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Audioseite Virologe Stürmer: "Regelmäßige Tests würden Betriebe sicherer machen"

Der Virologe Martin Stürmer steht im Labor und lächelt in die Kamera.

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Hessen stagniert. Für den Frankfurter Virologen Martin Stürmer kein Grund zur Entwarnung - im Gegenteil: Die vierte Welle nehme erst noch Fahrt auf.

Vier Millionen Menschen in Hessen sind gegen das Coronavirus inzwischen durchgeimpft, wie das Sozialministerium am Donnerstag mitgeteilt hat. Die Quote der vollständig Geimpften in Hessen liege damit aktuell bei 63,7 Prozent. "Das ist ein echter Meilenstein und zeigt, dass der größte Teil der hessischen Bevölkerung die Impfung bereits als Schlüssel zur Bewältigung dieser Pandemie erkannt hat", lautet das Fazit von Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne). Gleichzeitig gesteht er ein: "Wir müssen die Impfquote weiter steigern."

Auch der Frankfurter Virologe Martin Stürmer ist nicht zufrieden mit der erreichten Zahl an Impfungen. Im Interview mit hessenschau.de fällt seine Kritik deutlich aus: Die Politik lasse das Infektionsgeschehen jetzt einfach durchlaufen. Dabei werde die vierte Welle erst noch Gas geben, warnt Stürmer. Im Kampf gegen die Pandemie sollten aus Sicht des Experten auch die Betriebe die 3G-Regel einführen.

hessenschau.de: Im August hatten Sie noch die Zuversicht, dass wir keine massive vierte Welle erleben werden. Wie bewerten Sie die Lage jetzt, sehen Sie das heute auch noch so?

Martin Stürmer: Nein, es ist heute definitiv anders. Man muss ganz klar konstatieren, dass - warum auch immer - möglicherweise im Zuge der Bundestagswahlen man versucht hat, möglichst wenige Angriffspunkte und Verluste von Wählerstimmen in Kauf zu nehmen und einfach den Pfad der Infektionsvermeidung verlassen hat. Die Umkehr von der Inzidenz hin zur Hospitalisierungsrate als alleinigen Maßstab hat definitiv dazu beigetragen, dass Infektionen nicht mehr frühzeitig unterbunden werden. Dementsprechend muss man ganz klar sagen: Wir haben eine vierte Welle bekommen, die jetzt gerade etwas Pause macht, aber demnächst wieder Gas geben wird - wenn sie nicht schon im Beginn ist, nach oben zu gehen.

hessenschau.de: Eine Woche noch, dann beginnen in Hessen die Herbstferien. Befürchten Sie da auch wieder einen Anstieg der Infektionen durch Reiserückkehrer?

Stürmer: Es wird ein additiver Effekt sein. Es beginnt ja jetzt schon, wie man merkt, die kalte Jahreszeit. Wir werden wieder viel mehr Zeit drinnen verbringen. Und durch die Herbstferien wird auch nochmal ein gewisser Reisetourismus des Virus stattfinden. Sicherlich werden nach den Herbstferien und bis zwei, drei Wochen danach die Zahlen steigen. Es werden nicht nur die Reiserückkehrer sein, sondern es wird eher eine Mischung aus: Wir gehen wieder mehr in die Innenräume, durch die Freizügigkeiten der Politik dürfen wir auch den Abstand verkürzen und die Maske weglassen (dort, wo 2G erlaubt ist, Anm. der Red.), und es kommen die Reiserückkehrer aus den Herbstferien dazu. Dann werden wir die Zahlen dementsprechend steigen sehen.

hessenschau.de: In Hessen gelten außerdem neue Warnstufen, die Sieben-Tage-Inzidenz spielt keine Rolle mehr bei der Beurteilung der Corona-Lage. Die Landesregierung hat aber offen gelassen, welche Maßnahmen in Hessen greifen, wenn die erste Warnstufe überschritten wird.

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Zwei Corona-Warnstufen in Hessen

Die erste Stufe beginnt bei einem landesweiten Hospitalisierungswert über acht, also wenn innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner acht Patienten wegen Covid-19 auf eine Normalstation kommen. Unabhängig von der Hospitalisierungsinzidenz kann die Warnstufe 1 auch ausgelöst werden, wenn die Anzahl der Corona-Fälle auf hessischen Intensivstationen 200 überschreitet. Das entspricht in etwa zehn Prozent der hessischen Intensivbetten-Kapazität.
Die zweite Stufe beginnt ab einem Hospitalisierungswert von 15 oder einer Zahl an Intensivpatienten über 400.

Ende der weiteren Informationen

Stürmer: Richtig. Das zeigt mir auch, wie wenig man davon ausgeht, dass dieser Wert überhaupt erreicht wird in nächster Zeit, und dass man sich noch gar keine Gedanken gemacht hat, was man dann tun wird. Das spricht für mich dafür, dass man im Prinzip einfach einen Haken dran machen möchte: Man lässt das Infektionsgeschehen jetzt durchlaufen. Bis auf die Kinder unter zwölf Jahren könnten sich alle impfen lassen.

