Feuerwehrleute bei einer Übung an der Landesfeuerwehrschule in Kassel.
Feuerwehrleute bei einer Übung an der Landesfeuerwehrschule in Kassel. Bild © hr

Die hessischen Feuerwehren leiden unter einem Ausbildungsstau. Schuld ist neben zusätzlichen Aufgaben und neuer Technik auch die Work-Life-Balance mancher Einsatzkräfte. Jetzt ist Entspannung in Sicht.

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Es ist ein gesellschaftliches Phänomen - und für die Feuerwehr ein Problem: Denn früher, berichtet Gießens Kreisbrandinspektor Mario Binsch, da blieb ein Wehrführer eben auch mal 20 Jahre lang im Amt, wenn er gewählt war. "Aber heute werden Leute in die Ämter gewählt und ziehen kurz darauf weg, oder sie wollen sich nach einer Amtsperiode um die Familie oder um ihre Work-Life-Balance kümmern." Und dann wird eben die nächste Person Wehrführer, und braucht die entsprechende Ausbildung.

Die Folge: Obwohl die Zahl der Freiwilligen Feuerwehren weitgehend gleich bleibt, machen auf einmal viel mehr Menschen eine Ausbildung. Aber es gibt nur eine Landesfeuerwehrschule, die in Kassel. Rund 8.000 Feuerwehrleute durchlaufen sie jährlich, aber das reicht nicht. "Die Feuerwehrschule kann den Bedarf schon lange nicht mehr decken", sagt Binsch. Zuerst hatte die Gießener Allgemeine darüber berichtet.

Mehr Technik bedeutet mehr Ausbildung

Dabei steigt der Schulungsbedarf ohnehin schon. "Die Ausbildung wird viel aufwendiger", sagt Binsch. Beispielsweise müssen Feuerwehrleute lernen, mit neuer Technik in Wohnhäusern umzugehen. Auch in anderen Bereichen kommen laufend Themenfelder hinzu, aktuelles Beispiel: brennende Elektro-Autos.

All das führt dazu, dass nur 30 Prozent der Menschen aus dem Kreis Gießen, die einen Lehrgang belegen wollen, auch einen Platz bekommen. Aber das ist eigentlich eine positive Nachricht, vor ein paar Jahren waren es nämlich noch 20 Prozent. Erwin Baumann, Direktor der Landesfeuerwehrschule, sagt: "Wir haben die Kapazität erweitert, indem wir die Teilnehmer auch in Hotels in der Nähe unterbringen." Das bringe 80 Plätze mehr pro Lehrgang.

Nicht alle Schulungen führen Feuerwehrleute durch

Ohnehin schon finden Grundlehrgänge und Spezialisierungen wie die Ausbildung zum Sprechfunker oder Atemschutzgeräteträger an den jeweiligen Standorten statt, berichtet Baumann. Inzwischen sind es aber nicht nur Feuerwehrleute, die Feuerwehrleute ausbilden: Schulungen zu Persönlichkeit und Führungsverhalten wurden beispielsweise an einen externen Dienstleister vergeben.

Mit diesen Maßnahmen sollen aus 50.000 Lehrgangstagen pro Jahr bis Ende 2019 rund 76.000 Lehrgangstage werden, teilt das Innenministerium mit, für 70.000 ehrenamtliche hessische Feuerwehrleute. Das Ministerium, das die Aus- und Fortbildung mit rund 16 Millionen Euro jährlich finanziert, berät außerdem seit letztem Jahr in einer Arbeitsgruppe zusammen mit der Feuerwehrschule und den Kommunen, wie man die Situation verbessern kann.

Auch das Interesse ist gestiegen

Große Hoffnung setzt Erwin Baumann auch auf das Jugendfeuerwehrzentrum, das gerade im Marburger Stadtteil Cappel entsteht. Bis 2021 sollen dort 43 weitere Ausbildungsplätze entstehen, nach Ende des zweiten Bauabschnitts im Jahr 2024 sollen es 72 Plätze sein. Hinzu kommen E-Learning-Angebote, mit denen die Feuerwehrleute vor dem heimischen Rechner die Theorie pauken und so die Feuerwehrschule entlasten.

Und eigentlich, sagt Baumann, habe der Lehrgangsstau ja auch einen positiven Aspekt: Die Feuerwehrleute hätten heutzutage auch einfach mehr "Engagement und Willen, sich gut auszubilden". Als Bürger müsse man sich jedenfalls "absolut keine Sorgen" machen: "Wir haben sehr professionelle Einsatzkräfte, die den Lagen in Hessen sicherlich gewachsen sind." Und auch die Ausstattung der Feuerwehrhäuser und -Fahrzeuge sei "auf vorbildlichem Niveau".