Verschwörungstheoretiker machen sich die Angst und Wut mancher Menschen zunutze - aktuell hetzen sie gegen die Corona-Politik. Warum sie das tun und wieso manche das glauben, erklärt der Physiker Holm Gero Hümmler.

Videobeitrag

Video

zum Video Corona-Verschwörungstheorien auf dem Vormarsch

hessenschau kompakt von 16:45 Uhr vom 13.05.2020
Ende des Videobeitrags

Hat die Regierung das neuartige Coronavirus nur erfunden, um die Leute einzuschüchtern? Stecken in Wahrheit nicht Bill und Melinda Gates mit ihrer milliardenschweren Stiftung und ihren Beteiligungen an Impfstofffirmen hinter all dem? Ist es mal wieder Zeit für die Deutschen, gegen eine Beschränkung ihrer Freiheit aufzustehen?

Wer manche Posts in Sozialen Medien, Blogs und Podcasts liest und hört, könnte genau das glauben - oder glaubt es tatsächlich. Verschwörungstheorien, die Menschen mit ihrer Angst vor der Pandemie oder ihrer Wut auf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) abholen, haben derzeit Konjunktur.

Der Physiker und Autor Holm Gero Hümmler aus Bad Homburg ordnet das Phänomen im Interview mit hessenschau.de ein. Hümmler forscht zu Parawissenschaften und schrieb unter anderem das Buch "Verschwörungsmythen. Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden" zum Thema.

hessenschau.de: In den Sozialen Medien stößt man früher oder später auf die Meldung, wonach Microsoft-Mitgründer und Multimilliardär Bill Gates mit seiner Stiftung sich in etliche Regierungen dieser Welt eingekauft habe, führenden deutschen Medien den Kurs vorgebe und den Weg bereite für eine Zwangsimpfung aller Deutschen, unterstützt von der willfährigen Bundeskanzlerin. Warum verbreiten Menschen solchen Unfug?

Holm Gero Hümmler: Dafür gibt es sicher unterschiedliche Gründe. Jemand wie Ken Jebsen (der sich auf seinem Kanal KenFM selbst "Bürgerjournalist" nennt, Red.) verbreitet diese Ansichten, um sich in den Vordergrund zu spielen, weil er Geld damit verdienen kann und um politische Gruppen wie die sogenannte Corona-Partei "Widerstand 2020" zu fördern. Jebsen ist eines der Gesichter der dahinter stehenden Bewegung.

Zitat
„Wer nach Belegen fragt, bekommt zur Antwort: Dass es keine Beweise gibt, beweist die Verschwörung erst recht.“ Zitat von Holm Gero Hümmler
Zitat Ende

Andere wie der Sänger Xavier Naidoo, der Vegan-Koch Attila Hildmann und der Tänzer Detlef D Soost kommen mir vor wie Wichtigtuer in eigener Sache. Und sicher glauben die meisten tatsächlich an die Verschwörungsmythen, die sie verbreiten. Sie gehen die Sache mit einer gewissen Naivität an, auch was ihren Imageschaden betrifft.

hessenschau.de: Eine solche Naivität unterstellen interessanterweise die Verschwörungstheoretiker der großen Masse, die widerspruchslos der Regierung hinterher tapse, sich unterjochen und jeglicher Grundrechte berauben lasse.

Holm Gero Hümmler: Die Behauptung ist einer der Grundsätze der Verschwörungstheoretiker: Ihr glaubt alles, wir wenigen wissen aber Bescheid. Wer dann nach Belegen für ihre Behauptungen fragt, bekommt zur Antwort: Dass es keine Beweise gibt, beweist erst recht, wie mächtig die Verschwörung ist.

Holm Gero Hümmler, Buchautor und Forscher über Verschwörungsmythen

hessenschau.de: Dagegen lässt sich schwer argumentieren. Das ist das Perfide daran.

Holm Gero Hümmler: Man kann nicht erwarten, jemanden überzeugen zu können, der seit langem an solche Zusammenhänge glaubt. Dazu wäre einfach ihre oder seine persönliche Fallhöhe zu groß. Dabei gilt, grob vereinfacht, die Regel: je älter, desto verbohrter. Ich habe dazu Menschen befragt - die einzigen, die sich von einem Irrglauben, ob Verschwörungsmythen oder in Sekten, wieder abwandten, waren alle unter 40.

hessenschau.de: Also das einfach unwidersprochen stehen lassen?

Holm Gero Hümmler: Auf keinen Fall! Man muss klarstellen, dass es Widerspruch gibt - nicht unbedingt für die Verschwörungstheoretiker, aber für die, die mithören oder mitlesen, egal ob an Omas Kaffeetisch oder auf Twitter und Facebook. Es darf nicht der Eindruck entstehen, es gebe keine Gegenargumente.

Zitat
„Man sollte immer sachlich bleiben.“ Zitat von Holm Gero Hümmler
Zitat Ende

Dabei sollte man sachlich bleiben und nicht, wie in vielen Twitter-Threads nachzulesen ist, beleidigen. Beleidige ich jemanden, hat der doch keine Lust, sich mit mir auseinanderzusetzen. Wenn ich zum Beispiel auf Faktenchecker-Seiten verweise und sachlich Informationen anbiete, die die kruden Konstrukte auseinandernehmen, erreiche ich womöglich diejenigen, die beginnen, die Widersprüche der Verschwörungstheoretiker wahrzunehmen, oder sich an ihren Gewaltfantasien stoßen.

hessenschau.de: Bei vielen ist es einfach eine Sache des Glaubens, wie bei Anhängern einer Religion. Haben rationale Argumente überhaupt eine Chance?

