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Audioseite Verleger stoppt Investigativbericht über Bild-Chef

Eine Ausgabe der Frankfurter Rundschau in einem Briefkasten

Die Frankfurter Rundschau wollte eine investigative Recherche über den Chefredakteur der Bild-Zeitung veröffentlichen. Doch der Verleger stoppte die Veröffentlichung. Die Reporter sind empört. Auch der Deutsche Journalisten-Verband protestiert.

Über Monate hatte ein Team von "Ippen Investigativ" neue Details über Bild-Chefredakteur Julian Reichelt recherchiert. Die Untersuchungen sollen dem Vernehmen nach ein Verhalten zeigen, durch das die Entscheidung des Springer-Verlags, Reichelt im Mai dieses Jahres wieder zum Chefredakteur zu machen, unverständlich und skandalös wirke.

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Reichelt von Aufgaben entbunden

Infolge der jüngsten Medienberichte hat der Axel Springer-Konzern Bild-Chefredakteur Julian Reichelt mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Das teilte das Unternehmen am Montagabend in Berlin mit: Der Vorstand habe erfahren, "dass Julian Reichelt auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat". Neuer Vorsitzender der Bild-Chefredaktion werde der derzeitige Chefredakteur der Welt am Sonntag, Johannes Boie.

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FR-Chefredakteur: Verleger hat Veröffentlichung untersagt

Am vergangenen Sonntag wollte die Frankfurter Rundschau (FR) die Recherchen veröffentlichen, bestätigt FR-Chefredakteur Thomas Kasper in einer internen Rundmail, die dem hr vorliegt. "Ich habe mich persönlich von der journalistischen Unanfechtbarkeit der Recherchen vergewissert. So haben zahlreiche Zeuginnen unter hohem persönlichem Risiko ausgesagt. Deswegen haben wir gern zugesagt, dass wir die Recherche als Zeitungsredaktion in der Frankfurter Rundschau veröffentlichen", schreibt Kasper.

Doch aus der Veröffentlichung wurde nichts. Wie auch andere Zeitungen, die zum Medienhaus Ippen gehören, durfte die FR über die Ergebnisse der Recherche nicht berichten. "Am Freitag hat Verleger Dirk Ippen persönlich eine Veröffentlichung untersagt", schreibt Kasper in der Rundmail. Doch ganz stoppen konnte Ippen die Berichterstattung nicht. Die New York Times griff die Geschichte auf. Danach zog sie auch hierzulande ihre Kreise.

Die Mediengruppe Ippen bestätigte inzwischen die Intervention. "Als Mediengruppe, die im direkten Wettbewerb mit Bild steht, müssen wir sehr genau darauf achten, dass nicht der Eindruck entsteht, wir wollten einem Wettbewerber wirtschaftlich schaden", teilte das Unternehmen am Montag der Deutschen Presse-Agentur mit. Zur Ippen-Gruppe gehören auch Zeitungen wie Münchner Merkur und die Münchner Boulevardzeitung TZ.

DJV-Chef spricht von Beeinflussung von Pressefreiheit

Die betroffenen Reporter aus dem Ippen-Investigativteam, darunter Chefredakteur Daniel Drepper und Senior-Reporterin Juliane Löffler, zeigen sich "schockiert". In einem auf Twitter verbreiteten Protestbrief sprechen sie von "einer absoluten Verletzung des Grundsatzes der Trennung von Redaktion und Verlag".

Kritik an dem Vorgehen im Verlag kommt auch vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV). "Was nützt uns die Pressefreiheit in Deutschland, wenn Verleger Investigativteams zurückpfeifen, nur weil ihnen das Thema nicht passt. Das ist genauso eine Beeinflussung von Pressefreiheit wie Beeinflussung von Politikern und Wirtschaftsleuten auch", sagt der hessische DJV-Vorsitzende Knud Zilian.

Die abgesagte Berichterstattung sorgt offenbar auch in der FR-Redaktion für mächtig Wirbel. Aus Redaktionskreisen ist zu hören, dass es ein Fehler gewesen sei, den Bericht nicht zu veröffentlichen. Diskutiert werde nun, dies in einer Stellungnahme in der Dienstagausgabe auf Seite 1 zu thematisieren.

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