Auf der einen Seite bin ich auch der Meinung, wenn sich alle impfen lassen können, dann können wir zur Normalität zurückkehren. Das ist aber noch nicht der Fall. Und ich warne davor, die Infektionen bei den Kindern zu unterschätzen. Was jetzt als harmlose Infektion sozusagen im Primären verläuft, kann natürlich auch bei Kindern - das ist noch nicht richtig erforscht - zu Long-Covid-Symptomen führen, für die wir uns später dann irgendwo rechtfertigen müssen. Und das möchte ich für meinen Fall nicht tun.

hessenschau.de: Die letzten Impfzentren in Hessen schließen nun ihre Pforten. Rund ein Drittel der 18- bis 59-Jährigen in Hessen ist aber weiterhin nicht geimpft. Das sind über eine Million Menschen. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Stürmer: Wer sich impfen lassen wollte, hat alle Angebote ausgenutzt, sobald es möglich war. Und jetzt stehen wir da und haben die Unentschlossenen und die kompletten Verweigerer. Letztere werden wir nicht kriegen. Auch die Unentschlossenen werden wir mit den Standardangeboten, die wir bisher gehabt haben, nicht bekommen. Sonst wären sie schon da gewesen. Insofern ist es nachvollziehbar, die Impfzentren in der Form zu schließen. Man muss sich jetzt Alternativen überlegen, wie man die bekommt, die wir noch nicht haben, die wir aber noch kriegen könnten. Also was fehlt denen an Informationen oder an Zugängen oder an Alternativen? Das muss man einfach herausfinden und entsprechend reagieren.

hessenschau.de: Inzwischen kehren immer mehr Menschen ins Büro zurück. Wäre es ratsam, wie in der Gastronomie oder in Kultureinrichtungen auch in Betrieben die 3G-Regel einzuführen, um auch eventuell die Unentschlossenen zum Impfen zu motivieren?

Stürmer: Das ist sicherlich eine sehr vernünftige Idee. Wir selber machen es so, dass wir eine Mischung aus Geimpften und Ungeimpften hier im Labor haben, und wir führen weiterhin zwei bis drei Mal pro Woche PCR-Tests bei allen Mitarbeitern durch. Auch die Geimpften werden getestet, weil wir es uns nicht leisten wollen, dass wir Impfdurchbrüche übersehen. Insofern halte ich das für eine vernünftige Möglichkeit, Betriebe sicherer zu machen. Wir machen es in den Schulen ja auch so, dass die Schüler regelmäßig getestet werden. Gut, die können sich eben zum Teil nicht impfen lassen. Da wäre meiner Meinung nach auch ein noch konsequenteres Testen besser. Aber insgesamt finde ich schon vernünftig, auch in Betrieben und auf den Arbeitsplätzen durch regelmäßige Testungen eine zusätzliche Sicherheit reinzubringen.

hessenschau.de: Wenn wir nochmal auf die Gruppe der ungeimpften 18- bis 59-Jährigen schauen, die sich eher anstecken als Geimpfte: Wie groß ist aktuell die Gefahr für die Menschen aus der Hochrisiko-Gruppe, die eine Auffrischung bräuchten?

Stürmer: Ich denke nach wie vor, für die Allgemeinbevölkerung ist eine dritte Impfung nicht notwendig. Bei den allermeisten Leuten ist ein halbes Jahr noch nicht rum, seit sie durchgeimpft sind. Aber das Problem, das ich sehe, sind tatsächlich die Menschen, die in dieser Priogruppe 1 waren, also alte Menschen, immungeschwächte Menschen und die, die ein hohes Risiko haben für schwerste Verläufe. Die haben wir ja ganz am Anfang auf der Agenda gehabt. Und ich denke, dass ist die Gruppe, bei der man definitiv über eine dritte Impfung sehr intensiv nachdenken und es auch vor dem Winter definitiv tun sollte. Wir haben eben noch zu viele Ungeimpfte, die eine potenzielle Ansteckungsquelle und vor allem eine sehr viel wahrscheinlichere Ansteckungsquelle für diese Personen sind als Geimpfte.

Auch Geimpfte können natürlich das Virus weitergeben. Aber wenn wir eine sehr hohe Impfquote haben, dann ist insgesamt relativ wenig Virus in der Zirkulation und damit sinken natürlich auch die Wahrscheinlichkeiten. Wenn ich aber so wie jetzt in Deutschland immer noch einen sehr hohen Anteil an Ungeimpften und eine hohe Infektionszahl habe, provoziere ich auch das Risiko für Impfdurchbrüche. Und in der Gesamtlage sehe ich es schon als ganz wichtig an, dass wir zum einen die Ältesten und die Empfindlichsten unter uns durch die dritte Impfung schützen. Aber trotzdem sollten wir weiter versuchen, die Ungeimpften zum Impfen zu überzeugen. Das muss man zweigleisig sehen.

Die Fragen stellte Meliha Verderber.