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Virologe Preiser: "Man muss vom Worst-Case-Szenario ausgehen."

Der Frankfurter Virologe Wolfgang Preiser arbeitet in Südafrika. Dort hat er die neueste Corona-Variante B.1.1.529 analysiert. Im hr-Gespräch erklärt er, warum er sie für besonders gefährlich hält.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine südafrikanische Variante des Corona-Virus weltweit Besorgnis hervorruft. Erste Anzeichen deuten aber darauf hin, dass die Variante B.1.1.529 das Potenzial hat, sich noch schneller auszubreiten als die bislang vorherrschende Delta-Variante - und den Impfschutz zu umgehen.

Wolfgang Preiser stammt aus Frankfurt arbeitet derzeit aber als Virologe an der südafrikanischen Universität Stellenbosch sozusagen an vorderster Corona-Front. Im Gespräch mit hessenschau.de erläutert er, was die neueste Virusvariante so bedrohlich macht.

hessenschau.de: Herr Preiser, die jüngste Corona-Virus-Variante aus Südafrika versetzt die ganze Welt in Aufregung. Müssen wir uns tatsächlich Sorgen machen?

Wolfgang Preiser: Die neue Variante weist leider in ihrer genetischen Zusammensetzung Merkmale auf, die wir teilweise schon von anderen Varianten kennen und von denen wir wissen, dass sie mit unangenehmen Eigenschaften verbunden ist - etwa was die Übertragbarkeit angeht. Dazu aber hat sie noch eine Reihe weiterer Mutationen, deren genaue Auswirkungen noch nicht feststehen. Das heißt also, wir haben hier ein Virus, das sozusagen alle Alarmglocken läuten lässt und von dem wir eben Übles vermuten.

Hinzu kommt, dass sich Südafrika bis letzte Woche eigentlich in einer relativ ruhigen Phase nach dem Abklingen der dritten pandemischen Welle befand. Jetzt aber gibt es eine rasche und starke Zunahme der Infektionszahlen im Zentrum des Landes. Und diese wird offensichtlich durch die neue Variante ausgelöst. Wir haben also Anzeichen, dass sich diese Variante auch real in der Bevölkerung rasch ausbreitet. Und wir wissen aus dem Analogieschluss zu anderen Varianten, dass sie potenziell Anzeichen aufweist, die zur Sorge Anlass geben.

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hessenschau.de: Welche Eigenschaften sind das genau? Was macht B.1.1.529 so anders als die bisher vorherrschende Delta-Variante von Corona?

Preiser: Die Delta-Variante ist ja schon sehr leicht übertragbar. Die Frage ist nun: Ist das neue Virus noch leichter übertragbar? Dafür haben wir aus der bisherigen Beobachtung der epidemiologischen Lage hier vor Ort noch keine Hinweise. Wir vermuten, dass sie sehr leicht übertragbar ist, denn sie scheint sich ziemlich schnell auszubreiten - es wurden ja auch schon erste Fälle aus anderen Ländern gemeldet.

Der Frankfurter Virologe Wolfgang Preiser.

Die andere Frage ist, ob die neue Variante eventuell stärker krank macht, ob also das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs hier erhöht ist. Dafür haben wir bislang keine Anhaltspunkte. Ein ganz wichtiger Gesichtspunkt ist schließlich, inwieweit die neue Variante eine Immunantwort aufgrund durchgemachter Infektion oder einer Impfung unterlaufen kann. Unter den bislang bekannt gewordenen Patienten befinden sich etliche, die bereits eine Infektion durchgemacht hatten oder geimpft sind.

hessenschau.de: Die Impfungen waren also wirkungslos?

Preiser: Es kann auch nur bedeuten, dass die Immunantwort nicht optimal war, auch das kennen wir von der Delta-Variante. Der direkte Vergleich beider Varianten steht noch aus. Aber es gibt eben aufgrund der genetischen Ähnlichkeit doch Grund, Unangenehmes zu befürchten.

hessenschau.de: Das heißt, ob und in welchem Umfang unsere bisherigen Impfungen gegen B.1.1.529 helfen, lässt sich noch nicht sagen?

Preiser: Das kann ich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Auch da gibt es einige Mutationen in dem neuen Virus, die befürchten lassen, dass die Schutzwirkung der Impfung nicht optimal ist. Aber ich glaube, sagen zu können - basierend auf den Erfahrungen mit den bisherigen Varianten - dass eine Impfung das Beste ist, was man sich und seinen Mitmenschen tun kann. Da sie weiterhin guten Schutz bietet vor einer schweren Erkrankung und vor dem Tod.

hessenschau.de: Man weiß auch noch nicht, ob B.1.1.529 die Wahrscheinlichkeit erhöht, trotz Impfung das Virus weiterzugeben...

Ob hier die Infektion als solche schlechter verhindert wird, als bei anderen Varianten, wissen wir schlicht noch nicht. Aber eines ist ganz klar: Es ist nie eine gute Idee, es darauf ankommen zu lassen. Das ist zwar jetzt in erster Linie ein Appell an meine südafrikanischen Landsleute aber auch in Deutschland erkennt man ja gerade, dass nur eine umfassende Impfung der einzige Weg ist, um aus dieser Pandemie jemals rauszukommen.

hessenschau.de: Jetzt gibt es ja immer wieder neue Varianten. Aber nur wenige setzen sich dann auch weltweit durch. Glauben Sie, dass die neue Variante das Potential hat, sich auch über Südafrika hinaus weltweit auszubreiten?

Preiser: Ich fürchte, das ist eine realistische Möglichkeit. Ich wünsche mir, dass es nicht der Fall ist. Aber ich fürchte, wir müssen hier von einem Worst-Case-Szenario ausgehen.

Wir haben hier vor einigen Monaten eine andere Virus-Linie - das war noch keine Variante - sehr eingehend beobachtet, weil wir befürchtet haben, dass auch dieses Virus eventuell das Zeug hat, sich auszubreiten. Das hat es nicht getan. Es kann also immer noch eine angenehme Überraschung geben. Aber es ist besser, erstmal vom schlimmeren Szenario auszugehen und sich zu wappnen.

hessenschau.de: Was steht aus Ihrer Sicht als Virologe in den nächsten Wochen an?

Wir müssen in den kommenden Wochen dieses neue Virus sehr eingehend untersuchen. Einerseits im Labor, um das Virus zu charakterisieren und um zu schauen, inwieweit Geimpfte hier einen Immunschutz haben.

Was die epidemiologische Modellierung anbelangt, muss man alles zusammennehmen, um aus so einem neuen Virus schlau zu werden und wirklich abschätzen zu können, wie es sich tatsächlich auswirkt. Das hat uns die letzten zwei, drei Tage auf Trab gehalten. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir hier relativ kurzfristig mehrere dieser ungelösten Fragen beantworten können - zumindest teilweise.

Das Gespräch führte Gerd Kuhn.

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