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Stürmer: "Wir haben vier Wochen zu früh gelockert"

Portrait Martin Stürmer.

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt wieder, die Beschränkungen fallen. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer meint: Wir lockern zu früh. Ihm bereiten vor allem Herbst und Winter Sorgen.

Seit Tagen ist der Abwärtstrend der Infektionszahlen vorbei. In Hessen stecken sich wieder mehr Menschen mit dem Coronavirus an. Die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuansteckungen stieg am Dienstag auf 934.

Im Gespräch mit hessenschau.de sagt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer, dass der Anstieg an verfrühten Lockerungen liegen könnte. Für den Sommer glaubt Stürmer an sinkende Zahlen, macht sich aber große Sorgen um Herbst und Winter.

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Maskenpflicht im Unterricht fällt weg

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hessenschau.de: Herr Stürmer, erst sah es so aus, dass die Infektionszahlen im Sinkflug wären. In den letzten Tagen stiegen die Corona-Neuinfektionen immer weiter an. Ein beunruhigendes Zeichen?

Martin Stürmer: Das ist zumindest das Zeichen dafür, dass wir vier Wochen zu früh gelockert haben. Das liegt daran, dass Maßnahmen an bestimmte Kalendertage geknüpft waren - ohne Rücksicht auf das tatsächliche Infektionsgeschehen.

Dazu kommt die Untervariante von Omikron, die BA.2-Variante, die sukzessive die Oberhand genommen hat. Und wir wissen aus anderen Ländern, dass diese Variante nochmal infektiöser als die Ursprungsvariante ist. Bei dieser Kombination muss man sich nicht wundern, dass die Zahlen wieder steigen.

hessenschau.de: Bei den fallenden Beschränkungen - auch für Gastronomie und Clubs - erwarten Sie also, dass die Infektionszahlen noch mehr steigen?

Stürmer: Genau. Oder wenn jetzt in den Schulen die Masken nicht mehr an den Sitzplätzen getragen werden müssen. Das sind Faktoren, die nochmal Übertragungen begünstigen. Ich kann jedem in der Schule und außerhalb nur empfehlen, Masken noch für einen gewissen Zeitraum weiter zu tragen. Ich weiß, dass sie vielen auf den Nerv geht - das schließt mich mit ein - aber damit kann man sich sehr, sehr gut schützen.

hessenschau.de: Die Lockerungen waren also falsch?

Stürmer: Es ist nicht so, dass ich grundsätzlich gegen Lockerungen bin, denn wir waren ja auf dem richtigen Weg, die Zahlen sind nach unten gegangen. Aber dann kommt die Ungeduld. Vier Wochen später, mit einem milderen Klima und mit einer größeren Gewissheit, wo die BA.2-Variante steht, wären die Lockerungen sinnvoller gewesen.

hessenschau.de: Obwohl wir auch nicht wissen, wie es mit dieser Virus-Variante weitergeht.

Stürmer: Die Omikron-Ursprungsvariante hat unser Gesundheitssystem nicht überlastet. Wie hoch die Infektionen bei BA.2 werden, weiß keiner, aber wir haben schon höhere Zahlen gemeistert. Für mich ist die Frage vielmehr: Was passiert mit Long Covid im Zuge von Omikron und BA.2? Das sind für mich noch ungeklärte Dinge, und deswegen bin ich, ehrlich gesagt, nicht ganz so entspannt.

hessenschau.de: Wie entwickelt sich die Lage Ihrer Prognose nach in den nächsten Wochen und Monaten?

Stürmer: Die Zahlen werden über kurz oder lang deutlich sinken. Es wird wärmer werden und dadurch kommen wir in eine Situation, wo es deutlich risikoärmer wird, die Maske abzusetzen. Aber wir wissen bei Sars-CoV-2, dass es nicht die Saisonalität hat wie andere Erkältungsviren, die im Sommer praktisch gar nicht mehr auftauchen.

Insofern muss man darauf hinweisen, dass wir im Sommer auch Infektionsgeschehen haben. Ich gehe nicht davon aus, dass es in einer massiven Welle über uns herflutet. Mir machen Herbst und Winter deutlich größere Sorgen.

hessenschau.de: Warum?

Stürmer: Im Sommer denken wir, wir müssten nichts tun. Das ist der Fehler. Wir müssen uns jetzt zeitig Gedanken übers Impfen machen und wir sollten tunlichst im Sommer die Testungen und Variantenanalyse nicht einstellen, damit wir wissen, was da auf uns zukommt. So müssten wir uns nicht wieder im Herbst mit verschärften Maßnahmen das Leben schwer machen. Diese Option haben wir.

hessenschau.de: Gedanken machen übers Impfen - was meinen Sie damit?

Stürmer: Eine Impfpflicht ist kein Muss, aber würde helfen. Die Frage ist: Was definieren wir als Ziel einer Impfpflicht? Wenn wir schwere Verläufe vermeiden wollen, wird jeder sagen: Die haben wir mit Omikron gar nicht oft, denn Omikron ist milder. Aber wir wissen ja noch nicht, welche Variante dann dabei ist.

Es kann wieder eine Omikron-Welle sein, dann sind wir mit einem darauf angepassten Impfstoff gut aufgestellt. Wenn sich dann 20 Prozent nicht impfen lassen wollen, wird die Welt davon nicht untergehen. Sollten es aber neue Varianten sein oder Delta käme wieder, dann hängen wir da.

hessenschau.de: Was raten Sie den Menschen jetzt: Sich selbst beschränken oder zu einer Normalität übergehen?

Stürmer: Solange es nicht wärmer wird und die Zahlen deutlich nach unten gegangen sind, würde ich mich beschränkt halten und mit meiner Freiheit verantwortungsbewusst umgehen. Deswegen plädiere ich für Zurückhaltung.

Genießen, dass es im Alltag ruhiger und entspannter wird, aber auf keinen Fall überreizen. Das Signal an die Bevölkerung muss sein: Wir sind damit nicht durch.

Das Interview führte Simon Rustler.

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