Lange Schlangen am Frankfurter Ausländeramt
Lange Schlangen am Frankfurter Ausländeramt Bild © hr

Stundenlanges Anstehen, telefonisch nicht erreichbar, Termine erst nach Monaten: Die Kritik an der Frankfurter Ausländerbehörde reißt nicht ab. Die Behörde gesteht ein, dass sie personell am Limit ist. Für Ausländer kann das dramatische Folgen haben.

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zum hr-fernsehen.de Video Nächtelanges Schlangestehen vor der Ausländerbehörde – Der lange Weg zur Aufenthaltserlaubnis

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Mittwochmorgen 5 Uhr, Null Grad, es ist eiskalt. Im Erdgeschoss der Frankfurter Ausländerbehörde dösen Menschen, liegen auf den Wartebänken und nutzen einen Schlafsack als Kopfkissen. Die Schalter sind noch nicht besetzt. Ein Security-Mitarbeiter in gelber Warnweste verteilt Wartemarken.

Osman aus Indien sieht müde aus. Der gelernte IT-Ingenieur ist seit Mitternacht da, da war er schon der Zehnte. Der erste sei um 20 Uhr gekommen, sagt er - über zwölf Stunden vor der Öffnung des Amtes. Osman muss dringend seine Aufenthaltserlaubnis verlängern, weil sie an dem Tag abläuft. Schon drei Mal ist er hier gewesen, immer ohne Erfolg. "Jetzt haben sie gesagt, ich solle im März wieder kommen, aber ich brauche meine Aufenthaltserlaubnis jetzt, damit ich meine Ausbildung beginnen kann", erklärt er.

Um 7.30 Uhr öffnet das Amt. Da warten schon über 100 Menschen. Ein Security Mitarbeiter fixiert ein rot-weißes Absperrband vor rund 20 Menschen. Für sie reichen heute die Wartenmarken nicht mehr.

Wer keinen Termin hat, hofft auf eine Wartemarke

Anstehen bei der Behörde müssen alle, die keinen rechtzeitigen Termin erhalten. Wer ansteht, erhält eine Wartemarke. Wie viele Wartemarken die Behörde jeden Tag ausgibt, das ist allerdings unklar. Johannes ist für seine schwangere Freundin aus der Ukraine schon um 3 Uhr zur Ausländerbehörde gekommen. Er versteht nicht, dass es keine Online-Terminvergabe gibt wie beim Bürgeramt "und man hier auf gut Glück rumsteht".

Auch Start-Up-Gründer Dennis Schmoltzi aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel kennt die Probleme der Behörde. Er hat 200 Mitarbeiter aus 30 Nationen, viele von ihnen hatten mit dem Amt bereits Probleme, erhielten keinen rechtzeitigen Termin oder mussten nächtelang anstehen. Eine seiner Mitarbeiterinnen hat die Behörde selbst nach 200 Anrufen nicht erreicht.

Mit dem Campingstuhl zur Aufenthaltserlaubnis

Eine seiner Mitarbeiterinnen ist Sankami aus Indien. Sie hat in Deutschland studiert und arbeitet seit April 2018 in dem Start-Up als Produktentwicklerin. Weil ihr Arbeitsvisum im Oktober 2018 ablief, beantragte sie bei der Ausländerbehörde eine "Blaue Karte"- eine Aufenthaltserlaubnis für qualifizierte Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten. Bereits im Frühjahr 2018 kümmerte sie sich um einen Termin, das Amt bot ihr aber erst für Dezember 2018 einen Termin an. Viel zu spät, denn ihr Visum lief im Herbst 2018 aus. Deshalb blieb auch ihr nichts anderes übrig, als sich im Oktober 2018 ab 20 Uhr abends anzustellen.

"Zum Glück hatte ich einen Campingstuhl dabei, deswegen konnte ich die ganze Zeit sitzen." Ausgestattet mit einem Buch und einer warmen Decke überbrückte sie die Nacht. 12,5 Stunden später, um 8.30 Uhr wurde sie dann zu einer Sachbearbeiterin vorgelassen- und erhielt ihren Aufenthaltstitel.

Behörde personell am Limit

Die Stadt Frankfurt will dem hr zur Problematik kein Interview geben. Ein Sprecher des Ordnungsamtes teilt in einer schriftlichen Stellungnahme mit, dass sich die Behörde - auch durch Krankheitsfälle - personell am Limit befinde. Nicht alle Stellen könnten besetzt werden, weil das Ausländerrecht sehr komplex sei und sich Bewerber zwei Mal überlegten, ob sie sich der anspruchsvollen Tätigkeit stellen wollten.

Und weiter heißt es: "Die Stadt Frankfurt wächst stetig und damit auch die Zahl derer, die auch aus dem Ausland hierher ziehen. (...) Leider konnte die Ausländerbehörde, wie viele andere Stellen bei der Stadtverwaltung, nicht in gleichem Maße mitwachsen.

Weil viele seiner Mitarbeiter immer wieder Probleme mit der Behörde haben, hatte Start-Up-Gründer Schmoltzi sogar im Oktober 2018 Kontakt zu Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) aufgenommen. Feldmann habe ihm geantwortet, die Situation prüfen zu lassen. "Ich weiß nicht wie lange Herr Feldmann noch prüfen will, langsam muss man mit einer Problemlösung anfangen", ärgert sich Schmoltzi.

Uni Frankfurt fordert Außenstelle

Die Uni Frankfurt, an der rund 7.500 internationale Studierenden eingeschrieben sind, fordert wegen der schleppenden Terminvergabe seit Jahren eine Außenstelle der Ausländerbehörde an der Uni. "Das haben wir im direkten Austausch mit der Stadt immer wieder betont", heißt es in einer Stellungnahme der Universität.

Rebekka Göhring leitet das Internaitonal Office der Uni und betreut internationale Studierende. Sie kennt viele Fälle von Betroffenen, die besonders dann existentielle Ängste bekämen, wenn sie von der Ausreise bedroht seien und die Abschlussarbeit bevor stehe. Da entstünden häufig Situationen, die auch "persönlich sehr erschütternd" seien, sagt sie.

Osman aus Indien hat an diesem Tag übrigens Glück gehabt und eine Sachbearbeiterin sprechen können. Doch sie verlängerte seine Aufenthaltserlaubnis nicht. Osman erhielt nur eine "Übergangsbescheinigung". Die Sachbearbeiterin sagte ihm, er solle im August wieder kommen. Osman fürchtet, dass er seine Ausbildung jetzt nicht antreten kann "Was soll ich machen bis dahin? Zuhause bleiben und schlafen?"