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Kinder aus der Ukraine geholt

Bildkombination aus zwei Fotos: links drei Kinder, wie sie auf einem Spielplatz spielen; rechts eine Frau im Mantel, die in die Kamera lächelt.

Plötzlich Großfamilie: Tatiana B. hat spontan die drei kleinen Kinder ihres Bruders bei sich in Frankfurt aufgenommen. Sie hat sie in der Ukraine abgeholt, die Eltern sind geblieben, um das Land zu verteidigen. Nun ringen alle gemeinsam um etwas Normalität im Chaos.

In der Vierzimmerwohnung von Unternehmensberaterin Tatiana B. in Frankfurt herrscht mit acht Menschen Trubel. Seit Freitag vergangener Woche wohnen dort zusätzlich zu ihr, ihrem Mann, ihrer Mutter und einem Kind noch die drei kleinen Kinder ihres Bruders aus der Ukraine. Und ihr erwachsener Sohn ist auch zurückgekommen, um zu helfen.

Tatiana und ihr Bruder haben nach Ausbruch des Krieges am vergangenen Donnerstag einen schnellen Entschluss gefasst: Die vier, acht und zehn Jahre alten Kinder des Bruders müssen raus aus dem Land, raus aus den Kriegswirren und in Sicherheit gebracht werden.

Die 47-Jährige und ihr Mann setzten sich ins Auto und fuhren fuhren an die polnisch-ukrainische Grenze, von dort aus fuhr Tatiana alleine bis in die ukrainische Stadt Lwiw (Lemberg). Dort trafen sie den Bruder und nahmen die Kinder an Bord. Stunden hätten Ein- und Rückreise gedauert, die Schlangen der Wartenden an der Grenze seien zu diesem Zeitpunkt schon lang gewesen, sagt Tatiana, und sie seien von Stunde zu Stunde länger geworden. Tatiana und ihr Mann fuhren mit bangem Herzen und vollem Auto nach Hause. "Ich musste mich sehr zusammenreißen, damit mir die Kinder meine Angst nicht anmerken."

Mama, Papa und die Schwester zurückgelassen

In Frankfurt sind die Brüder Kostiantyn (8) und Mykola (10) und die kleine Kira (4) bei der Tante nun in Sicherheit. Zurück geblieben in der Ukraine sind Papa, Mama und eine erwachsene Schwester. Sie wollen ihr Land verteidigen, zudem habe die Mutter einen russischen Pass, so Tatiana, und könne damit nicht einfach reisen.

Tatiana floh selbst 1994 aus dem ostukrainischen Donezk. Für die Unternehmensberaterin wiederholt sich damit die Geschichte. Nun versucht sie, es ihren Neffen und der Nichte so schön wie möglich zu machen. "Wir singen, gehen auf den Spielplatz raus und lachen viel. Wir können ja auch lachen, wir sind in Sicherheit."

Sicher, die Kinder müssten auch verstehen, was gerade passiert, es werde viel gesprochen und erklärt. "Aber wenn sie fragen, warum macht Putin das? Was sollen wir da antworten? Dieser Krieg ist nur absurd."

Viel Unterstützung und eine unklare Zukunft

Unterstützung kommt für die plötzlich so große Familie von allen Seiten. Nachbarn helfen mit Geschenken, bieten an, die Kinder zu betreuen, und auch der Arbeitgeber zeigt sich verständnisvoll und unbürokratisch. "Diese Hilfen sind alle so herzerwärmend und überwältigend. Gestern hat eine Nachbarin einfach Muffins gebacken. Über so etwas freuen Kinder sich einfach total."

Wie es weiter gehen soll, ist vollkommen unklar. Tatiana und ihre Familie leben derzeit noch von einem Tag auf den anderen in ihrer improvisierten Großfamilie. Sie wolle sich gar nicht vorstellen, dass dieser Irrsinn, wie Tatiana den Krieg nennt, lange andauern könnte. Trotzdem kümmere sie sich schon um den Aufenthaltsstatus der Kinder, um Versicherungen und um eine Schule. "Wir müssen versuchen, ein Leben und eine Normalität für die Kinder hier aufzubauen. Wir wissen einfach nicht, was kommt."

Normalität mit Mathe und Telefonaten

Und zu dieser Normalität gehört für Kostiantyn und Mykola auch Mathe. Gleich am ersten Morgen in Frankfurt haben sie an ihrem Online-Nachhilfekurs teilgenommen, den sie jeden Sonntag haben. Das macht ein Student in Lwiw. "Trotz der Raketenalarme und der gefährlichen Situation", sagt Tatiana. "Er versteckt sich nicht und hat diesen Mathekurs für Kinder einfach stattfinden lassen." Unglaublich mutig sei das - und so seien die Ukrainer, die ihr Land verteidigen, eben. Jeder auf seine Art.

Auch tägliche Telefonate mit Mama und Papa in Lwiw gehören nun zum Alltag. Wie es mit ihnen weiter geht - auch das ist unklar. Gedanken an Verletzungen oder gar den Tod verbieten sich Tatiana und ihre Familie, "sonst könnten wir ja nicht weiter machen, das wäre zu schmerzhaft." Egal, was komme, sie werden da sein für die Kinder, immer weiter, so lange wie nötig. "Ich habe nur einen Wunsch: Der Krieg muss sofort aufhören."

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