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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Große Gefühle zeigen Liebesbriefe erst im 20. Jahrhundert

Die Bilder zeigen Briefe des analogen Liebesbriefarchivs an der Universität Koblenz-Landau.

Es ist ein ganz besonderer Schatz, den die TU Darmstadt auswertet: 20.000 Liebesbriefe aus drei Jahrhunderten. Sie zeigen, wie sich das Sprechen über Liebe verändert hat.

Mehr Liebesbriefe als Andrea Rapp hat womöglich noch niemand gelesen. Und ein paar Tausende hat sie noch vor sich. Die Sprachwissenschaftlerin der TU Darmstadt arbeitet an einem digitalen Liebesbrief-Archiv. 20.000 Liebesbriefe umfasst es. Der älteste Brief ist aus dem Jahr 1715, der neueste aus dem Jahr 2017.

Besonders fasziniert ist die Wissenschaftlerin von "Kopfkissenzetteln", kurze Notizen, die sich Paare früher schrieben, manche in Gedichtform und so kreativ, wie es kein Dichter hätte schöner formulieren können, wie Rapp sagt. Wie etwa dieser Vers: "Von mir war nur ein Socken hier, also nahm ich zwei von dir."

Andrea  Rapp ist Professorin am Institut für Sprach-und Literaturwissenschaft an der TU Darmstadt

Das digitale Liebesbrief-Archiv ist ein Projekt zwischen mehreren Universitäten. Rapp arbeitet dabei mit der Uni Koblenz zusammen, die schon seit den 90-er Jahren Menschen dazu aufruft, ihnen Liebesbriefe zukommen zu lassen. Zwei Drittel der Briefe stammen aus Deutschland, ein Drittel aus der Schweiz.

Die Restlichen kommen unter anderem aus Großbritannien, Polen, Russland, den USA, Italien, dem Nahen Osten und aus Südamerika. Besonders viele Briefe stammen aus dem Zweiten Weltkrieg und aus den 90-er Jahren, weil die Mails, "dem Brief zu einem Boom verholfen haben", erklärt die Wissenschaftlerin.

Liebesbriefe aus allen Milieus

Für die Sprachwissenschaftlerin Rapp ist das digitale Liebesbrief-Archiv ein Herzensprojekt. Normalerweise ist es für Sprachwissenschaftler wahnsinnig schwer "an authentische Alltagssprache zu kommen." Besonders im Gedächtnis geblieben sind ihr Briefe von älteren Ehepaaren, die sich einander bedanken, "wo das Gefühl ganz echt ist und man es nachempfinden kann."

Den klassischen Liebesbrief gibt es laut Rapp nicht. Die Wissenschaftlerin unterteilt die Briefe in verschiedene Gattungen: Tagebuchbriefe, Plauderbriefe, Liebeserklärungen, Abschiedsbriefe, Dankesbriefe sowie Liebesbriefe zum Jahrestag und Geburtstag. Die 20.000 Liebesbriefe, die den Forscherinnen und Forschern vorliegen, seien von Menschen aus allen Milieus geschrieben worden. Von hoch gebildeten Akademikerpaaren bis bin zu Paaren, bei denen man merkt, "dass sie nicht oft schreiben, ganz schlicht und ungeübt, aber bemüht."

Die Bilder zeigen Briefe des analogen Liebesbriefarchivs an der Universität Koblenz-Landau.

Erste Forschungsergebnisse zeigten, dass Liebesbriefe in den vergangenen Jahrhunderten ein "überwiegend männliches Genre waren, um die Zukünftige anzuwerben", wie Rapp es ausdrückt. In dem Fundus gebe es aber auch etliche Liebesbriefe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren.

Früher wurden Gefühle eher umschrieben

Die Phrase "Ich liebe dich" hingegen taucht erst im 20. Jahrhundert auf. Vorher seien Gefühle eher umschrieben worden. Anders als heute sei früher viel formeller miteinander kommuniziert worden. Da stand in einem Brief auch schon mal: "Grüßen Sie auch ihre verehrten Eltern und ihren Freund der Schwester".

Derzeit digitalisieren die Mitarbeiter der Unibibliothek Darmstadt die Briefe. Eingescannt sind sie schon, auch Metadaten sind schon erfasst worden, wie etwa der Wohnort, Datum, Absender. Die größte Arbeit dürfte aber das Abtippen der Briefe. "Da liegen wir erst bei 10 Prozent", sagt Rapp. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Archiv soll öffentlich zugänglich sein

Das Besondere an dem digitalen Archiv: Die Liebesbriefe sollen nicht nur der Wissenschaft und Forschung dienen, sondern einmal allen verfügbar sein. Dann kann sich vielleicht auch der ein oder die andere von den Briefen inspirieren lassen. Auf der Instagram-Seite der hessenschau haben uns einige Nutzer und Nutzerinnen schon ihre Erfahrungen mit Liebesbriefe zugesandt.


Sendung: hr1, 22.03.2021, 9-12 Uhr

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4 Kommentare

  • Sehr spannende Arbeit einer wirklich ganz wunderbaren Professorin, die ich damals noch im Studium hatte. Ich hoffe, sie veröffentlicht auch noch ein Buch zum Thema "Liebesbrief" und ihrer Forschungsarbeit, tolles Thema!

  • Nein, auf keinen Fall! Wer schreibt, der bleibt... bin zu Schulzeiten von einem Mädel mit einem vorsichtigen schriftlichen "Anwerbeversuch" übel lächerlich gemacht worden. Seitdem gibt's Ansagen unter vier Augen, sonst nix, auch nicht elektronisch.

  • Auch ich gehöre zur älteren Generation, die noch mit feinem Briefpapier, Füller und der schönsten Handschrift gearbeitet hat, um die lyrischen Ergüsse an den Mann zu bringen. Heute kommunizieren die jungen Leute per Whats App mit unromatischen Wortkürzel und albernen Emojis. Aber wenn ich in der S-Bahn verstohlen auf die Smartphones schiele und die verklärten Gesichter der Teenies mit dem versonnenen Lächeln sehe, weiß ich, dass deren Gefühle genauso echt und tief sind wie bei mir damals. Nur die Form hat sich eben gewandelt.

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