Flüchtlinge in Pfungstadt

Angela Merkels Satz "Wir schaffen das" ging um die Welt und muss sich im Kleinen beweisen, zum Beispiel in Pfungstadt. Eine hr-Doku erzählt von Erfolgsgeschichten von Flüchtlingen und Ängsten von Alteingesessenen.

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zum Video Wir schaffen das! Oder? Pfungstadt – eine Gemeinde und ihre Flüchtlinge (1)

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31. August 2015: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spaltet in der Auseinandersetzung um den vermehrten Zuzug von Flüchtlingen mit ihrer Aussage "Wir schaffen das" die Gemüter. Die einen applaudieren, die anderen toben.

Nach fünf Jahren ist es an der Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Wie sieht es dort aus, wo die Geflüchteten angekommen sind? Wo improvisiert werden musste und sich sowohl die Neuen als auch die Alteingesessenen erst einmal mit der neuen Situation zurecht finden mussten?

Zum Beispiel Pfungstadt

Ein hr-Reporter-Team war mehrere Wochen lang in Pfungstadt unterwegs, um Geflüchtete, Deutsche, Idealisten, Kritiker und Verantwortliche von Stadt und Kreis über die Lage in der Stadt zu befragen. Das hr-fernsehen zeigt den daraus entstandenen Dreiteiler "Wir schaffen das! Oder?" am 1., 8. und 13. September. Die Filme sind auch in der ARD-Mediathek (hier der Link zum ersten Teil) abzurufen. Schon seit 2014 blickt hr-iNFO auf die Lage der Flüchtlinge in Pfungstadt.

Pfungstadt im Kreis Darmstadt-Dieburg ist eine durchschnittliche Stadt in Deutschland. 25.700 Einwohner, 600 Geflüchtete. Die Erfahrungen der Gemeinde mit den Flüchtlingen und der Geflüchteten mit ihrer Ankunft vor Ort dürften sich so oder sehr ähnlich in vielen Orten abgespielt haben.

"Pfungstadt ist meine zweite Heimat"

Da ist der Syrer Anas Al-Saadi, der 2015 in Pfungstadt ankam, voller Tatendrang, ein Anwalt, der schnell Deutsch lernte. Mittlerweile hat er eine Stelle als Sozialarbeiter bei der Stadt - und ist in diesem Jahr in seine eigene Wohnung gezogen. Der Bücherstapel dort ist riesig - deutsche, aber auch arabische Bücher stapeln sich fast auf einen Meter Höhe. Zuletzt hat er "Die Päpstin" gelesen. "Das war sehr entspannt", sagt er.

Er fühlt sich in Pfungstadt angekommen. "Pfungstadt ist meine zweite Heimat. Das kann ich so definieren. Die Leute die dort sind, sind meine Leute. Ich gehöre dazu. Oder zumindest fühle ich mich, dass ich dazugehöre", sagt Al-Saadi. Im kommenden Jahr will er versuchen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen.

Problem: Wohnungsmangel

Bei anderen hat das mit der eigenen Wohnung nicht geklappt. Familie Ibrahim, eine kurdische Familie aus dem Irak mit fünf Kindern, lebt noch immer beengt in einer Flüchtlingsunterkunft. Die Ibrahims suchen verzweifelt nach einer Bleibe für sich. Auch das ist eine Erfahrung, die viele Geflüchtete in Deutschland machen. Der Wohnraum ist knapp.

Diese Erfahrung teilen sie mit Alteingesessenen. Mit Alex zum Beispiel, der als Müllentsorger in Frankfurt arbeitet und schon länger eine neue Wohnung sucht. Er und seine Freunde treffen sich regelmäßig an einem Kiosk in Pfungstadt. Einer aus der Runde macht Witze darüber, dass Alex ja in eine Flüchtlingsunterkunft ziehen könne. Sie haben Angst, zurückgelassen zu werden.

"Fünf Jahre, so schnell geht das nicht"

"Viele meiner Kunden sind finanziell nicht so gut gestellt. Sie haben Bedenken, dass die Töpfe knapper werden. Das verstehe ich", sagt Kioskbesitzer Jörg Drott. Er findet es aber richtig, dass man die Menschen damals aufgenommen hat. "Man kann nicht erwarten, dass sich die Menschen nach fünf Jahren überall nur in den Armen liegen. So schnell geht das nicht."

Frank Liebig will mithelfen, dass neue und alte Pfungstädter miteinander ins Gespräch kommen. Er teilt seit Jahren seinen Schrebergarten mit Familien aus Syrien, Afghanistan, dem Iran. Er hilft den Flüchtlingen, sie helfen aber auch ihm: mit seinem Garten oder mit seinem Haus. "Wenn ich sage, Basam, kannst du die Woche vorbei kommen und mal nach dem Wasser im Garten gucken, dann kommt Basam. Das funktioniert wunderbar." Das geht auch, obwohl Basam erst Deutsch lernt.

Wir schaffen das - in Pfungstadt zeigt sich exemplarisch, wie viel hinter jenem einfachen Satz steckt. Viel haben wir geschafft. Einige Erwartungen mussten wir aber nach unten korrigieren.

Sendung: hr-fernsehen, Wir schaffen das! Oder?, 01.09.2010, 21.45 Uhr