Bildkombo: Daumenkino/Laura Mohn und Maria Möller

Mama, Toilette, Keks: Kinder mit Trisomie 21 brauchen die gleichen Worte, wie alle anderen Kinder. Damit sie diese leichter lernen, haben zwei Kommunikationsdesignerinnen spezielle Daumenkinos entworfen. Wie das geht, erzählen sie im Interview.

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Hände greifen bunte Heftchen mit Daumenkinos
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Laura Mohn weiß, wie es sich anfühlt, wenn Worte allein beim Sprechen nicht ausreichen. Ihre ältere Schwester kam mit Trisomie 21 zur Welt. Deswegen wurde in ihrer Familie zur gesprochenen Sprache zusätzlich gebärdet.

20 Jahre später haben Laura Mohn und ihre Freundin Maria Möller eine Abschlussarbeit in Kommunikationsdesign auf die Beine gestellt, die Gebärdensprache für Menschen mit Downsyndrom in den Mittelpunkt stellt. Innerhalb weniger Wochen haben die 26-Jährigen gezeichnet und getüftelt, was das Zeug hält und am Ende 100 Daumenkinos entworfen, die den Grundwortschatz von Kleinkindern in Gebärden-Daumenkinos zeigen.

Aus ihrer Abschlussarbeit ist inzwischen ein Produkt geworden, das die Kommunikationsdesignerinnen "talkingshands" nennen. Für ihre Arbeit haben sie mehrere Preise gewonnen, unter anderem den ADC Nachwuchspreis 2020, der besonders kreative Designs auszeichnet. Ein Jahr lang führten die Freundinnen ein Start-up, Anfang Oktober haben sie eine Mini GmbH gegründet, in wenigen Wochen sollen ihre fertigen Daumenkinos in den Druck gehen.

Im hessenschau.de-Interview erzählen die Kommunikationsdesignerinnen, warum sie sich gegen eine digitale Abschlussarbeit entschieden haben, an wen sich ihre Daumenkinos wenden und warum alle Kinder an Gebärdensprache Spaß haben.

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Gebärden-unterstütze Kommunikation (GuK)

Die Gebärden-unterstütze Kommunikation (GuK) wurde von Sonderpädagogin Prof. Etta Wilken entwickelt. Nach Angaben des Deutschen Down-Syndrom-Info Centers soll sie Kindern, die langsamer sprechen lernen, helfen, über Gebärden zur Sprache zu kommen. Vor allen Kinder mit Downsyndrom profitieren von der GuK. Bei dieser wird das Sprechen nicht ersetzt, sondern durch Gebärden unterstützt. Dabei werden vor allem Schlüsselwörter, Verben und Adjektive gebärdet. Demnach ist die GuK auch für Kinder ohne Sprachentwicklungsverzögerung geeignet, da es die Kommunikation und Inklusion fördern soll.

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hessenschau.de: Wie kommt man auf die Idee Gebärden-Daumenkinos zu entwerfen?

Laura Mohn: Meine Schwester hat das Downsyndrom, deswegen haben wir zu Hause mit ihr viel gebärdet. Das liegt daran, dass Menschen mit Downsyndrom verzögert sprechen lernen. In meiner Abschlussarbeit im Fach Kommunikationsdesign habe ich mir im vergangenen Jahr das Thema Trisomie 21 ausgesucht und mich entschieden Daumenkinos zu entwerfen.

Maria Möller: Wir wollten eine Lernmethode entwickeln, die Kindern mit und ohne Behinderung Spaß macht. Außerdem wollten wir eine Methode finden, die nicht digital ist, weil Kinder eh schon viel zu viel am Smartphone kleben. Und da haben sich die Daumenkinos als perfektes Medium ausgewiesen, weil sie Bewegung zeigen, ohne dass man digitale Hilfsmittel braucht.

hessenschau.de: An wen richten sich die Gebärden-Daumenkinos?

Maria Möller: Unsere Gebärden-Daumenkinos bestehen gerade aus 100 Wörtern und orientieren sich am Grundwortschaft für Kleinkinder, wie etwa: Mama, Papa, Toilette, Keks. Die Daumenkinos sind für Kinder mit Downsyndrom gedacht und für Kinder, die langsamer sprechen lernen. Die Methode dahinter nennt sich Gebärden-unterstützte Kommunikation und wurde von der Professorin für Sonderpädagogik Etta Wilken entwickelt.

Die Guk basiert zwar auf der Deutschen Gebärdensprache, ist damit aber nicht gleichzusetzen. Bei der Guk wird normal gesprochen und nur einzelne Wörter, wie etwa Schlüsselwörter werden gebärdet. Das ist besonders sinnvoll für Kinder mit Downsyndrom, weil diese Sprache visuell lernen. Die Guk ersetzt also nicht das Sprechen, sondern soll den Spracherwerb von Kindern fördern.

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Menschen mit Trisomie 21 in Hessen

Nach Schätzungen des Deutschen DownSyndrom-Info-Centers leben in Deutschland zwischen 30.000 bis 50.000 Menschen mit Trisomie 21. Eines von etwa 700 bis 800 Kindern wird demnach mit dem Down-Syndrom geboren. Ein zentrales Melderegister für Menschen mit Down-Syndrom gibt es nach Angaben des Downsyndrom-Info-Centers nicht. Auch das Sozialministerium verfügt über keine Angaben. Anders als in anderen Ländern gibt es bundesweit keine zentralen Meldestellen.

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hessenschau.de: Was zeichnet eure Karten aus?

Laura Mohn: Ich hab alles Gestalterische erledigt und die Karten gezeichnet, Maria ist für das Administrative verantwortlich. Uns war wichtig, dass wir die Karten schön und ansprechend gestalten und der Fokus auf den Händen liegt, damit die Gebärden klar ersichtlich werden.

Maria Möller: Es gibt auch bereits sogenannte GuK-Karten, allerdings fanden wir die etwas altmodisch und wenig zugänglich. Auf den älteren Karten sind Pfeile für die Bewegungsrichtung der Gebärde abgebildet. Wir finden aber, ein Daumenkino veranschaulicht besser, wie die Gebärde auszuführen ist. Außerdem war es uns wichtig, dass wir möglichst alle Kinder erreichen und nicht nur blonde weiße Kinder abbilden. Auf unseren Karten sind Kinder unterschiedlichster Hautfarben.

hessenschau.de: Eine Frankfurter Kita hat eure Daumenkinos schon getestet, wie waren die Rückmeldungen?

Maria Möller: Dort sind sie sehr zufrieden. Als wir selbst vor Ort waren, konnten wir sehen, dass die Kinder große Freude an den Daumenkinos haben und schnell begreifen, wie sie funktionieren.

Inzwischen sind wir auch kein Start-Up mehr, sondern eine Mini-GmbH. Ende Oktober geht unser Kartenset in den Druck, schon 100 Interessenten stehen auf der Warteliste, darunter Kitas und Privatpersonen. Wir planen auch noch weitere Daumenkinos zu entwerfen und freuen uns auf alles, was kommt.

Das Gespräch führte Anna Dangel