Holm Gero Hümmler: Daher spreche ich auch von Verschwörungsmythen, nicht -theorien. Darin klingt das Religiöse an.

hessenschau.de: Warum verfangen diese Mythen überhaupt bei einigen Leuten?

Holm Gero Hümmler: Psychologen nennen dafür keinen singulären Grund. Menschen sind für ihr Überleben darauf angewiesen, schnell Muster zu erkennen. Und lieber erkennen sie eines zu viel als zu wenig. Wer im Dunkeln zwei helle Punkte auf sich zukommen sieht, springt lieber zur Seite, weil er denkt, es ist ein Auto, auch wenn es vielleicht nur zwei Spaziergänger mit Taschenlampen sind.

Zitat
„Menschen sind darauf angewiesen, Muster zu erkennen.“ Zitat von Holm Gero Hümmler
Zitat Ende

Dann spielt sicher eine Rolle, dass manche den Mächtigen so sehr misstrauen - was ja eigentlich eine gute Einstellung ist -, dass sie ihnen alles Schlechte zutrauen. Dann haben wir ein Riesenproblem damit, an Zufälle zu glauben. Wir wollen für alles einen Grund erkennen.

hessenschau.de: Ein Erbe der Aufklärung?

Holm Gero Hümmler: Nein, das gab es auch vorher schon. Schließlich hat vermutlich schon jede und jeder von uns bemerkt, wie furchtbar komplex unsere Welt und unsere Gesellschaft sind. Es gibt so viele Dinge, die wir nicht verstehen. Daher versuchen wir alle, die Komplexität zu reduzieren - manche übertreiben es dabei.

hessenschau.de: Hedwig Richter, Historikerin an der Bundeswehr-Universität München, meint, dass vor allem Männer nicht damit umgehen können, dass sie manches nicht verstehen, und daher Verschwörungstheorien eher zuneigen.

Holm Gero Hümmler: Der Psychologe und Journalist Sebastian Bartoschek kam in einer Studie zum Ergebnis, dass eher Frauen dafür anfällig sind. Das mag auch an der Auswahl der Befragten liegen. Frauen neigen wohl eher den pharma-kritischen, vermeintlich naturzugewandten Ansichten zu. Männer tendieren zu gewaltbefürwortenden, fremdenfeindlichen Ansätzen.

In den Bewegungen gegen eine angebliche Corona-Verschwörung geht es autoritär und patriarchalisch zu. Im Vordergrund steht immer ein Mann, so wie Bodo Schiffmann bei "Widerstand 2020".

hessenschau.de: Woher rührt eigentlich die Nähe von Verschwörungstheoretikern zur rechtsextremen und Reichsbürgerszene?

Holm Gero Hümmler: Das passt doch genau: Die sogenannten Reichsbürger sehen den Staat eh als bösen Unterdrücker. Und die Rechten halten sich selbst für die einzige, wahre Opposition.

Zitat
„Mich beunruhigen die Anhänger der "QAnon"-Thesen - wie der Hanau-Attentäter.“ Zitat von Holm Gero Hümmler
Zitat Ende

hessenschau.de: Halten Sie die Anhänger von Ken Jebsen und Bodo Schiffmann für gefährlich?

Holm Gero Hümmler: Mich beunruhigen die Anhänger der Thesen von "QAnon", der vermeintlichen Quelle von Enthüllungen über den "tiefen Staat" (von Verschwörern unterwanderten Staat, d. Red.) aus dem Umfeld von US-Präsident Trump. "QAnon" postet in den Imageboards "4chan" und "8chan" und war unter anderem eine Inspirationsquelle für den Hanau-Attentäter Tobias R.

hessenschau.de: Reden wir nicht dennoch über ein Phänomen im Internet und den Sozialen Medien?

Holm Gero Hümmler: Ich denke, es geht schon darüber hinaus - siehe Hanau, siehe die Demos von "Widerstand 2020", siehe Flugblätter, die neulich zum Beispiel in Wetzlar verteilt wurden im Namen eines "Demokratischen Widerstands". Außerdem: Ein großer Teil der Bevölkerung bewegt sich im Internet, sucht dort nach Informationen. Darunter sind viele Menschen, die nicht zwingend medienkompetent sind.

hessenschau.de: Manche fordern ja Medienkompetenz als Inhalt im Schulunterricht.

Holm Gero Hümmler: Eigentlich sollte dafür ein ordentlicher Geschichtsunterricht reichen. Darin wird doch gelehrt, wie man Texte einzuordnen und zu verstehen hat. Es mag sein, dass junge Leute viel Blödsinn im Netz teilen - aber junge Leute machen überhaupt viel Blödsinn. Durch ihre reichliche Mediennutzung können sie die Dinge schon deuten, denke ich.

Zitat
„Die jungen Leute sind hier nicht so das Problem - eher die alten.“ Zitat von Holm Gero Hümmler
Zitat Ende

Die jungen Leute sind nicht das Problem, sondern eher die Alten, die vielleicht überhaupt nicht mehr vorhatten, sich mit so etwas wie dem Internet zu beschäftigen und es nun während der sozialen Isolierung eben doch taten.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Verschwörungstheorien und Corona im Bundestag

Frau bei einer Demonstration mit Maske mit Aufschrift "Wahrheitssuche - Corona-Lüge - informiert euch"
Ende des Audiobeitrags

hessenschau.de: Also was tun?

Holm Gero Hümmler: Sollen ältere Menschen Medienkompetenz-Workshops in der Volkshochschule besuchen oder beim Roten Kreuz? Nein, ich denke, man muss sie dort zu erreichen versuchen, wo das Problem aufkommt: im Netz.

Das Gespräch führte Stephan Loichinger.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 13.05.2020, 16.45 Uhr