Forscht an einem Impfstoff gegen das Coronavirus: Cornelius Rohde vom Institut für Virologie in Marburg

Wann kommt ein Gegenmittel für Corona? Weltweit sind über einhundert Impfstoffprojekte im Rennen. Hessen ist vorne mit dabei. In Frankfurt und Marburg gehen Wissenschaftler vielversprechende Wege.

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Forscher in einem Corona-Labor
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Cornelius Rohde kennt keinen Lockdown und kein Homeoffice. Seit März hat er im Labor durchgearbeitet. Gerade mischt der Forscher am Marburger Institut für Virologie für eine Versuchsreihe verschiedene Flüssigkeiten zusammen. Er will wissen, wie Körper-Zellen unter dem Mikroskop reagieren. Das Serum enthält die Antikörper von Menschen, die die Corona-Krankheit Covid-19 überstanden haben. In der anderen Flüssigkeit sind die Zellen. Damit er weiß, wie wirksam diese Antikörper sind, wird es gleich noch das gefährliche SARS-Cov-2-Virus dazugeben.

Wenn die Zellen sich nach mehreren Tagen unter dem Mikroskop zu Kügelchen rollen hat das Virus sie angesteckt. Bleiben die Zellen unverändert, konnte es blockiert werden.

Der Trick: Den Körper anregen, Antikörper herzustellen

"Antikörper sind die Wunderwerke in unserem Körper", sagt Rohde. Mit ihnen kann er sich gegen das Virus selbst wehren. Weil der Organismus aber zu langsam sein kann, um unbekannte und gefährliche Eindringlinge erfolgreich zu attackieren, kommen Impfstoffe ins Spiel. "Die helfen unserem Körper, sich auf eine Invasion fremder Viren vorzubereiten. Der Impfstoff baut Antikörper auf, der das Virus im Idealfall komplett stoppt", erklärt Forscher Rohde.

Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern in Marburg, München und Hamburg arbeitet er an einem Gegenmittel für Corona. Doch das kostet Zeit. Zeit, die die Wissenschaft unbedingt braucht, sagt er. "Wir wollen doch, dass der Impfstoff auch am Menschen wirkt und sicher ist. Auch ich selbst will dem Vertrauen können."

Forscher Rohde untersucht in Marburg derzeit vor allem die Wirkung eines Impfstoffkandidaten: Er wurde aus unschädlich gemachten Pockenviren zusammengesetzt. Diese Viren wurden genetisch so verändert, dass sie die Zellen in unserem Körper anregen, Antikörper gegen das Corona-Virus herzustellen. Dadurch kann sich das Immunsystem auf einen tatsächlichen Angriff des Corona-Virus vorbereiten. Die Wirkung testet Rohde vor allem an Mäusen. Die besucht er fast jeden Tag in dem Sicherheitslabor. Dem Labor, in dem die gefährlichsten Viren der Welt lagern, jetzt auch Corona. Das BSL4-Labor. Gesichert wie Fort Knox.

Mäuse eignen sich für die Testreihen am besten

Nur mit einem gelben Anzug, der ständig mit frischer Luft gefüllt wird, kann er dieses Sicherheitslabor betreten. Er muss durch mehrere Stahlschleusen und sieht dabei ein bisschen aus wie ein Astronaut. In diesem Anzug darf der Wissenschaftler nur drei bis vier Stunden arbeiten. "Wir haben in dem Anzug einen dauernden Überdruck. Das bedeutet, dass gar nichts eindringen kann."

Für diese Experimente seien Mäuse am idealsten, sagt Rohde. "Mäuse werden geimpft und anschließend infiziert. Und man schaut eben, ob der Impfstoff die Mäuse schützt vor dem Virus und ob es ihnen besser geht durch den Impfstoff." Zugesetzt werden den Mäusen unterschiedliche Dosierungen. Bis klar wird, in welcher Dosis der Impfstoff am besten anschlägt, müssen vier Tage vergehen.

Die Forscher in Marburg haben ihre Impfstoffplattform also gefunden. "Aber jetzt fängt die Arbeit erst richtig an", sagt Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie an der Marburger Uniklinik. Er hofft, dass die abgeschwächten Pockenviren bald die Retter in der Corona-Krise werden. Doch dafür muss der Impfstoff auch beim Menschen erfolgreich sein.

