Auf dem Römerberg stehen Buden und ein Kettenkarussel. Dort findet ein Teil der Kirmes "Herbst in der Stadt" statt.

Seit Freitag geht Frankfurt mit schärferen Regeln gegen die rasante Ausbreitung des Coronavirus vor. Gut, sagt Virologe Martin Stürmer - aber zu spät. Was verwundert: Am herbstlichen Kirmesspaß hält die Stadt trotz Corona-Warnstufe rot fest.

Videobeitrag

Video

zum Video Corona - Schärfere Regeln in Frankfurt

hs091020
Ende des Videobeitrags

Ein Blick auf die Zeil in Frankfurt am Freitagvormittag zeigt: Dass hier nun eine Maskenpflicht im Freien herrscht, ist bei vielen noch nicht angekommen. Wie auch, könnte man sich fragen – denn Schilder, die darauf hinweisen, sind keine zu entdecken. Dennoch müssen die Menschen seit acht Uhr morgens hier und auf mehr als einem Dutzend weiterer belebter Straßen in der Stadt Mund und Nase bedecken. Auf der Zeil und an zahlreichen anderen beliebten Treffpunkten gilt außerdem ein ganztägiges Alkoholverbot.

Die Karte zeigt die Bereiche, wo Alkoholverbot und Maskenpflichtab 9.10.2020 gelten.

Ausgenommen von diesen Corona-Schutzmaßnahmen ist allerdings ein großer Platz mitten in der Innenstadt: der Römerberg. Dort hat Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) persönlich am Freitagmittag die Kirmes "Herbst in der Stadt" eröffnet - mit einem Tag Verspätung und einem überarbeitetem Hygienekonzept. Vier Wochen lang sollen die Buden und Fahrgeschäfte hier und auf fünf anderen Plätzen Rummelplatz-Spaß bieten.

Kirmeseröffnung stößt auf Unverständnis

Alkoholverbote, eine Sperrstunde in der Gastronomie, maximal 25 Gäste bei privaten Feiern im öffentlichen Bereich – mit diesen Regeln will Frankfurt die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen. Mit 55,9 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen liegt die Stadt auch am Freitag in der roten Warnstufe des Eskalationskonzepts des Landes und hessenweit auf Platz 2 hinter Offenbach.

Die Entscheidung, zeitgleich trotzdem eine Kirmes zu eröffnen, löst bei vielen hessenschau.de-Nutzern Unmut aus. Sylvia Hilger-Sio schreibt uns: "Ich persönlich finde es absolut unverständlich, unverantwortlich und inakzeptabel, dass Herr Feldmann nichts Besseres zu tun hat, als in dieser schwierigen Situation eine Kirmes zu eröffnen." Auch Nutzer Michael Müller kritisiert die "Frankfurter Widersprüche", wie er es nennt: "Maske bei Wind und Regen auf offenen Straßen und Kirmes mit Menschengruppen zur Volksbelustigung."

Genau darin liegt für Virologe Martin Stürmer das Problem solcher Entscheidungen, selbst wenn die Hygienekonzepte oft gut durchdacht seien. "Da sind wir wieder bei dem Punkt Signalwirkung: Auf der einen Seite verbietet man vieles, auf der anderen Seite erlaubt man im Übermaß." Für die Menschen sei das oft schwer nachvollziehbar, kritisiert er, ähnlich wie bei Entscheidung, Zuschauer bei Bundesligaspielen zuzulassen.

Stürmer: Maßnahmen gut, aber zu spät

Aus infektiologischer Sicht hat der Virologe gegen Veranstaltungen wie die Kirmes generell nichts einzuwenden – vorausgesetzt, das Hygienekonzept stimmt. Auch die anderen Maßnahmen, die Frankfurt und auch Offenbach ergriffen haben, findet er prinzipiell richtig. Über die Maskenpflicht an der frischen Luft auf den Frankfurter Einkaufsstraßen könne man sich allerdings streiten. "Meist ist der Kontakt im Vorbeigehen ja auch nur relativ kurz", erklärt Stürmer.

Voting

Alkoholverbot und Maskenpflicht: Was halten Sie von den verschärften Corona-Regeln in Frankfurt?

Kritik übt er vor allem am Timing der Stadt Frankfurt: "Die Maßnahmen sind gut, aber sie kommen mir zu spät. Wir haben das Geschehen schon länger gesehen." Am Dienstag seien die Regeln beschlossen worden, umgesetzt würden sie aber erst ab Freitag. "Da haben wir noch einmal drei Tage verloren." Man dürfe nicht vergessen, dass das Infektionsgeschehen, das sich in den Zahlen widerspiegelt, schon gut eineinhalb bis zwei Wochen zurückliege. Das heißt: Bis infizierte Personen getestet sind und in der Statistik auftauchen, vergeht viel Zeit. Die Zahlen hinken deswegen hinterher.

Aus diesem Grund hält der Experte auch den Zeitraum, in dem die verschärften Regeln vorerst gelten, für zu kurz. "Die Effektivität der Maßnahmen sieht man in einer Woche definitiv nicht. Wenn die Zahlen fallen, dann liegt das an Maßnahmen, die vorher getroffen wurden."

Lage "alarmierend"

Nicht nur auf Frankfurt und Offenbach blickt Stürmer mit Sorge, für ihn ist die Lage insgesamt alarmierend. "Wenn Sie sich die Karte vom Robert-Koch-Institut anschauen, sehen Sie kaum noch weiße Flecken. Das Infektionsgeschehen ist in der Breite angekommen." Zwar gebe es regionale Unterschiede, doch die Neuinfektionen seien nicht mehr auf einzelne Hotspots zurückzuführen.

Das Argument, es gebe aktuell kaum neue Todesfälle und eine geringe Auslastung der Intensivstationen, lässt der Virologe nicht gelten. Wenn sich mehr junge Menschen infizierten, steige auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Fälle in Alters- und Pflegeheimen zunähmen. "Dann ist damit zu rechnen, dass die Intensivstationen wieder voller werden und wieder mehr Menschen sterben werden."

Noch habe man die Chance, das Ganze einigermaßen glimpflich wieder einzufangen, sagt Stürmer: "Wenn sich jeder an die Regeln hält und sich hinterfragt, ob er zum Beispiel wirklich auf diese Feier gehen muss." Denn gerade private Feiern waren es zuletzt, die laut RKI zur Zunahme der Neuinfektionen beigetragen haben.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 09.10.2020, 16.45 Uhr