Eine Krankenschwester dokumentiert auf der Intensivstation Behandlungsschritte  (dpa)

Die vierte Corona-Welle baut sich weiter auf. Der ärztliche Direktor der Uniklinik Frankfurt sieht die Versorgung der Patienten schon heute gefährdet. Dabei ist absehbar, dass die Zahl der Intensivpatienten in den kommenden Wochen rasant steigen wird.

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hs
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"Die Situation ist äußerst kritisch", sagt Jürgen Graf, "was wir gerade machen, ist Krisenmanagement." Graf ist der ärztliche Direktor des Frankfurter Uniklinikums. Außerdem leitet er den Planungsstab für die stationäre Versorgung der Covid-Patienten im hessischen Gesundheitsministerium.

234 Corona-Patienten werden derzeit hessenweit auf den Intensivstationen behandelt, vor zwei Wochen waren es noch weniger als 200. In weiteren zwei Wochen werden es wohl mehr als 300 sein, rechnet Graf vor: Knapp ein Prozent der Neuinfektionsfälle lande auf der Intensivstation, das wären bei den jetzigen Zahlen 50 Intensivpatienten pro Woche zusätzlich. Da die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionen weiter steigt, dürfte sich diese Tendenz - zeitverzögert - auch auf den Intensivstationen abbilden.

Zwar ist die Lage in Hessen noch nicht so dramatisch wie in Bayern, wo sich die Kliniken auf die Triage vorbereiten und bereits Patienten nach Südtirol verlegt wurden. Doch auch hierzulande spitzt sich die Situation zu.

Notfallversorgung beeinträchtigt

In wenigen Wochen könnte die Zahl der Intensivpatienten deutlich über dem Höchstwert des vergangenen Winters liegen, warnt Graf. 2020 mussten zu Spitzenzeiten 575 Covid-19-Intensivpatienten versorgt werden.

Für die Kliniken bedeute die Situation schon jetzt, dass nicht mehr alle Patienten sofort die richtige Behandlung bekämen, sagt Graf. Auch die Notfallversorgung sei "beeinträchtigt". Besonders stark belastet seien die Versorgungsregionen Südhessen und Frankfurt/Offenbach. In letzterer waren am Freitag laut DIVI-Intensivregister 17 Prozent der Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt, hessenweit waren es gut 11 Prozent.

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Viele Pflegekräfte haben gekündigt

Problematisch sei das auch deshalb, weil deutschlandweit bis zu 30 Prozent weniger Intensivbetten vorhanden seien als im vergangenen Winter, sagt Graf. Rein materiell wären die Betten zwar vorhanden, aber sie können nicht angemeldet werden, weil Pflegekräfte fehlen. Nach den ersten Corona-Wellen warfen in der Branche viele Beschäftigte hin, weil sie in Folge der monatelangen Dauerbelastung "ausgebrannt, frustriert und desillusioniert" seien, so Graf.

Hätte diese Situation verhindert werden können? Timo Ulrichs, Epidemiologe an der Akkon-Hochschule in Berlin, hält das für möglich. Das Robert-Koch-Institut habe die vierte Welle in Modellierungen schon im Sommer ziemlich genau vorhergesagt, sagte Ulrichs am Freitag in der hessenschau. "Die Höhe dieser vierten Welle ist schon extrem, aber im Unterschied zur zweiten und dritten Welle im vergangenen Jahr haben wir das selbst zu verantworten."

Epidemiologe: "2G kam zu spät"

Er meine damit den hohen Anteil der Ungeimpften, die dazu beigetragen hätten, dass die Durchimpfungskampagne nicht erfolgreich war. Hinzu kämen weitere Faktoren wie die Delta-Variante, die sich wesentlich schneller ausbreite als der Urtyp des Coronavirus. Dass die neue Bundesregierung noch mit den Koalitionsverhandlungen beschäftigt ist, mache die Situation nicht besser: "Die Entscheidungen wurden nur sehr zögerlich und zu spät getroffen", sagte Ulrichs. Auch, weil sich die Bundesländer nicht getraut hätten, einschneidende Maßnahmen selbst zu treffen. Erst am Donnerstag hatten sich Bund und Länder nach langer Pause zu Beratungen getroffen, die Ergebnisse - unter anderem die flächendeckende Einführung von 2G - hatte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) im Anschluss verkündet.

Klinikleiter Graf gehen diese Maßnahmen nicht weit genug. Die einzige Möglichkeit, die Lage auf den Intensivstationen zu entspannen, seien die Auffrischungsimpfungen und sofortige Kontaktbeschränkungen. Auch Weihnachtsmärkte und Großveranstaltungen müssten abgesagt werden, fordert er. Epidemiologe Ulrichs sieht das anders: Versammlungen im Freien seien generell sicherer als in Innenräumen, deswegen seien Weihnachtsmärkte schon noch zu verantworten, so lange die Besucher dort eine Maske tragen.

Weitere Informationen

Wer treibt die Infektionszahlen in die Höhe?

Die meisten Neuinfizierten gibt es hessenweit laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts in der Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen. Hier wurden in den vergangenen sieben Tagen (Stand Freitag) 4.813 Neuinfektionen festgestellt. Bei den 15- bis 34-Jährigen gab es im selben Zeitraum 3.650 Corona-Fälle, bei den Kindern unter 15 Jahren 2.783 Infektionen. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist mit 457 dagegen bei den 5- bis 14-Jährigen am höchsten. Allerdings werden Kinder und Jugendliche in den Schulen zumeist auch häufiger getestet als Erwachsene.

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