"Wir wissen noch nicht, ob er in den Menschen erstens Mal sicher ist - also ob es da Probleme oder Nebenwirkungen gibt, die wir nicht erwarten. Und wir wissen nicht, ob die Immunantwort, die der Mensch macht, ob die wirklich dann so ist, dass wir hoffen können, dass der Impfstoff schützt gegen die Erkrankung (Covid-19). Und deswegen sind wir alle gespannt, wie das wird", erklärt Virologe Becker.

Wirken bestehende Medikamente gegen das Virus?

Ortswechsel: Frankfurter Uniklinik. Auch die Virologin Sandra Ciesek versucht, das Virus zu stoppen. Aber sie geht einen anderen Weg. Sie prüft Tausende Substanzen und Heilmittel darauf, ob sie nicht vielleicht auch gegen das gefährliche Coronavirus einsetzbar wären.

Diese Substanzen werden also zusammen mit dem Virus auf Zellen gegeben. Dann schaut man, ob das Virus die Zellen infiziert oder ob die Substanz das Virus stoppt. Das Ergebnis ist nach etwa zwei Tagen zu sehen. "Im ersten Screen, den wir gemacht haben mit fast 5.000 Substanzen, da haben wir schon einige Hits gefunden", sagt die Wissenschaftlerin. Mit Hits sind hier Treffer gemeint, die sich lohnen, weiter erforscht zu werden.

Mehrere Heilmittel haben nach Cieseks Angaben auch schon gut angeschlagen, das Virus sogar zerstört. Zumindest im Labor. Meist sind es Substanzen, die dafür sorgen, dass sich das Virus nicht weiter vermehren kann. Offenbar wirksam gegen das Corona-Virus sind bislang unter anderem das Ebola-Mittel Remdesevir und das krampflösende Potenzmittel Papaverin. Namen, die kaum jemand kennt. Vielleicht aber die Medizin-Stars von morgen sind! Das hofft die Virologin. Doch so weit ist es noch längst nicht.

Zur Ungeduld vieler in der Corona-Krise sagt sie, man müsse sehr besonnen bleiben. "Denn wir arbeiten alle so schnell, wie wir können, aber gerade bei der Medikamentenentwicklung gibt es auch einige Nebenwirkungen. Und dann darf man einfach keine Kompromisse eingehen." Es sei wichtig, dass alle Studien auch wirklich kontrolliert verlaufen, dass alle Phasen der klinischen Entwicklung korrekt ausgeführt werden. Nur so könne niemand gefährdet werden.

"Es braucht viele Forscher und mehrere Impfstoffe"

Der Wettlauf nach dem Impfstoff gegen das Coronavirus hat längst national und international an Fahrt aufgenommen. Die Pharmafirmen CureVac aus Tübingen und die Mainzer BioNtec sind offenbar schon weiter und dürfen bereits Tests an Menschen machen. Anders als in Marburg nehmen sie keine toten oder schwachen Viren als Grundlage. Deren Impfstoffe beruhen auf einem komplett künstlich hergestellten Gentechnik-Produkt.

Das Rennen macht den Marburger Forscher aber nicht nervös. "Die neueren Ansätze von BioNtec und CureVac sind sicherlich absolut sinnvoll. Es braucht viele Forscher und mehrere Impfstoffe, um den riesigen Bedarf auf der ganzen Welt decken zu können", sagt Virologe Becker.

Der Impfstoff aus Marburg könnte möglicherweise im kommenden Sommer nutzbar sein. Wenn er alle drei vorgeschriebene Phasen einer klinischen Studie - mit am Ende tausenden menschlichen Probanden - erfolgreich übersteht. Im ostdeutschen Dessau wird der Marburger Impfstoff von der Firma IDT Biologika bereits produziert - quasi auf Vorrat, um ihn ab September für erste Tests an Menschen einsetzen zu können.

Doch selbst wenn der Impfstoff irgendwann einmal seine behördliche Zulassung hat, wird das Virus in Zukunft wohl unser ständiger Begleiter bleiben. "Das Virus wird wohl nicht mehr verschwinden", sagt Virologe Becker. Es habe sich in den letzten Monaten weltweit so stark ausgebreitet, dass er immer wieder irgendwo auf dem Globus ausbrechen könne. Und es werde sich verändern, wie viele Viren. Gegen SARS-Cov-2 werde es aber bald einen Impfstoff geben, gibt sich Becker zuversichtlich. Die Forscher arbeiten unter Druck.

Sendung: hr-fernsehen, hessen extra, Corona-Impfstoff - Forscher unter Druck, 6.7.2020, 20.15 Uhr.