Der Frankfurter Polizeipräsident Bereswill hat sich bei Derege Wevelsiep entschuldigt. Der Deutsche mit äthiopischen Wurzeln war vor acht Jahren von einem Polizisten beleidigt und möglicherweise auch geschlagen worden.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wevelsiep freut sich über Gespräch mit Polizeipräsidenten

Derege Wevelsiep im Jahr 2020
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Es muss ein gutes Gespräch gewesen sein, das Derege Wevelsiep kürzlich mit Frankfurts Polizeipräsidenten Gerhard Bereswill und dessen Sprecher Alexander Kießling geführt hat. Wevelsiep äußert sich hr-Gespräch begeistert über die beiden: "Das war echt fantastisch. Das hatte ich so nicht erwartet." Bereswill und Kießling seien tolle Menschen, das Gespräch habe seine Sicht auf die Polizei verändert.

Wevelsieps Vertrauen in die deutsche Polizei war vor acht Jahren am Null-Punkt angelangt. Damals wurde er bei einem Polizeieinsatz beleidigt und verletzt. Er lag anschließend mit Prellungen, Platzwunde und Gehirnerschütterung drei Tage im Krankenhaus. Am Ende wurde ein Polizist wegen Beleidigung ("Du Dummschwätzer") zu einer Geldstrafe verurteilt. Die mutmaßliche Körperverletzung wurde nicht geahndet, weil sie aus Sicht des Gerichts nicht zweifelsfrei zu beweisen war.

Keinerlei Belege für Polizei-Version

Wevelsiep sagt bis heute, ein Polizist habe ihn mit Schlägen traktiert. Der Polizist behauptete vor Gericht, Wevelsiep habe sich beim Einsteigen ins Polizeiauto verletzt. Er sei mit dem Kopf gegen die Dachkante gestoßen. Allerdings gab es auch für diese Version keinerlei Belege. Die beteiligten Polizisten fielen vor Gericht damals durch Erinnerungslücken, widersprüchliche Aussagen und abseitige Formulierungen auf. So bezeichnete ein Beamter den dunkelhäutigen Wevelsiep als "Minderheitsperson".

Obwohl die Richterin ihre Zweifel an der Polizei-Version im Urteil deutlich durchscheinen ließ, verzichtete Wevelsiep auf weitere rechtliche Schritte. Nach vier Jahren hatte er genug vom Rechtsstreit. Als Ingenieur bei Siemens war er damals beruflich stark gefordert, außerdem hatte er Kinder im Kleinkind-Alter. Von Polizei und Justiz war er tief enttäuscht.

Überraschende Entschuldigung nach acht Jahren

Umso erfreulicher findet er nun die Wendung nach acht Jahren: Frankfurts Polizeichef, sagt er, habe sich bei ihm entschuldigt. Bereswill möchte sich dazu auf hr-Anfrage nicht äußern. Dafür gibt sein Sprecher Kießling Auskunft. Demnach hat Bereswill gesagt, "dass es ihm sehr leid tue, dass Herr Wevelsiep das Vertrauen in die Polizei verloren hat und sich die Situation für ihn so dargestellt und er dies so erlebt hat." Wenn Herr Wevelsiep das als Entschuldigung verstehe, dann sei das in Ordnung.

Ganz von allein ist Bereswill allerdings wohl nicht auf die versöhnliche Geste gekommen. Denn vor wenigen Wochen hatte sich die Frankfurter Polizei noch völlig anders zum Fall Wevelsiep geäußert. Auf hr-Anfrage erklärte ein Sprecher im Juni, Wevelsiep habe "den Anlass für den Polizeieinsatz selbst gesetzt und sich dann auch nicht vorbildlich verhalten". Außerdem habe der Fall nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun.

Polizeipräsident fährt auf die Schwäbische Alb

Als sie das auf hessenschau.de lasen, schalteten sich Wevelsieps Adoptiveltern ein. Mit dieser Aussage, fanden sie, schiebe die Polizei ihrem Sohn die Schuld in die Schuhe. Das sei Unsinn und widerspreche auch dem Gerichtsurteil von 2016. Deshalb forderten sie die Polizei auf, die Sache richtigzustellen. Ansonsten würden sie die Polizei wegen Verleumdung anzeigen.

Bereswill reagierte prompt. Er fuhr im Juli mit seinem Sprecher Kießling zu Wevelsieps Eltern auf die Schwäbische Alb – vier Stunden hin, vier Stunden zurück, dazu ein mehrstündiges Gespräch. Teil zwei der Charme-Offensive folgte dann im August: Das zweistündige Gespräch im Präsidium mit Derege Wevelsiep selbst. Und offenbar hat Bereswill damit Erfolg gehabt. "Das Gespräch war wie eine Therapie für mich", sagt Wevelsiep strahlend. Jetzt könne wieder Vertrauen wachsen.

Sendung: hr-info, 7. September 2020, 6:00 Uhr