zum Auftakt der dreitägigen Einheitsfeier nach Angaben der Staatskanzlei rund 350.000 Menschen nach Frankfurt gekommen. Auf der Hauptwache lockten am Abend Stars wie Jimmy Somerville und Nick Kershaw tausende zu Konzerten, mit denen hr1 die 80er-Jahre aufleben ließ.

Auf dem Opernplatz war während eines Auftritts des Rappers Cro mit rund 10.000 Zuhörern kein Durchkommen mehr. Bei einer Demo gegen die Einheitsfeier zogen laut Polizei rund 1.000 Menschen friedlich durch die Stadt.